:bsz-Kolumne: White Noise

am . Veröffentlicht in Kolumne

„The tendency is it to push it as far as you can“ - Was für den exzessiven Drogenrausch in Hunter S. Thompsons Fear and Loathing in Las Vegas gilt, versteht sich fast in jedem anderen Bereich menschlichen Lebens als wünschenswerte Prämisse. Ob pompös durchexerzierte, ins noch so kleinste Teilchen durchsynchronisierte und  inszenierte Olympische Spiele in London nach dem Motto „höher, schneller, weiter“ und einer immerwährenden Steigerung des körperlich Machbaren, das Ausreizen körperlicher Belastbarkeit durch chemische und körpereigene Substanzen oder gar die Modifizierung durch Prothesen: Grenzüberschreitungen, der spindeldürre Drahtseilakt.

Ein Krankenhausaufenthalt ist eine allumfassende Grenzüberschreitung. Ein heterotoper Raum, in dem ureigene Regeln gelten, Kommunikationsstrukturen eher mathematischen Gleichungen folgen als humanoiden Äußerungen, in dem Privatsphäre ein Fremdwort ist – „Ham wa heute schon Käckerchen gemacht?“ –  in dem man sich selbst entäußert wird, in dem Besserung, Modifizierung, Drogenrausch, alles zu einem weißen Rauschen verschwimmt. Die Grenzen diffundieren –  fast osmotisch – Wachzustände wechseln zu traumartigen, phantasmagorischen Elementen in Echtzeit oder Zeitlupe. Das  Propofol sickert zäh durch die Venen, mischt sich mit Tranquilizern, die latexbeschichtete Tapete in Webstuhloptik erzeugt mehr Faszination als die eigene Atmung. In einer aberwitzigen Metareflexion fragt man sich dann selbst, ob es der eigene Ernst nun wirklich sein kann, das rhythmische Einsaugen der Luft langweilig und überflüssig zu finden. Verteufelt sich, jagt sogleich aber wieder dem springenden Eichhörnchen auf der Wiese nach, das upperbedingte Aufmerksamkeitsdeifizitsyndrom – Schnitt – In der nächsten Sequenz wähnst du dich auf einer Blade-ähnlichen Vampirtanzparade, der WLAN-Router in deinem Krankenzimmer schleudert stroboskopartige grüne Blitze an die fleischfarbene Decke – Schnitt – Transzendenz ist plötzlich kein Fremdwort mehr für dich, jedenfalls ist sie dir bekannter als diese Chimäre der Privatsphäre. Die Grenzen von Zeit und Raum tun sich auf, zu dem WLAN-Stroboskop gesellt sich der Viermaster auf Öl, der sich anstelle des widerwärtigen, getupft impressionistischen Kunstdrucks an der Wand befindet. Das Gemälde eines alten Meisters: „Wer hat es aus dem Louvre gestohlen?“ Die gischttobenden Wellen fluten durch den Rahmen, der Viermaster kippt hinein in unsere Welt. Piraten entern das Krankenbett - Schnitt – Alles nur geträumt, die Realität ist schon verrückt genug. Tagtäglich überschreiten die Menschen Grenzen, ihre eigenen, die der anderen. Manche lustwandeln durch emotional-zwischenmenschlich relevante Beziehungsminenfelder als sei es der Sport der zeitgenössischen Monade dem anderen die Grenzen aufzuzeigen.
Ein wilder Ritt auf der Kanonenkugel war es, der Bogen weit gespannt. Die Grenzen des Lesbaren überschritten? Ein Experiment, ein Fragment: ein anschlussfähiger, Grenzen aufweichender Text?