Paradoxon, das

am . Veröffentlicht in Kolumne

:bsz-Kolumne

Leider begegnen wir dem Phänomen des Widerspruchs nur selten in seiner Verwendung als Stilmittel. Die meisten Widersinnigkeiten werden der Welt vom Menschen zugefügt. Gerne wird zum Beispiel betont, dass Nadelbäume das ganze Jahr über grünen. Zu Weihnachten stellen wir uns dann eine geschlagene Tanne ins Wohnzimmer, um sie ein paar Wochen später hübsch verdorrt auf den Müll zu werfen. Oder wir meckern mit Vorliebe über diejenigen, die ständig meckern. Menschen zeichnen sich also nicht durch ein Vermögen zur Sprache oder durch ihren Verstand aus, sondern durch die einzigartige Fähigkeit, zu nörgeln.

Motzen und mäkeln, ohne thematischen Schwerpunkt, scheint viel eher das zentralste Kriterium zu sein, das den Menschen als homo sapiens sapiens charakterisiert. Ein gewisses Quantum Denkfaulheit, reichlich geistige Zeugungsunfähigkeit und eine Schippe Kaltschnäuzigkeit gehören natürlich auch dazu. Zum Warmwerden beginnt man am besten mit der Jugend (idealerweise gehört man selbst noch dazu), dem Wetter oder der Politik. So schafft man die perfekten Voraussetzungen für ein Trauerspiel in drei Akten. Wer sich zur Königsklasse der professionellen Spötter zählt, regt sich schon allein aus Prinzip über alles auf. An Stammtischen, in U-Bahnen und in Cafés kann man in gewissermaßen lose vernetzten Runden prüfen, ob man bereits in der Lage ist, wie ein Profi zu meckern. Mithilfe dieser Vergleichssimulationen erreichen auch ungeübte NörglerInnen nach kürzester Zeit einen ausreichenden Grad an authentischer Primitivität.

Vielleicht fordern wir dann zur Abwechslung die interkulturelle Vernetzung von Kulturschaffenden, gehen aber zur gleichen Zeit davon aus, einem Regisseur mit anderem kulturellen Hintergrund müsse ein „deutscher Blick“ auf Goethes Faust verwehrt bleiben. Wer meint, dies sei lediglich ein Einzelphänomen, der irrt. Denn ganze Kulturredaktionen, wie kürzlich die Bochumer Lokalredaktion einer bekannten Tageszeitung, reproduzieren ein Vorurteil nach dem anderen. Manche würden sogar so weit gehen zu sagen, dies seien nicht nur Vorurteile, sondern schon handfeste kulturelle Ressentiments. Glauben diese RedakteurInnen tatsächlich, deutsche RegisseurInnen könnten Faust irgendwie „besser verstehen“ oder seien kulturhistorisch prädestinierter als andere, um Goethes Dramenklassiker zu inszenieren? Man möchte meinen, die Damen und Herren in den Kulturredaktionen hätten eine Universität besucht, dort vielleicht sogar studiert und schon einmal etwas von dem Begriff Ethnozentrismus gehört. Dann wüssten sie, dass damit die Tendenz bezeichnet wird, dass Menschen ihre Mitmenschen im Allgemeinen an dem eigenen Lebensstil messen und beurteilen. Oder haben sie einfach nur vergessen, dass Goethe auch der Autor des West-Östlichen Divans ist?

Bei Goethe begegnet das lyrische Ich, das den FeuilletonistInnen hiesiger Zeitungen einiges voraus zu haben scheint, persischer Dichtung mit Gelassenheit und betrachtet sie als gleichberechtigt. Stattdessen schreibt die lokale Presse über Mahir Günsiray, dessen Faust-Inszenierung am Wochenende Premiere im Schauspielhaus feierte: „Und jetzt kommt ein türkischer Regisseur, macht aus der Ergriffenheit in der Osternacht schlichten Sinneswandel und lässt einen Satz weg, der uns heilig war.“ Uns? Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass Britinnen und Briten nicht jedesmal derart aufschreien, sobald ein Deutscher oder eine Deutsche es wagt, Shakespeare zu inszenieren.