Es war einmal…

am . Veröffentlicht in Kolumne

Er sagt Sekte. Sie sagt Scheidung. In den meisten Fällen ist das Leben eine Parodie auf die Ideen, die wir von ihm haben. Aber es ist nicht nur eine Parodie auf unsere, sondern auch auf die Ideen, von denen wir annehmen, dass andere sie hätten. So auch bei Katie Holmes und Tom Cruise. Ihr erinnert euch? Diese Schauspieler aus diesen Filmen da. Ja, ja. Er in weißen Socken, Sonnenbrille, Hemd, Boxershorts und behaarten Beinen. Top Gun. Eyes Wide Shut und so. Sie: Hab ich vergessen. Aber ans Gesicht und die braunen Haare erinnere ich mich. Damit Cruise die gemeinsame sechsjährige Tochter nicht immer mit zu seiner Scientology-Clique nimmt, lässt sie sich jetzt scheiden. Hm. Dass er einen Ort mit Heilsversprechen gefunden hat, um seine Gagen zu investieren, ist doch schon seit der ersten Ehefrau bekannt. Und dazwischen kam immerhin noch Nicole Kidman. Katie, wenn eine Truppe wie Scientology gerne mal mit deinem Wunschpartner Werbung für sich macht und Tom die Begeisterung über die gemeinsame Verbindung öffentlich erwidert, kannst du davon ausgehen, dass er – naja, sagen wir mal – überzeugt ist. Wenn er nach Hause kommt und vom Clearing erzählt, dann meint er damit nicht, dass sein Produzent ihm nochmal die Vertragskonditionen für seinen nächsten Film erklärt hat. Jetzt tritt Katie also mit ihrem Anwalt vor Gericht an, damit ihr das alleinige Sorgerecht zugesprochen wird. Sie können mein Gesicht jetzt nicht sehen, aber beenden möchte ich diesen Ausflug in die Randbezirke des Boulevard – aus gegebenem und persönlichem Anlass – mit Worten des italienischen Dichter-Fürsten Dante: „Das Gesicht verrät die Stimmung des Herzens”. Ich weiß nicht, was Ihnen mein Gesicht jetzt verraten würde, wenn sie es sehen könnten, aber seien Sie versichert, dass ich innerlich ziemlich zerrissen bin. In diesem Sinne: che vinca il migliore, möge der Bessere gewinnen. Ansonsten gilt: Naja, man vertut sich schon mal, genau genommen ständig. Alle - in Hollywood wie in Höntrop - liegen mal daneben. Eigentlich könnten wir uns unsere Leben als eine Aneinanderreihung von Pleiten erzählen. Permanent folgt auf eine Fehleinschätzung die nächste. Hat nicht auch schon Goethe gesagt: „Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben?“ Aber sind unsere Irrungen im Urteil deswegen auch gleich Fehlentscheidungen von der Tragweite einer Ehe mit Scientology-Cruise? Problematisch mit unseren Einschätzungen wird es doch erst dann, wenn wir es mit irreversiblen Entscheidungen zu tun haben. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Entscheiden sich Eltern beispielsweise für die Beschneidung ihres Sohnes, fehlt ein Stück und kommt auch nicht mehr wieder. Je nach Narrativ stehen sich dann gewöhnlich Kritiker von Körperverletzung und Verfechter der Religionsfreiheit gegenüber. Tja, manche Geschichten beginnen mit „Es war einmal...“, andere enden damit. Was für die Einen nach bitterbösem Märchen klingt, ist für andere die Floskel der feststellenden Vergangenheit. Der Unterschied: Nur auf einem der beiden Wege können wir mal eben kurz zwischenspeichern und was ausprobieren. Jetzt aber bitte nicht klagen oder gar traurig sein. Denn wirklich wichtig ist doch letztlich nicht, ob wir am Ende scheitern, sondern, ob uns eine Sache trotzdem so viel wert ist, dass wir bereit sind, ihr Scheitern zu riskieren.