Gott sei Dank

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„Lyrik für Anfänger“-Kurs an irgendeiner VHS, zweite Stunde: der Dozent steht vor zwei Handvoll zukünftiger DichterInnen. „So, nachdem ich Ihnen in der letzten Woche die Grundlagen der Lyrik vermittelt habe, wollen wir heute mal ans Eingemachte gehen!“ Hausfrauen und Hobbyreimer schauen den Dozenten ehrfurchtsvoll an und warten auf die Eingebung. „Am Besten ist es, wenn man erst mal assoziiert. Was fällt Ihnen zum Beispiel zu dem Wort ‚Leben‘ ein?“ In der ersten Reihe meldet sich ein hochgewachsener Mann mit Glatze und dreieckigen Haarinseln jeweils auf der linken und der rechten Wange; er sagt: „Wir war‘n geboren um zu leben, für den einen Augenblick, bei dem jeder von uns spürte, wie wertvoll Leben ist.“ Der ehemalige Germanistikstudent ist begeistert: „Toll, super, da haben wir ein richtiges Talent in unseren Reihen!“ Der Schüler lächelt mild, ein Hauch von Stolz blitzt zwischen den Haarinseln auf. So könnte die Genese eines der schlimmsten Nummer-eins-Hits der deutschen Hitparade begonnen haben. „Lyrik ist schwyrik, leicht wird sie schmyrik“, meint Wiglaf Droste und hat recht. Der Graf, wie sich der Mann nennt, der mit seiner Band Unheilig seit Monaten die Verkaufscharts stürmt, hat noch mehr zum Begriff  ‚Leben‘ assoziiert. So auch im neuesten nerventötenden Hit, passend zum Wiegenfest des Jesus von Nazareth: “Rückt das Leben näher zusammen, spiegeln Träume sich im Winterland...“ Dass sich mit dem Lyrik-Kurs nichts gebessert hat, zeigen eindrucksvoll die Assoziationen, die der Herr Graf zur ersten Frau der christlichen Welt auf dem zweiten Album aus dem Jahre 2003 verarbeitet hat: „So viel Lust in dir, geschmeichelt von mir? Meine Haut ganz nah bei dir. Sag was dein Herz erzählt. Eva.“ Aber mal abgesehen von der Schmyrik, der man ja noch entkommen kann, wenn man keine lokalen Radiosender hört oder Viva guckt, ist die televisionelle Präsenz des Grafen. Allein zwei Gastauftritte in diesem Jahr bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten, ständig sitzt der ehemalige Hörgeräteakustiker – wen wundert‘s? – auf irgendwelchen Sofas im Fernsehen rum und labbert, was das Zeug hält. Nun wünscht er den Zuschauenden von RTL II ein frohes Fest: „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft; bis es kracht.“ Dafür ist der Graf also prädestiniert, gehören die Töne, die er produziert doch zur Neuen Deutschen Härte.

Es war Kant, der erkannte, dass es zwei unergründliche Dinge gibt: „Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Nun, für den Grafen scheint das nicht zu gelten, hat er auch hier ein paar passende Assoziationen zu Gott und dem Himmel in dem Liedchen Himmel über mir zusammengereimt: „Du bist der Himmel über mir. Und die Antwort, die erklärt, wohin man geht, wenn man stirbt.“ Was das moralische Gesetz im Grafen angeht, so bleibt es entgegen Kants Erkenntnis auch nicht ungeklärt: „Du bist für mich kein Gesetz, kein Gebot. Ich trage dich in mir noch länger als den Tod. Alles was ich bin und jedes Gefühl, das ist von dir. Und bei allem, was ich tue, bist du immer bei mir.“ Na, Gott sei Dank.