Fashion Victim

am . Veröffentlicht in Kolumne

4-2_WikimediacommonsIch bin wahrlich kein Opfer von Mode, ich mache nicht jeden Trend mit. Im Winter gibt’s Kordhosen – wenn es etwas wärmer ist, tut es eine Leinenhose. Obenrum was Schwarzes, Turnschuhe – fertig. So geht es ins Kino, zur Uni, auf eine Party, ins Theater und in die Kneipe. Ich kann die Modetests in der Glamour nicht machen, weil ich die Fragen nicht beantworten kann.

Was würde ich auf einer Fashion-Party tragen? „Ich kombiniere mein Mini-Kleid im Seventies-Look mit weißen Cowboy-Stiefeln und ziehe einen Mantel mit Roy Lichtenstein-Print drüber, den ich im Designer-Outlet erstanden habe“, ist nicht die geeignete Antwort für mich; ebenso wenig lautet die Antwort, dass ich eine glitzernde Schmetterlingsbrosche zu dieser Gelegenheit anlege. Broschen sind übrigens laut H&M-Magazin in dieser Saison ein gern gesehenes Accessoire bei Herren. Für die Dame empfiehlt sich der Yeti-Look. Was seit einigen Modeperioden immer geht, ist Strick. Die Vogue hält ihre LeserInnen dazu an, große Strickjacken als Kleid zu tragen. Ich freue mich schon auf diesen Anblick und zukünftige Besuche bei H&M, auf der Suche nach einer neuen Strickjacke. Oder einem Kleid. Strick ist nicht totzukriegen. Einst waren es Großmutters Socken, dann die DeutschlehrerInnen-Uniform – und nun der letzte Modeschrei. Vorteil oder auch Nachteil sind die verschiedenen Möglichkeiten, Wolle zu verarbeiten, zu färben, zu flechten, zu häkeln, zu stricken. Da kann es passieren, dass man in der Kneipe um sich blickt und zusammenzuckt.
Ein rosarotes, eng anliegendes Strickkleid umwollt eine etwa dreißigjährige, mäßig attraktive Frau. Der Mann neben ihr sagt, dass eine Falte eine schöne Frau nicht entstellen kann. Da mag er recht haben. Was er über die Auswirkungen des Kleides auf ihre Schönheit denkt, sagt er nicht.  Auf dem rosaroten Strickkleid sind Pilze. Zuletzt sah ich ähnliche Strickkunst an einem Kleinkind, das noch über die eigenen Füße stolperte und dessen Windel unter der rosa Wolle hervorlugte. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.
Die Modeindustrie macht sich, um den Streit zu umschiffen, die Mühe, verschiedene Typen zu identifizieren. Mann oder Frau, dick oder dünn, groß oder klein, Herbsttyp oder Pastelltyp. Die Frau ist offenbar ein Stricktyp, Farbe pink, Look infantil. Ich mache den Test. Es stellt sich heraus, dass ich ein Wintertyp bin und ich pink daher sehr gut tragen kann. Mit dieser Typisierung ist alles gesagt, alles gerechtfertigt; und wenn es zu meinem Leidwesen in dieser Saison keine Kordhosen in der Damenabteilung von H&M, aber bonbonfarbene Kleider von einem großen Designer zu kaufen gibt, ist mein nichtssagender Geschmack schuld, dass ich ganz unauffällig meinen Weg durch die Nacht gehe.
Ist man mehr der elegante Typ, gilt es, dies auch in seiner Kleidung auszudrücken. Was will mir also dieses rosarote Pilz-Strickkleid sagen? Es lässt mich nicht los. Ich bin paralysiert. Die Frau hat alles richtig gemacht, um sich in der grauen Nacht von ihren Mitstreiterinnen im Kampf um Aufmerksamkeit und Einzigartigkeit abzusetzen. Aber ob es dem Teint schmeichelt?