Lüften alleine reicht nicht!

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1-1-pcb-marGiftige Stoffe in der Uni – Rektorat rät: Fenster auf

Die Ergebnisse der ersten PCB-Blutuntersuchungen sind da. Die Polychlorierten Biphenyle, kurz: PCB, gelten als gesundheitsgefährdend und sind in beträchtlichen Mengen in der Uni verbaut worden. Der wachsenden Beunruhigung der MitarbeiterInnen und Studierenden versucht die Univerwaltung mit sogenannten Biomonitoring-Terminen beizukommen, an denen Betroffene ihr Blut auf PCB-Werte untersuchen lassen können. Die Ergebnisse der ersten Untersuchungen seien „erschreckend hoch“, heißt es im Senat der Ruhr-Uni. Mehr lüften sei eine angemessene Präventionsmethode, antwortet das Rektorat. Helena Patané, studentische Vertreterin im RUB-Senat, zitierte in ihrem Bericht auf der FSVK-Sitzung Beate Hackethal von der Fraktion der MitarbeiterInnen in Technik und Verwaltung, dass die Ergebnisse „erschreckend hoch“ und der Handlungsbedarf „dringend“ sei. Das Rektorat dagegen relativiert und beruft sich auf schwankende Werte, die zudem unterhalb der Toleranzgrenze liegen und rät den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, viel und regelmäßig zu lüften. „Im schlimmsten Fall können die Fenster durch Gitter ersetzt werden“, liest man im Rundbrief 681 der FSVK als einen Lösungsvorschlag des Rektors. Wie sich Elmar Weiler diese Lösung denn im Winter vorstelle, fragte man sich im FSVK-Plenum.

Lüften und reinigen

Das PCB-Infoportal auf den Internetseiten der RUB (rub.de/pcb) führt unter „Prävention“ denn auch als ersten Punkt groß „regelmäßiges Lüften“ auf und präsentiert ein Plakat mit Anleitung zum „richtigen Lüften“. Wie ein Eingeständnis wirkt die Ankündigung, dass ab Oktober 2012 mit der Feinreinigung von tausend Räumen der N-Gebäude begonnen wird. Ab Dezember sollen dort zudem potentiell PCB-haltige Baustoffe wie Decken-, Boden- und Fensterfugen durch neuere, weniger belastende Stoffe ersetzt werden. Dass diese Vorhaben nicht an die große Wir-tun-was-Glocke gehängt werden, verwundert ein wenig, das sähe dem Selbstdarstellungsstil des Rektorats ähnlich.
Bis die Bau- und Reinigungsmaßnahmen abgeschlossen (oder, in den anderen Gebäuden als denen der N-Reihe, überhaupt einmal geplant und angelaufen) sind, wird den Menschen, die sich längere Zeit in belasteten Räumen aufhalten, geraten, zu lüften oder „nach Möglichkeit in technisch belüftete Räume auszuweichen“, wie es in einer Stellungnahme des AStA-Ökologiereferats heißt. Schwangere könnten „im Einzelfall die notwendigen Maßnahmen“ (so das Infoportal) mit der Abteilung Arbeitssicherheit absprechen. Auch Schilddrüsenerkrankte zählt der AStA zur Risikogruppe. Allgemein können die Stoffe laut AStA-Bericht das Immunsystem schwächen, „eine als ‚Chlorakne‘ bekannte Schädigung der Haut verursachen“ und krebserregend sein.

Alles ist relativ

Das Informationsportal weist zudem vermehrt darauf hin, dass Messwerte schwanken können, im Sommer seien „wesentlich höhere Belastungen zu verzeichnen“, auch seien bei der Auswertung der Blutwerte „persönliche Faktoren wie z.B. Körpergewicht, Stoffwechsel und Aufenthaltszeit“ zu beachten. Damit relativiert die offizielle Unistelle sämtliche Untersuchungsergebnisse im Voraus.
Gefährdet seien ohnehin nur MitarbeiterInnen und Lehrende, die vor allem in den Büroräumen der N-Gebäude viel Zeit verbringen. Hörsäle und Bibliotheken, die über Belüftungsanlagen verfügen und in denen sich aus Verwaltungssicht Studierende hauptsächlich aufhalten sollen, sind unbedenklich. Dass allerdings auch viele Seminarräume über keine technische Belüftung verfügen, spielt in der Stellungnahme keine Rolle. Auch über die Lage von Studierenden, die als Hilfskräfte arbeiten oder die etwa für ihre Masterarbeit über Wochen viele Stunden täglich in Büros oder Labors verbringen, wird geschwiegen. In der Tat weisen die Luft der allermeisten gemessenen Räume der Uni Werte von unter 3000 ng/m³ auf, die von Seiten der Behörden nur „mittelfristige Maßnahmen“ erfordern. Wie und wann diese konkret durchgeführt werden, steht in vielen Fällen noch offen. Denn es sind längst nicht nur die Räume der Naturwissenschaften betroffen, für die die oben genannten Pläne vorliegen. Aber die Campussanierung soll bis 2022 ohnehin abgeschlossen sein, und zehn Jahre sind wohl „mittelfristig“ genug.
Als die Ruhr-Universität gebaut wurde, gehörten Polychlorierte Biphenyle zu den Standardbaustoffen, insbesondere als Dämm- und Dichtungsmaterial kamen sie zum Einsatz. Die Herstellung und die Verwendung der 209 unter der Sammelbezeichnung PCB gruppierten Stoffe wurden erst 1989 in Deutschland verboten.