Aussteigerindustrie

am . Veröffentlicht in Kolumne

Ich habe es versucht. Gott, was habe ich es versucht: mit Musik Geld verdienen. Aber es klappt einfach nicht. Die Proberaummiete, das Studio, Benzinkosten, das frisst einen auf. Oder mir fehlt einfach das Talent. Oder ich bin eigentlich schon toll, aber meine Bandmitglieder sind Versager. Ist ja auch egal, es klappt jedenfalls nicht. Neulich ist mir dann aber plötzlich der perfekte Plan eingefallen, wie es doch noch was wird, und der geht so: Ich gründe eine Ska-Band.
Das ist ja erstmal nix Neues. Genaugenommen ist es sogar die abgeschmackteste Idee überhaupt. Aber Moment: Ich gründe ja eine ganz besondere Ska-Band.

 

Es ist eines der ungeschriebenen Gesetze der Amateur-Musik, dass Ska-Bands immer auf Teufel komm raus das Wort „Ska“ in ihre Bandnamen würgen. Die Skatellites. Die Skamones. In Kamen gibt es eine Band, die allen Ernstes „Awesome Skampies“ heißt. Das lustigste Wort, das denen mit „Ska“ eingefallen ist, war wohl Scampie. Idioten. Ich mache es besser, denn ich habe ein Konzept: Ich gründe die erste Nazi-Ska-Band Deutschlands. Naja, eigentlich die zweite, denn es gibt tatsächlich eine Band, die sich „Nazi Ska“ nennt. Kein Witz. Die sind noch blöder als die Awesome Skampies. Aber ich schweife ab.
Meine Band heißt „Skazett“. Das ist geschmacklos, ich weiß. Aber es ist auch genial. Ich rolle die Szene von hinten links auf. Auf Anhieb fallen mir genug Songtitel für ein ganzes Doppelalbum ein. „Skadolf rules“ zum Beispiel. Oder „Thor Steinska heißt mein Pulli“. Oder „Reich-Skanzler“. Oder „Skaskammer“ Mit Doppel-Ska! Was werden die steil gehen auf unseren Konzerten, die Nazis. Und erst meine Ansagen: „Das nächste Lied ist in SS-Dur!“ Ein Selbstläufer auf jeder Nazi-Party. Da ist auch fast egal, was für ein Lied dann kommt. Danach noch ein entspanntes Two-Tone-Stück in SA-Moll, und die Leute liegen uns zu Füßen. Als Zugabe spielt der Posaunist den „braunen Ton“.
Mit diesem gnadenlosen Erfolgskonzept tingeln wir ein paar Monate über die Dörfer der Uckermark und der Sächsischen Schweiz. Alle zwei Wochen gibt es ein Heimspiel in Dortmund-Dorstfeld. Bei jedem Gig stehen mehr Leute vor der Bühne und feiern uns, Backstage lernen wir die Nazi-Bosse kennen, es gibt Mett-Igel als Catering und Aquavit hinterher. Irgendein schmieriger Widerling mit guten Kontakten in die Szene wird unser Manager. Auf den Demos laufen unsere Songs: Skazi-Demos. Eine kleine Skandinavien-Tour wird so sicher auch drin sein.
Eine Sache ist dabei ja wohl völlig klar: Ich bin kein Nazi, und meine Bandmitglieder auch nicht. Uns ist darüber hinaus völlig bewusst, wie kacke wir sind und dass man vor allem in der Nazi-Szene beim besten Willen nicht die dicke Kohle machen kann. Der beste Teil an meinem Plan ist  daher die Exit-Strategie: Wenn wir genug Eindrücke, verwackelte Live-Mitschnitte in grausamer Qualität und Tour-Tagebücher gesammelt haben, steigen wir aus der Szene aus und verkaufen unsere Story an die Presse. Damit das reibungslos klappt, werden wir dafür sorgen, bei den Nazis nur unter Pseudonymen bekannt zu sein. Anska, Skarmin, Oska, Skanette, was uns eben so einfällt. Das merken die nie! Die Medien werden sich auf uns stürzen. Spiegel online berichtet und die Zeit widmet uns eine Seite im Feuilleton. Wir können uns endlich ein eigenes Studio leisten, weil der Suhrkamp-Verlag eine Million für unser Enthüllungsbuch auf den Tisch gelegt hat: „Wölfe im Skafspelz: Sechs geniale Antifaschisten entern die Nazi-Szene“. Soll noch einer sagen, die Musik sei brotlose Kunst.