:bszkolumne: Von Mücken und Elefanten

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Es gab eine Zeit, da war ein Mückenstich eine kleine Sache. Einmal gestochen, half etwas Spucke oder die Wärme einer glühenden Zigarette, um den Juckreiz zu beheben. Hartgesottene kratzten sich den Stich einfach weg. Zartere Gemüter suchten auch schon mal den Weg in die Apotheke und baten um ein kühlendes Gel oder einen ausfahrbaren Stift, den man im Ausland auch gelegentlich mit Lippenbalsam verwechseln konnte und erst durch den bitteren Geschmack als das ausmachte, was es war: Beruhigungsmittel. Alles halb so wild jedenfalls. Treibt man sich dieser Tage jedoch in der Natur herum, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Mörderische Killermoskitos stechen problemlos durch modernste Faserstoffe. Unidentifizierbare Kreuzungen aus Biene, Motte und Bremse klammern sich an jede freie Stelle des menschlichen Körpers, beißen sich fest und sind lediglich mit technischen Hilfsmitteln wie Kneifzange oder Feuerzeug zu beseitigen. Gelingt es dem Naturfreund nicht, sich durch Imkerhelm und Hochspannungsinsektenklatsche vor den gemeinen Angreiferinnen zu schützen, schwillt der gestochene Körperteil auch schon mal um das Doppelte an. Oder das Dreifache! Vierfache! Manchmal schwillt er förmlich über. Wohl dem, der bei einem Stich in die Hand ein Mobiltelefon mit Rentnertastatur besitzt. Denn andernfalls wird man ob der dicken Finger vom Notruf nur noch halluzinieren können. Schafft man es dann doch ins Krankenhaus, erwartet einen direkt eine ganze Armada von Salben und Spritzen, in zahlreichen Fällen geht’s direkt zur Amputation, im schlimmsten Fall gar ins Hospiz. Die Menschheit ist bedroht! Wie soll man umgehen mit dieser Bedrohung, diesem ungeheuren Ungeziefer, das sich in den Tümpeln, Biotopen und Kanälen unserer Städte paart, kreuzt und vermehrt, um dann in immer abartigeren Auswüchsen unsere zarten Körper zu malträtieren? Am besten zu Hause bleiben, die alten Eisengitter vor die Fenster schrauben und das Licht ausschalten, um dann mit dem kleinen batteriebetriebenen Kasettenrecorder und einer Taschenlampe unter der Bettdecke zu hocken und alte Hörspielkasetten zu hören. Benjamin Blümchen etwa. Und von der schönen alten Zeit träumen, als der große graue Berg noch auf der Wiese lag und von friedfertigen kleinen Bienchen umschwirrt wurde. Von einer Zeit, als der liebenswerte und tollpatschige Elefant noch ein Kinderfreund und nicht als deutschlandhassender Anarchist verrufen war. Von einer Zeit, als der Langrüssel auf dem Baum hockend den einfachen Arbeitern, die es als ihre Pflicht begriffen, den Baum zu fällen, entgegen hielt: „Das sagen sie alle. […] Die, die den Krieg machen zum Beispiel, die Soldaten. Jeder tut nur seine Pflicht. Bumm, Bumm! Und dann isser tot. Wenn alle nein zum Krieg sagen würden, dann gäb’s keine Kriege.“ Genau. Und wenn alle zu Hause bleiben und die Fenster schließen würden, dann gäb’s auch keine Mückenstiche mehr. Und dann gäb’s auch irgendwann keine Mücken mehr, und dann wäre die Welt eine weitaus bessere. Und vielleicht würden dann auch die Hirne der Damen und Herren der Bundeszentrale für politische Bildung etwas weniger jucken und uns vor dem bewahren, was abfällt, wenn sie sich daran kratzen: nämlich Ideen wie der, dass der gute alte Benjamin nichts für Kinderohren wäre. Das ist er nämlich allemal.