Spekulative Poesie

am . Veröffentlicht in Kolumne

:bszkolumne

Neulich belauschte ich im Museum das angeregte Gespräch eines Pärchens, das vor einem Gemälde der Kategorie Synthetischer Kubismus stand und über die Aussage fachsimpelte, die der Künstler mit seinem Werk in die Welt zu senden gedachte. Mithilfe experimenteller Assoziativmethodik betrieben sie eine Art Hypothesentennis – wie zwei Automechaniker, die in vorwärtsgerichteter Beugehaltung über der Motorhaube eines liegen gebliebenen VW Golf hängen und sich in Ermangelung ernsthafter Prognosen wilder Spekulationen hingaben.

Ich rückte unauffällig etwas näher heran und hörte einen der beiden sagen: „Es hat eine gewisse eigenartige…“ Sie: „Stille Intensität?“ Er: „Nein, das würde ich nicht sagen.“ Sie: „Ach. Dann vielleicht eine gewisse schreiende, gelöste Transzendenz.“ Er: „Nein, was ich sagen will, ist…“ Sie: „Wie wär`s mit einer stillen und doch schreienden, gelösten Intensität?“ Dass es eigentlich die exakte Wiedergabe ihres geistigen Zustands war, konnte sie ihm natürlich nicht sagen. Privilegiert durch fehlendes Kunstverständnis entwickelten sich die profanen Spekulationen des Pärchens im Ohr des geneigten Zuhörers zu bildreicher und beeindruckender Lyrik. Das Gedicht trägt den Titel „Im Arsch“ und thematisiert die Relation zwischen Individuum und Kunstwerk unter Bezugnahme auf das zentrale Moment der Ahnungslosigkeit. Die Erstklässlerin, die sich im Bus mit ihrer etwa sechsjährigen Freundin unterhielt, war – was ihr Kunstverständnis angeht – schon weiter. Ihre nüchterne Argumentation war beeindruckend: „Lena Meyer Landrut hat die Goldene Kamera bekommen. Sie hat den Preis bekommen, weil sie einfach IRGEND-ETWAS gemacht hat.“ Das ist natürlich unerträglich. Dass die messerscharfe Urteilsfähigkeit dieses Mädchens bereits in solch frühen Jahren derart elaboriert ist, verängstigt naturgemäß die sprechgereizte Riege gestandener Kunstdozenten, die sich Woche um Woche abmühen, ihre hochkomplexen Ergüsse an ihre Studierenden zu entsenden. Ich frage mich, wie denn das möglich ist, wo doch die akademische Weisheit eigentlich erst in einem mehrjährigen Studium zu erreichen ist. Die intuitive Auffassungsgabe dieses Mädchens beweist: Es gibt neben Elfenbeinturm-Arroganz offensichtlich einfachere Methoden, ein patentes Urteil über zeitgenössische Kunst und Kultur zu fällen. Der Wunsch, man möge in diesem Land endlich zu einem unbefangenen und offenen Umgang mit kreativwirtschaftlichen Erzeugnissen und dessen Rezeption zurückkehren, gewinnt anhand dieses Beispiels an Plausibilität. Welch eine utopische Vision: Studierende der Kunstgeschichte flanieren mit einem längst vergessenen Glanz des Glücks in den Augen durch die Kunstsammlung der RUB. Sie erfreuen sich an spontan entstehenden Eindrücken, verzichten auf pseudo-intellektuelles Geschwurbel und verachtendes Distinktionsgehabe gegenüber den anderen nicht-Kunst-studierenden Peer-Groups. Das klingt vielleicht ein bisschen zu profan für all jene, die sich auch weiterhin regelmäßig mithilfe von Ab- und Ausgrenzungshandlungen ihrer eigenen Identität versichern wollen, aber es könnte zu nachhaltigerer und weiterreichender Freude führen als die einfallslose Stigmatisierung Ahnungsloser.