Krieg um die Köpfe

am . Veröffentlicht in Hochschulpolitik

2-1-frau-in-moscheeImam-Ausbildung an staatlichen Unis in Deutschland

An den Universitäten Münster, Tübingen und Frankfurt beginnt zum kommenden Wintersemester der erste Bachelor-Studiengang für künftige Imame und muslimische RelgionsleherInnen. In Osnabrück ging vor wenigen Tagen bereits das erste Semester des islamischen Weiterbildungsstudiengangs zu Gemeindearbeit und Religionspädagogik zu Ende. Trotzdem ist der Sinn und Nutzen dieser Programme weiterhin umstritten: Auf der einen Seite begrüßen PolitikerInnen fast aller Parteien die staatlich kontrollierbare Qualifikation der künftigen Prediger. Auf der anderen Seite befürchtet der Zentralrat der Ex-Muslime die „Verfestigung von Parallelkulturen“ und die Verharmlosung von frauenfeindlichen religiösen Vorschriften.

Die Frage, ob theologische Studien - egal welcher Religion oder Konfession - überhaupt einen berechtigten Platz an den Universitäten einnehmen, spielte bei der Debatte über die Einführung der Islam-Ausbildung keine Rolle. Im Vordergrund standen pragmatische Argumente wie die Tatsache, dass aktuell 90 Prozent der 2.000 in Deutschland arbeitenden Imame im Ausland, vor allem in der Türkei, ausgebildet werden. Sie beherrschen häufig nicht die deutsche Sprache, kennen sich in den Stadtteilen ihrer Gemeinden nicht aus und verfügen vor Ort über keine sozialen Netzwerke. Die Finanzierung der Arbeitsplätze der künftigen AbsolventInnen stellt aktuell noch ein Problem dar: Die meisten Moscheen können sich nur ehrenamtliche oder aus dem Ausland finanzierte Vorbeter leisten. Vonseiten der CDU gab es daher den Vorschlag, dass die Prediger jeweils zur Hälfte von ihrer Gemeinde und einer Schule bezahlt werden könnten, an der sie als Religionslehrer tätig wären.

Mehr Frauen in die Moschee

Nicht berücksichtigt wird dabei, dass in vielen islamischen Strömungen auch in Deutschland eine rigorose Geschlechtertrennung praktiziert wird. Dies beinhaltet, dass weibliche Imame nicht vor männlichen Gläubigen das Freitagsgebet leiten dürfen und auch von anderen religiösen Aktivitäten ausgeschlossen sind. Im Gegensatz zum patriarchalen System der katholischen Kirche bestehen in einigen islamischen Gruppen zumindest Ausnahmen von der Regel: Aktuell gibt es immerhin dreizehn Imaminnen in der Bundesrepublik. Ob die akademische Ausbildung an deutschen Universitäten hier Abhilfe schaffen kann, muss sich zeigen. Zumindest in Osnabrück zählen vier Frauen zu den 30 TeilnehmerInnen der Weiterbildung. Sie arbeiten jedoch als Pädagoginnen und Seelsorgerinnen und sind somit nicht im islamisch-theologischen „Kerngeschäft“ tätig. Eine weitere Hürde für den Finanzierungsvorschlag dürfte darin bestehen, dass in einigen Bundesländern, wie beispielsweise in Berlin, lediglich der freiwillige Besuch von Religionsunterricht neben einem verpflichtenden Ethik-Kurs angeboten wird. In Brandenburg ist der konfessionelle religiöse Unterricht ebenfalls freiwillig und muss von den Kirchen selbstständig organisiert und finanziert werden.

Imame aus deutscher Wertarbeit?

Auch wenn sich unter den fertigen ImamInnen mit deutschem Gütesiegel eine gewisse Zahl von Frauen befindet und die Gelder für ihre Stellen gesichert sind, scheint es noch nicht sicher, dass sie auch wirklich zum Einsatz kommen werden. Die kompetenten muslimischen GesprächspartnerInnen, die sich die deutsche Politik so dringend wünscht, könnten Probleme dabei haben, einen Platz in einer Gemeinde zu finden: Vom Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), einem der ältesten und größten islamischen Dachverbände, war zu hören, dass man die Ausbildung der eigenen Imame weiterhin lieber selbst organisieren würde. Gerne gesehen wäre jedoch die Anerkennung der nach einer konservativen Islam-Auslegung geschulten VIKZ-Imame durch Staat und Universitäten. Auch das Diyanet, die Institution des türkischen Staates zur Verwaltung religiöser Angelegenheiten, und DITIB, die türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion, würden die Ausbildung des religiösen Personals in Deutschland nur unter der Bedingung befürworten, dass sie die Inhalte des Studiums und das Lehrpersonal bestimmen könnten. Der Grund hierfür ist vermutlich die Befürchtung den Einfluss auf die türkischen Gemeinden in der Bundesrepublik zu verlieren. Ganz abgesehen davon ist es ein Rätsel, wie sich die Freiheit von Forschung und Lehre aufrechterhalten lässt, wenn die Einflussnahme auf den Lehrplan schon vorprogrammiert ist. Insgesamt betrachtet, gipfelt die Debatte um die „Imame made in Germany“ also in einem Interessenkonflikt zwischen dem deutschen und türkischen Staat: Wer kann bestimmen, was die Message der Predigt vor dem Freitagsgebet ist? Schlussendlich muss sich die Politik angesichts dieser Bedingungen die Fragen gefallen lassen, was die Theologie generell an staatlichen Unis zu suchen hat, wenn die Trennung von Kirche und Staat ernst genommen wird.