Kein Platz für ReferendarInnen

am . Veröffentlicht in Hochschulpolitik

Referendariatsverkürzung: In geringerer Zeit noch mehr schaffen

3-1Auf dem Boden im Arbeitszimmer türmen sich die Stapel mit Fachliteratur. Sprachdidaktik, Didaktik politischer und ökonomischer Bildung und konzipierte Arbeitsblätter säumen den Schreibtisch. Katharina hechtet fahrig in der Küche umher. „Boah, ich hab den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges gegessen“, sagt sie. Nach einem schnell zusammengeschnippelten und verputzten Salat, wirkt sie etwas entspannter. Das Referendariat macht ihr sichtlich zu schaffen: Sie ist eine der ersten, die ihren Vorbereitungsdienst in 18 Monaten absolvieren müssen. Statt Entlastungen erwarten die neuen ReferendarInnen ein höheres Arbeitsvolumen und eine geringere Vergütung als ihre VorgängerInnen in der zweijährigen Ausbildung.

Katharina ist 26 Jahre alt und hat ihren Master of Education an der RUB gemacht. Ihr Deutsch- und Sowi-Studium hat sie in der Regelstudienzeit absolviert und nebenher noch als Wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet. „Ich bin ein wirklich überorganisierter Mensch“, sagt sie, „aber das Referendariat ist wirklich verrückt. Die Kinder sind alle total toll, aber die Rahmenbedingungen sind völlig absurd.“ Mitten im Schuljahr ging es für Katharina im November vergangenen Jahres los, das LehrerInnenzimmer platzte mit zwölf neuen ReferendarInnen aus allen Nähten. Der zahlenmäßige Anstieg der ReferendarInnen in Dortmund stieg laut Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Dortmund von 78 im Jahr 2010 auf 250 angehende Lehrkräfte zum Einstellungstermin im November 2011. „Die Schule ist logistisch komplett überfordert. Wir haben keine richtigen Postfächer, geschweigedenn genügend Sitzplätze im Lehrerzimmer und der Unterricht für unsere vorgeschriebenen Unterrichtsstunden ist oftmals zusammengeschustert“, sagt Katharina zu den Voraussetzungen an ihrer Dortmunder Schule. Um den angehenden LehrerInnen zu ermöglichen, ihre Stunden abzuleisten, wurden Förderklassen eingerichtet, Klassen gesplittet und älteren Kollegen eine Stundenreduzierung verordnet. Die Fahrigkeit in Katharinas Stimme ist wieder da. Unterricht in Dortmund, Ausbildung in Schwerte und  Seminartreffen in Bochum – alles an einem Tag. „Ohne Auto wäre ich völlig aufgeschmissen. Ich wäre stundenlang mit den Öffentlichen unterwegs und bräuchte gar nicht mehr schlafen, weil ich die Unterrichtsplanungen nachts mache.“

 

Mehr Leistung in kürzerer Zeit

Die neue Ordnung für den Vorbereitungsdienst für Lehrämter trat im April 2011 in Kraft und verkürzte die Ausbildungszeit von vormals 24 auf 18 Monate. Das Schulministerium und die Schulen versprechen sich von diesem Schritt einen schnelleren Nachschub von ReferendarInnen bei akutem LehrerInnenmangel. Aber wie bei vielen Reformen, sind auch hier Anlaufschwierigkeiten zu konstatieren. Den ReferendarInnen wurden Coaches in ihren Kernseminaren an die Seite gestellt, die ihnen nicht wie zuvor Noten geben, sondern lediglich ihrer Coachingfunktion nachgehen sollen. Laut Schulministerium sollen auch durch diese Maßnahme „die Standardorientierung, Wissenschaftsorientierung, Handlungsfeldorientierung und Personenorientierung im reformierten Vorbereitungsdienst geprägt werden“.
„Diese Coaches sollten bereits im vergangenen Jahr mit uns Perspektivgespräche führen, blöd nur, dass ihre eigene Schulung zum Coach erst nächste Woche stattfinden wird“, meint Katharina zu den Anfangsschwierigkeiten im System. Auch stellt sich eine eigentliche Verminderung des Arbeitspensums in den 18 Monaten als völlig fehlerhaft heraus. Das zweijährige Referendariat sah eine Abschlussarbeit mit einem Umfang von 30 Seiten vor. Mit der Verkürzung bleibt den ReferendarInnen diese Arbeit erspart, sie müssen jedoch für jeden Unterrichtsbesuch eine ausformulierte Unterrichtsplanung von zehn Seiten einreichen. „Früher war das eine tabellarische Planung von fünf Seiten, meine letzte Planung war 14 Seiten lang. Die Einsparung ist mir da schleierhaft.“ Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht die neue Verordnung für den Vorbereitungsdienst problematisch: „Für die GEW ergibt sich aus dieser OVP die Aufforderung, sich dafür einzusetzen, dass der 17-prozentigen Erhöhung der Arbeitszeit eine entsprechende Erhöhung der Vergütung erfolgt“, so Reinhold Schiffers, Leiter des Referats Lehreraus-, Fort- und Weiterbildung der GEW NRW. Dass die Arbeitszeit im Durchschnitt um zwei Stunden erhöht wurde, wird bei der Besoldung nicht berücksichtigt.

Sparen mit Referendaren

An Katharinas Schule können voraussichtlich auch nur die Hälfte aller ReferendarInnen übernommen werden. Die, die nicht übernommen würden, bekämen jedoch kein Arbeitslosengeld zugesprochen, sondern fallen aufgrund ihres Beamtenstatus direkt in Hartz IV. „Ich bin wirklich froh, wenn dieses absurde Theater im nächsten Jahr vorbei ist und ich hoffentlich in den normalen Schulbetrieb übernommen werde“, so Katharina.