Ruhm und Ehre

am . Veröffentlicht in Kolumne

Als Duelle noch zum guten Ton gehörten, endeten sie zumeist tödlich.

Stets ging es um Ruhm und Ehre, beziehungsweise deren Verteidigung: „Auslöser des Duells war immer eine Beleidigung der Mannesehre. Als solche galt jede öffentliche Verächtlichmachung beispielsweise durch direkte verbale Beleidigung oder Herabsetzung, indirekte üble Nachrede, tätlichen Angriff, aber auch Verletzung der Ehre oder sexuellen Integrität von Frauen, die in der Obhut des Beleidigten standen - vor allem die Ehefrau, aber auch Schwester, Tochter, Verlobte“, so lernt man über den Ursprung des Duells bei Wikipedia.
Der Beigeschmack wird fader, wenn man in die Programmvorschau von Sat.1 für diese Woche blickt. Nicht türkische Mitmenschen haben zum Duell „Deutsch gegen Türkei“ aufgefordert, obwohl sie per Definition nicht wenig Grund dazu hätten. Nein, irgendwelche findigen Fernsehleute haben sich gedacht, dass es anlässlich des Fußball-Europameisterschaftqualifikationsspiels am kommenden Freitag doch lustig wäre, deutsche Prominente im Duell gegen in der deutschen Fernsehlandschaft bekannte türkische Prominente antreten zu lassen. Im Juni duellierten sich deutsche Protagonisten der bunten Fernsehwelt schon verlustreich gegen niederländische Kolleginnen und Kollegen. Anlass war auch Fußball. Nun, dass es scheinbar für knapp drei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer vergnüglich ist, deswegen auch noch abseits des Fußballplatzes nationalen Feindseligkeiten zu frönen, ist eine Sache. Angesichts der in den vergangenen Wochen ausgetragenen Diskussionen um Migrantinnen und Migranten stößt gerade ein im Fernsehen mittels alberner Spiele ausgetragenes Duell gegen die Türkei übel auf.
Es geht, wie bei den Duellen der Vergangenheit, um nichts weniger als „Ruhm und Ehre“, erweitert um „jede Menge Spaß.“ Heute ist nichts weniger als der Verstand vom Tod bedroht. Dass Thilo Sarrazin nicht Auslöser dieser Sendung ist, muss nicht betont werden, aber die Frage, weshalb überhaupt solche Sendungen zur Unterhaltung konzipiert werden, drängt sich auf. Gibt es eine heimliche Sehnsucht nach offen ausgetragenen Kämpfen, Duellen und Schlachten? Reichen verbale Verunglimpfungen nicht aus, um vermeintliche Wahrheiten ans Licht zu bringen? Und wenn das Duell für die Türkei mit einem Sieg endet? Dann hat Deutschland wohl auch ein bisschen gewonnen. Die wohnen ja schließlich alle hier, und ohne das deutsche Kulturgut, dem sie in den vergangenen Jahren ausgesetzt waren, wäre der Sieg nicht möglich gewesen. Spannung pur also.
Moderiert wird die Gaudi im Übrigen von Johannes B. Kerner. Das einzig Gute an Kerner ist nur noch, dass man seine Tätigkeit nicht mehr mit GEZ-Gebühren mitfinanzieren muss. Jetzt ist er ja wieder bei Sat.1 und hilft mit, unser Leben zu multicolorieren. Laut Ankündigung freut sich Gesichtswurst-Kerner auch schon ganz doll: „Deutschland gegen Türkei live in SAT.1 am 6. Oktober 2010 ist natürlich der eigentliche Hammer. Dass dann zwei Tage später noch Fußball gespielt wird, ist völlig in Ordnung.“ So weit, so doof, könnte man schweigend untern Tisch fallen lassen - wenn nicht ein Satz stutzig machen würde: „Wer holt nach elf Spielen aus den Bereichen Sport, Geschicklichkeit und Wissen den Pokal nach Hause?“ Wo ist denn „zu Hause“? Fährt das türkische Team nach Ankara und gibt den Pokal beim Präsidenten ab?