Blasentee

am . Veröffentlicht in Kolumne

Es fing ganz harmlos an. Da war auf einmal dieser kleine Laden und schüttete den Bochumerinnen und Bochumern und allen Gästen der Stadt bunte Perlen ins Getränk. Anscheinend ein tolles Trendgetränk aus den USA. Oder aus Japan. Die machen da immer so komische Sachen, die Japaner. Und die Amis so ungesunde. Bubble Tea nennt sich das. Die Blasen sind deutlich zu erkennen und als solche zu identifizieren: Sie sind rund und bunt, das kennt man und ist beliebt. Die Verbindung zwischen Tee und dem servierten Getränk indes ist nur schwer auszumachen. Andererseits ist auch in Lidl-Eistee Tee drin. Aber anscheinend ist es waaahnsinnig lecker, denn kurze Zeit später wurde eine Straße weiter in der Innenstadt auch gebubbelt. Und siehe da, noch so ein Büdchen! Dann eins im Uni-Center. Und noch eins in der Stadt. Und auf einmal kippt McDonald‘s Murmeln in seine Getränke. Innerhalb eines Quartals sind diese Läden in der Innenstadt aus dem Boden geschossen, wie Pusteln auf der Haut nach einem kurzbehosten Ausflug ins Brennnesselfeld. Noch nie war Blasentee so beliebt, möchte man meinen! Sogar in Herne, der Stadt, in der sogar die Fastfood-Restaurants in der Fußgängerzone dichtmachen, gibt es so einen Laden, der angeblich Lebensmittel verkauft, aber wie all diese Büdchen so steril und technisch wirkt wie eine Pokémonklinik. Vielleicht handelt es sich ja um Pokébälle im Larvenstadium? „Einmal Hagebuttentee mit Bisasam-Geschmack!“ Wer‘s lieber asiatisch mag, nimmt Litschiliquid mit Entonperlen. Das klingt leckerer als eine andere Assoziation, die sich unweigerlich, zumindest optisch, aufdrängt: Badezusätze. Selbstauflösende Perlen, die Mutter zwecks Duftgewinn ins Badewasser kullern lässt. Und das soll man trinken? Von diesen Bubble-Tea-Läden gibt es Dönerbuden gleich Millionen. Kebabs sieht man allerdings allzeit und allerorten, aber hat man jemals Menschen in aller Öffentlichkeit und voller Hingabe Bälle durch Strohhalme saugen sehen?  Es ist doch mehr als verwunderlich, dass es mehr VerkäuferInnen als KäuferInnen zu geben scheint. Lugt man hinein in einen solchen Verkaufspunkt, bietet sich stets das gleiche Bild. Es sind nicht Scharen von lachenden, kichernden und wonneerfüllten Kindern, die sich am maximalstmöglichen Zuckergehalt berauschen. Es sind vielmehr die gelangweilten Aushilfsverkaufskräfte, die hinter der Theke zwischen chinesisch beschrifteten Bechern und ausgefallenen hochspezialisierten Maschinen ihrem Feierabend entgegensehnen. Genialer Geschmack und Spitzenspaß ist wohl nicht das Teegeheimnis. Ergo muss da mehr hinter diesen Blasen stecken. Etwas, das nicht KonsumentInnen anlockt, sondern den Geschäftsmann oder die Geschäftsfrau. Und ihrem Riecher fürs Geschäft eine Wäscheklammer aufsetzt. Was, wenn es bei dieser Erscheinung ausnahmsweise nicht um Konsum und Kommerz geht, sondern wenn es sich um eine gezielte Kampagne gegen die allgemeine Gesundheit handelt? Was, wenn die Methoden der ominösen Macht, die hinter diesem perfiden Plan steckt, ob der leeren Läden mit der Zeit aggressiver werden? Bald lässt man die Bubbeln sich bewegen im Sud. Dann quietschen, denken und wachsen. Abrichten und scharf machen. Ich muss an die Killertomaten denken und erschaudere.