Bitte oszillieren Sie!

am . Veröffentlicht in Kolumne

Hausarbeiten sind die Steuererklärungen des Studiums. Keiner hat so richtig Bock darauf, aber gemacht werden müssen sie trotzdem. Irgendwann. Bis dahin liegt das Werk halt nur als Fragment vor. So ein Studentenleben changiert gewöhnlich irgendwo zwischen Prokrastination und Prüfungsstress. Anscheinend lassen sich Hausarbeiten ihrem Wesen nach nur aufschieben oder zu spät abgeben. Donnerstags leiden wir unter Überforderung. Freitags beklagen wir uns über niedrig gehängte Leist­ungslatten und feiern in fröhlicher Verblendung die allgegenwärtige Unterforderung. Vor allem Hausarbeiten und Praktikumsberichte scheinen mehr natürliche Feinde zu haben als alles, was laut dem WWF auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten steht. Eine besonders gefährliche Klasse der Variante Motivationsfressfeind ist das Internet. Taucht irgendwo ein YouTube-Link auf, leiden wir unter akuten Aufmerksamkeitsdefizitstörungen. Statt zu lernen, machen wir dann irgendeinen Scheiß im Internet. Manchmal wochenlang. Naht das Semesterende, glänzt die Küche, weil wir lieber zu Schwamm und Spülmittel greifen, als das Word-Dokument des Todes zu öffnen. Sitzen wir dann irgendwann doch vorm Rechner, nur einen Klick von der Arbeit entfernt, dann hören wir die Hemmschwelle, aber auch die Signale an die innere Hirnwand klopfen. Manchmal klingen sie wie Tocotronic: „Bitte oszillieren Sie!“, manchmal wie Mutter: „Was du heute kannst besorgen, ...“ Mein Geist verlässt meinen Körper, wird mehrere, um mich ordentlich umzingeln zu können, und ich ein Anderer. „Hör auf deine Mutter“, „Was sollen denn die Dozenten denken?“ „Was soll nur aus dir werden?“ „Du musst, du musst, du musst.“ Stopp! Stopp! Stopp! Schluss mit dem Scheiß. Alles, was nach neoliberalem Selbstoptimierungsratgeber klingt, hält jetzt mal kurz die Füße still und lässt mich gefälligst raus aus diesem Kirmeskarussell der stellvertretenden Selbstunterwerfung. Ey, ihr Mütter, Über-Ichs und Freudsche Fehlleistungen – überfordern kann ich mich alleine. Für meinen Kopf gilt das Gleiche wie für demokratische Wahlen: Jeder nur eine Stimme und zwar die eigene. Und die sagt: geht gerade nicht. Anwesenheitspflicht gilt nicht für den Kopf und das ist gut so. Es ist die wahrscheinlich letzte Bastion weltablehnender Askese, in der wir bei Bedarf unerreichbar bleiben können sollten, um in fröhlicher Versenkung kontemplative Supervision zu betreiben. Meist ist die Motivation dabei ja gar nicht weg, nur woanders. Denn: Was habe ich nicht schon alles ohne Absicht gelernt, gemacht und für leidige Pflichten erledigt, während ich angestrengt damit beschäftigt war, Anderes, eben Auferlegtes, vor mir herzuschieben und mich vor geistigen Pflichtveranstaltungen zu drücken? Ich habe (mit Freude) Klassiker der Weltliteratur gelesen, die gefühlte Hälfte sämtlicher auf YouTube verfügbaren Dokus gesehen, meine Steuererklärung gemacht, die Blumen gegossen, die Katzen gefüttert und die Wäsche gewaschen. Aber um ehrlich zu sein: All das erzähle ich euch nur, weil auch ich jetzt gerade wieder prokrastiniere. Eigentlich sollte ich nämlich eine Kolumne schreiben. Aber ihr könnt mich mal, ich ess jetzt ‘n Keks.