Falschfragen

am . Veröffentlicht in Kolumne

4-2_R_K_B_by_Friedrich-Frhling_pixelioImmer diese Wissenschaft! Das führt doch zu nix. Man rackert sich ab in Laboren oder Archiven, liest und schreibt, und am Ende interessiert es doch wieder keinen, außer die Kollegen vielleicht. Aber jetzt schon wieder so eine staubtrockene Fachtagung, Thermoskannen, Vorträge, Einzelzimmer in einem Kongresshotel am Arsch der Welt? Bäh! Dann doch lieber: Rampenlicht, Aufmerksamkeit und Medienpräsenz. Schlau und trotzdem Star, das geht. Populärwissenschaft heißt das Zauberwort.

Welcher Journalist steigt schon bis ganz nach oben in den Elfenbeinturm, wenn er doch in den Niederungen der stumpfsten Vorurteile wühlen kann? Für die Platzierung von Wissenschaft in den Medien muss eine knackige These her, möglichst was mit Sex. Die viel zitierten „amerikanischen ForscherInnen“ machen es vor. Zum Beispiel: Je höher der IQ, desto schlechter der Sex. Dumm fickt gut, das wurde an einer Uni in North Carolina im März 2009 endlich bewiesen, und die Presse reißt sich darum.
Auch an der Ruhr-Uni widmeten sich jüngst ambitionierte Köpfe der medienwirksamen Reproduktion von Stereotypen. „Frauen können schlechter einparken als Männer“, lautete die zu untersuchende These. Ein Bochumer PsychologInnen-Team um die Doktorandin Claudia Wolf weiß nun: Es stimmt! Männer parkten in ihrem Test 42 Sekunden schneller und drei Prozent genauer ein. Das liege einerseits am geringer ausgeprägten räumlichen Vorstellungsvermögen der Frauen, andererseits sei es das mangelnde Selbstbewusstsein der Autofahrerinnen, das ihnen Probleme bereite. Man spricht vom „weiblichen Dilemma“: Frauen speichern anfängliche Misserfolge ab, halten sich für schlechte Einparkerinnen und werden folglich auch später nicht besser.
Nun könnte man argumentieren, dass das „Phänomen“ vor allem das Ergebnis eines gesellschaftlich reproduzierten Macho-Spruches sei; dass diese Studie weiter dazu beitrage, die Verankerung des Vorurteils zu verstärken; dass die empirische Basis dünn sei (getestet wurden 65 Personen); dass der Versuch, die weibliche Unfähigkeit zu belegen, für ein von vorn herein mangelhaft ausgeprägtes Bewusstsein für Geschlechterfragen spreche. Man könnte überdies behaupten, dass die Erkenntnis,  das Selbstbewusstsein sei der stärkere Faktor, eigentlich hinreichend belegt, wie haarsträubend unreflektiert die Idee war, angebliche weibliche Parkdefizite auch noch wissenschaftlich manifestieren zu wollen.

Aber wozu der ganze intellektuelle Aufwand, wenn doch die versammelte Medienwelt diese Sorte „Wissenschaft“ begeistert frisst? Von WAZ bis Münchner Merkur schafft die Studie den Weg in die Schlagzeilen. Die BILD schreibt: „Lange Zeit galt es als Vorurteil, jetzt gibt es den Beweis: Frauen parken tatsächlich schlechter ein als Männer. Das fanden Forscher der Ruhr-Universität Bochum jetzt heraus.“ Dazu ein Bild von einem Auto, das zwei Frauenparkplätze blockiert. N-tv bringt einen Videobericht mit launigen Bildern von gescheiterten Parkversuchen: „Ist die Lücke noch so groß, wie trifft die arme Frau sie bloß?“ Na bravo, Ruhr-Uni. So geht das mit der Medienpräsenz. Und wehe, am Ende behauptet mir noch jemand, dass die ForscherInnen ja nichts dafür könnten, wenn die Presse so was schreibt. Können sie nämlich wohl: Sie haben die falsche Frage gestellt.

Für den Rest der ambitionierten NachwuchsforscherInnen an der RUB sind übrigens noch ein paar Premium-Vorurteile frei. Haben Neger eigentlich echt mehr Rhythmus im Blut? Das müsste mal einer empirisch angehen. Wie lautet der Quotient aus lateinamerikanischer Herkunft, Geschlecht und der Vorliebe für große Goldohrringe? Warum trinken Schwule immer Sekt? Na dann: An die Arbeit!