Rousseau an der RUB

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4-2:bsz-Kolumne

Es ist Herbst in Bochum. Ein schneidender Wind weht Samson ins Gesicht. Der Campus ist noch einen Tick grauer als zu anderen Jahreszeiten – wie es sich für einen richtigen RUB-Herbst gehört. Es ist kalt – fast winterlich kalt. Doch auch die Heizungswärme in der Campus-Center-Blechbüchse, wo Samson gerade seine täglichen Körnerbrötchen erworben hat, vermag den Herbstblues nur oberflächlich zu übertünchen. Lieber will er sich der Melancholie des herbstlichen Campus inmitten des schroffen Betonmeers der RUB allein im Freien hingeben, als in die erstarrten Gesichter seiner gehetzten Kommiliton_innen zu blicken, die im überteuerten Blechbüchsen-Luxuscafé dem Konsum frönen. Was tun gegen das Grau? Was tun gegen die Kälte?

 

Samson zieht es zu jenem Gebäude, das vor nicht einmal einem halben Jahrzehnt noch eine ganz besondere Aura hatte: das TuZ. Acht Monate lang hatten hartnäckige Konsum- und Systemverweigerer_innen die später zum Tutorienzentrum umgebaute Ex-Mensa besetzt gehalten, um ihren Widerstand gegen Studiengebühren und andere Formen der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche in gelebten Protest zu verwandeln. Acht Monate lang hatte es in der Freien Uni Bochum im Querforum West, wo im Sommersemester 2006 über 100 selbstorganisierte Veranstaltungen stattfanden, Brötchen für alle und Kaffee umsonst gegeben – bis sich der Rektor nicht entblödete, die Freie Uni Ende Januar 2007 durch zwei Hundertschaften der Bochumer Bereitschaftspolizei räumen zu lassen.

Knapp vier Jahre später, an diesem windigen Novembertag 2010, ist Samson nun von dem Wunsch geleitet, seine Brötchen ohne Erfrierungen an sensiblen Körperteilen draußen zu verzehren und macht sich von der Campus-Center-Blechbüchse zum TuZ auf, um nach einem Stuhl zu fragen und ihn vor der abgedunkelten Glasfront zu postieren – natürlich nicht ohne das Sitzmöbel nach dem Schmaus wieder hineinstellen zu wollen. Dies aber sei nicht erlaubt, entgegnet ihm der TuZ-Aufseher, es ginge nicht; nein, da könne ja jeder kommen. Auf sein Angebot, den Personalausweis als Pfand zu hinterlegen, redet die Wand nur abwesend weiter.

Nun gut, fragt er sich, wofür eigentlich zahlt man an dieser Einrichtung Gebühren? Für eine angestellte Wand, die einem dazu verhilft, sich sensible Körperteile abzufrieren? Für eine Wand, die offensichtlich dazu angestellt ist, um die ohnehin nicht gerade im Übermaß vorhandenen Sitzgelegenheiten im Freien weiter zu verknappen? Da könne ja sonst wahrscheinlich jeder kommen, die Penner und all das andere Gesindel auch, denkt Samson die Gedanken der Wand. Viele große Köpfe der Vergangenheit und Gegenwart sehen im Vertrauen eine Tugend, fügt Samson seine eigenen Gedanken und noch ein Rousseau-Zitat hinzu: „Das Vertrauen erhebt die Seele“. An dieser Universität jedenfalls wird einem offensichtlich nicht einmal das nötige Vertrauen entgegengebracht, um einen Stuhl auszuleihen.