#721- Praktikum, Unternehmen, Organisation Intelligenz System Transfer

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Tristes Einheitsgrau bei dem Blick aus dem Fenster, und mit einem Blick ins Internet sieht man ein, dass es sich bei den drohenden Studiengebühren doch um etwas mehr als einen schlechten Aprilscherz zu handeln scheint. Tolle Aussichten!
Beim Studieren der Sowi-Studienordnung erblickt man zudem obligatorische Praxismodule. Doch warum nicht Glück haben und in den Ferien etwas Asche zusammen bekommen und gleichzeitig einige CPs einstreichen können? Gesagt, getan. Doch wohin? Schließlich sollte ein sinnvoller Zusammenhang zum Studium gegeben sein.
Im Gegensatz zu zahlreichen Studiengängen anderer Fakultäten wie den Rechtswissenschaften und Medizin, sind die Studienangebote der Fakultät für Sozialwissenschaften interdisziplinär gestaltet und nicht auf ein spezifisches Berufsbild ausgerichtet. Folglich fehlt der Praxisbezug. Ebenso mannigfaltig wie die Bestandteile des interdisziplinären Studienganges sind demnach die Optionen, welche berufliche Tätigkeit man nach dem Abschluss des Studiums ausüben möchte: Sei es die wissenschaftliche Forschung oder Lehrtätigkeit, eine Anstellung im PR-Bereich, den journalistischen Werdegang oder eher die Personal- und Unternehmensberatung. Zwar hatte ich einen Überblick über zahlreiche Theorien, jedoch interessierte mich ungemein, wie die aus ihnen resultierenden Forschungserkenntnisse gezielt in der Praxis umgesetzt werden. Problem: Rund ¾ aller Praktika sind unentgeltlich, und der Mensch will seine Zeit zwar effektiv nutzen, muss aber dennoch von irgend etwas leben... Doch ich hatte Glück.

Wer/was ist I.S.T.?

Während der vorlesungsfreien Zeit machte ich ein zweimonatiges Praktikum bei Intelligenz System Transfer (I.S.T.) in Essen, einem psychologischen Institut im Rahmen der Personal- und Unternehmensberatung. Die Kernkompetenzen des Unternehmens konzentrieren sich auf die Organisations- und Unternehmensberatung bei der Personalauswahl und –entwicklung, sowie darüber hinaus auf einzelne Projekte aus dem Feld der Architekturpsychologie. Im Bereich Personalwesen stützt sich die Arbeit des Fachinstituts auf das psychologische Messverfahren Jobfidence®. Dieses standardisierte psychologische Verfahren misst sechs berufsspezifische Leistungsfaktoren: die Intelligenzanpassung und –organization, die Umstellungsbereitschaft eines Menschen, seine Leistungsmotivation, Stressstabilität sowie letztendlich die Hartnäckigkeit in der Zielverfolgung.

"Kaffee kochen können wir selbst – Sie sollen hier etwas lernen!"

Meine Aufgaben während des Praktikums waren nach intensiver Einarbeitung in die Verfahren, die selbstständige Durchführung und Auswertung des Jobfidence®-Messverfahrens, die Interpretation der Ergebnisse und deren Implikationen sowohl für Kunden wie auch Testteilnehmer und das Führen von Rückmeldegesprächen mit den BewerberInnen und deren psychologische Beratung. Dies geschah in erster Linie im Rahmen der auswärtigen Jobfidence-Veranstaltungen in Hotels für renommierte Unternehmen wie Lifta und Thyssen Krupp. In den Essener Räumlichkeiten testeten wir während meines Praktikums neben potentiellen PraktikantInnen auch zahlreiche KandidatInnen, die sich auf den Vorstandsposten von der Essener Allbau AG bewarben.
Im Rahmen der Erstellung eines Seminars zum Thema "Persönlichkeit" für Führungskräfte von Thyssen-Krupp in Spanien war ich zudem mit der Literaturrecherche, sowie der Ausarbeitung und konkreten Darstellung des Seminarskripts, die Auswahl praktischer Übungen und den damit verbundenen Lernzielen und einzelner Kapitel beauftragt.

Fazit:

Das Praktikum bei I.S.T. hat mir eine Menge gebracht, und ich kann nur jedeR/M empfehlen, sein/ihr Studium damit zu bereichern. Zum Einen handelte es sich um ein nettes internationales Team aus Deutschland, Spanien und dem Senegal. Ein weiterer Umstand für eine lockere und angenehme Arbeitsatmosphäre bestand nicht zuletzt in der Tatsache, dass es sich bei den meisten Teammitgliedern um Psychologen handelte, die genau mit Menschen umzugehen wissen. Bei Praktika in anderen Sparten habe ich schon definitiv andere Erfahrungen gemacht. Gleichzeitig fühlt man sich schon beim ersten Schritt in der Organisationsberatung irgendwie zu Hause, denn bei den Räumlichkeiten handelte es sich keineswegs um ein steriles Büro, im Gegenteil: sondern um eine eingerichtete, gemütliche Altbauwohnung mit komplett eingerichteter Küche, Balkon, Arbeitszimmern, Seminarräumlichkeiten etc. Dort saßen wir und empfingen den Postboten, der uns zu den Stoßzeiten, wenn eine neue Anzeige für z.B. AußendienstlerInnen, Callcenter-MitarbeiterInnen, TrainerInnen und Vorstände geschaltet wurde, mit reichlich Bewerbungen versorgte. Es war extrem interessant zu sehen, wer sich alles auf eine Stelle bewarb, wer und warum dieser eine Absage bekam oder eingeladen wurde, wer später genommen wurde und warum nicht. Vor allem wichtig als StudentIn: Denn das lernte man bei dem Praktikum verdammt schnell: Wie eine gute Bewerbung auszusehen hat und wie besser nicht. Denn wir bekamen wirklich alles: Von Pflichtbewerbungen für das Arbeitsamt, über Bewerbungen von frischen AbsolventInnen, Vorständen, rüstigen RentnerInnen, die mit knapp 80 jungen Jahren noch eine Stelle suchten und aus der JVA! Von handgeschriebenen Bewerbungen ohne jegliche Belege des Lebenslaufes, über gefälschte, selbstgeschriebene Firmenzeugnisse, Vorstandsbewerbungen mit knapp 30 Fehlern allein im Anschreiben, hoch gelobte Formatierungskenntnisse, die leider nicht ausreichten, den eigenen Lebenslauf zu formatieren und und und....
Insgesamt gewann ich während der zwei Monate einen umfangreichen, tiefen Einblick in organisations- und arbeitspsychologische Fragestellungen und Tätigkeitsfelder, da ich an allen in dieser Zeit laufenden Projekten teilnehmen konnte.


jbö

#720- Studierendenproteste in Italien Wohnraum für Alle

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Seit über einer Woche nun schon ziert ein großes Graffiti-Ass eine der Rollläden in der Via Volturno Nr. 33 im Bezirk Isola in Mailand. Es ist das Symbol einer studentischen Gruppierung, die sich vor etwa zwei Jahren bei der Besetzung der staatlichen Universität Mailands zusammengeschlossen hat und der zunehmenden sozialen Präkarisierung den Kampf angesagt hat. Neben Studiengebühren von 1500 – 5000 Euro, die eigentlich schon fast immer vorhanden waren und in keiner Weise sozial ausgeglichen sind - es gibt in Italien kein Bafög - steht für diese Gruppe im Augenblick das Problem der Wohnraumpolitik im Zentrum ihrer Unternehmung; in der Modemetropole Mailand kostet ein Apartment die "unmögliche Summe von durchschnittlich 500 Euro", so einer der Organisatoren des assemblea degli studenti della statale (kurz ASSO), der Vollversammlung der Studierenden der staatlichen Universität.

Nun, etwa eineinhalb Jahre nach der kurzzeitigen Besetzung der "Statale" (staatl. Universität), sind die Studierenden erneut mit ihrem Anliegen an die Öffentlichkeit getreten und gehen in die Offensive. Mit einer provokanten Aktion fordern sie die Kommunalpolitiker heraus: ein siebenstöckiges leer stehendes Haus in der Via Volturno soll besetzt und in ein soziales selbstverwaltetes Studierendenwohnheim umfunktioniert werden. Damit tritt die Gruppe ASSO gleichzeitig auch gegen eine der vielen Wohnungsgesellschaften an, deren Haupteigner Pirelli ist. Pirelli "beherrscht" in Mailand den Wohnungsmarkt, indem durch taktischen Leerstand die Mietpreise in die Höhe getrieben werden. In einem Flugblatt, dass an die örtliche Einwohnerschaft verteilt werden soll, erklärt Asso ihr Anliegen und fordert dazu auf, durch dieses neu gewonnene Zentrum zusammen mit den Studierenden den Stadtteil Isola kulturell und sozial zu beleben. Es folgt ein Augenzeugenbericht der Besetzungsaktion.

An diesem Samstag (28. April) hatten sich um die Mittagszeit herum im Sozialen Zentrum Pergola schon viele Menschen eingefunden. Einige davon waren Studierende, die anderen waren einfach dort um ihre Solidarität zu zeigen. Bevor es losging, wurde den Anwesenden ein kurzer Film gezeigt: ein Zusammenschnitt aus Interviews zum Thema "Leben und Studieren in Milano". Da ich kein italienisch verstehe, übersetzte mir ein Freund, dass die Interviewpartner häufig auf eines ihrer zentralen Probleme aufmerksam machten, nämlich die prekäre Wohnraumsituation.

Nach dem Film und einer kurzen Ansprache an die Anwesenden sammelten sich alle im Hof des Pergola. Schon im nächsten Augenblick zog ein bunt gewürfelter Demonstrationszug durch die Straßen des Bezirks Isola, die Parole in alle Himmelsrichtungen brüllend: Case subito! (in etwa: Wohnraum für alle und sofort!). Natürlich hatte dieser spontane Aufzug die volle Aufmerksamkeit der Passanten. Aber dieser sollte erst der Auftakt für die eigentliche Aktion sein. Nach etwa 10 Minuten sammelte sich der Pulk vor einem eher unscheinbaren Gebäude in der Via Volturno. Früher war hier die Provinz-Zentrale der Kommunistischen Partei, verriet das Schild am Eingang.

Die mitgebrachte Musikanlage nahm ihren Betrieb auf, während sich am Eingang schon etwas zu tun schien. Die laut aufgedrehte Musik konnte jedoch nicht verbergen, was sich hinter dem Transparent tat, das den Eingang verdeckte. Etwas wie eine Kettensäge dahinter kreischte plötzlich auf und dieser Lärm hielt ein paar Minuten an. Dann schepperte etwas zu Boden – wie sich hinterher herausstellte war es die Rolllade – und die offensichtlichen Täter huschten unter dem Transparent hervor und verschwanden hinter dem nächsten Häuserblock. Unter Jubelschreien und -applaus stürmten hierauf einige der Versammelten das leerstehende Gebäude. Kurze Zeit später schmückten die ersten Transparente die Fassade. Besichtigungsstimmung kam auf der Wellenlänge einer sich langsam einstellenden Partyatmosphäre. Nach ein paar Interviews mit den Anwesenden war der Tag für mich gelaufen. Ein Tag mit vielen Eindrücken von solidarischer Stimmung, die ich – trotz der Sprachbarrieren – in mich aufsog, denn so etwas wie Sinn für Gegenseitigkeit unter Studierenden ist an meiner Uni in Bochum kaum vorhanden.




Tobias König

#720- Linkspartei hat einen neuen Studierendenverband Ein Gespenst geht um

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Vom 4. bis 6. Mai haben sich die Aktiven des "Die Linke.Hochschulgruppennetzwerks" in Frankfurt am Main getroffen, um den Studierendenverband der Linkspartei und WASG zu gründen. Als Die Linke.SDS wollen sie der fortgeschrittenen Neoliberalisierung des Hochschulsystems deutlich etwas entgegen setzen und an den Unis die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Neben anderen Fragen wurde in Frankfurt über den Parteibezug des Verbands diskutiert. Viele Aktive der bestehenden hochschulpolitischen Linken fragen sich, ob ein weiterer Hochschulverband einer Partei wirklich nötig ist.

Wir erleben einen drastischen Umbau der Hochschullandschaft, der den Zweck hat, die Bildung wirtschaftlich verwertbar zu machen. Die linken Kräfte sind derzeit an den Hochschulen bundesweit nicht in der Offensive. Trotzdem haben tausende Studierende in den letzten Jahren Proteste gegen Studiengebühren organisiert, den Gebührenboykott initiiert und sich gegen den Abbau kritischer Wissenschaft gewehrt. "Der größte Fehler des Verbandes wäre es jetzt, die studentischen Proteste, die ja von unten organisiert werden, vereinnahmen zu wollen.", meint ABS-Geschäftsführer Fredrik Dehnerdt. Diese Bedenken teilen viele Linke, etwa diejenigen, die grundsätzlich parteienskeptisch sind. Diese Skepsis gegenüber den Regierungsparteien ist nicht verwunderlich. Schließlich sind es die etablierten Parteien, die die Umstrukturierung der Hochschulen im Interesse der Wirtschaft voran treiben. Keine Partei kann sich dem Druck des Kapitals entziehen, wenn sie mitregiert. Die neue Linke hat an sich den Anspruch gestellt, Politik für Menschen und nicht für Konzerne zu machen. Vor allem die Entwicklung der Grünen seit ihrer Gründung als Protestpartei, aber auch die Kompromisse der Linkspartei in den Bundesländern, in der sie an der Regierung beteiligt ist, lassen viele daran zweifeln, ob sie den Anspruch erfüllen kann.

Zersplittert die Linke?

Traditionell stehen Hochschulverbände von politischen Parteien eher links von ihrer Mutterpartei. Einige Verbände wurden deshalb schon von der Partei abgestoßen, wie zum Beispiel der SDS von der SPD oder die JungdemokratInnen von der FDP. Eine Partei von links unter Druck zu setzen und nachhaltig ihre Politik zu ändern, hat noch kein Studierendenverband geschafft. Dennoch bietet der Parteibezug des Die Linke.SDS die Chance, den Zusammenhang von gesamtgesellschaftlichen Themen und Hochschulpolitik deutlich zu machen und bundesweit kampagnenfähig zu sein. Die Hochschullinke kann aber nur gestärkt werden, wenn die Hochschulgruppen der Linkspartei solidarisch mit den bestehenden Gruppen zusammen arbeitet. Eine weitere Aufsplitterung linker Politik an den Hochschulen kann sich jetzt niemand leisten.

SDS oder Linkspartei?

Während des Gründungskongresses war der Name des Verbands der am heißesten diskutierte Punkt. Dass die AktivistInnen des Verbands aus ganz unterschiedlichen Gründen und Strömungen zum Verband kamen, wurde auch dort deutlich. Einige wollten den Parteibezug im Namen klar machen, andere bezogen sich auf die Politik des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) in den Sechziger Jahren, und einige plädierten für etwas völlig Neues. "Ein Hochschulverband mit dem Namen Die Linke.Campus kann universitäre Diskurse und Lösungsansätze in die Linkspartei hinein transportieren und sie so pluralistischer und interessanter machen.", meinte Kristin Hofmann aus Dresden im Vorfeld." "Zwar leben wir heute in einer ganz anderen Zeit als 1968, aber trotz dessen können wir viel vom SDS lernen", sagt hingegen Luigi Wolf aus Berlin, der zum Bundesgeschäftsführer gewählt wurde. In Frankfurt haben sich die StudentInnen auf den Kompromiss Die Linke.SDS (Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband) geeinigt, der sich gegen den zweiten Kompromissvorschlag SDH Rosa Luxemburg durchsetzte. "Der SDS hat unterschiedliche linke Strömungen in einer pluralistischen Organisation vereint und war trotzdem schlagkräftig", sagt Luigi, "Er hat die Brot-und-Butter Kämpfe um Alltagsgeführt und trotzdem Marx wieder an die Uni gebracht."
"Mit dem Programm einer sozialistischen Gesellschaftsvision haben wir uns viel vorgenommen, nun müssen wir diese mit aller Stärke und Kraft in die Hochschule hineintragen und für unsere Ideen streiten!", meint Bundesgeschäftsführerin Katharina Volk aus Gießen. Sie betont auch, wie wichtig die Zusammenarbeit mit schon bestehenden Strukturen an den Hochschulen ist. Der neue Verband muss nun die Zerreißprobe bestehen, die Argumente konsequent in die Hochschulen zu tragen, ohne sich arrogant zu zeigen. Denn einen weiteren Verband, der zum Karrieresprungbrett in die Partei gerät, brauchen wir nicht.
sjn

#720- Das ist ja wohl der Gipfel! Massenbewegungen

Geschrieben von Super User am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi


Im Juni ist es soweit: Deutschland kann in Person seiner Sicherheitskräfte schon wieder beweisen, wie großartig man mit der Eindämmung von Großveranstaltungen umzugehen in der Lage ist. Nachdem man im Sommer 2006 die Fußballweltmeisterschaft zu einem sicheren Fest für alle (zahlenden) Freunde aus aller (?!) Welt gemacht hatte, steht diesen Sommer wieder ein ganz besonderes Spektakel auf dem Programm: Der G8 Gipfel in Heiligendamm. Wieder werden sich deutsche Polizisten fahnenschwenkenden Marschierern gegenüber sehen, auch diesmal werden einige wenige beim Ausüben ihres Berufs von ganzen Hundertschaften von Polizei behütet, nur treten diese "Arbeiter" diesmal nicht gegen Fußbälle, sondern reden über Themen, über die man sich aber ebenfalls in der Bild Zeitung oder im SPIEGEL informieren kann. Muss das sein?

Die ganze Chose funktioniert so ähnlich wie das berühmte Märchen vom König und seinen neuen Kleidern: Wenn sich nur genügend Leute finden, die ihren Körper in die Nähe des Arbeitsortes der beschützten Personen bewegen, wird es eine bemerkenswerte Sensation und die Medienorganisationen tragen dafür Sorge, dass ihre Mitarbeiter ebenfalls ihre Körper an den Ort des Geschehens bewegen. Doch schon hier kann man fragen: Wie viele Körper von Protestierenden/ Jubelnden fänden sich am Ort des Geschehens ein, würden die Massenmedien nicht im Vorhinein über jedes unappetitliche Detail im Zusammenhang mit dem Spektakel berichten (Zaunhöhe, Kosten etc.)?
Offenbar handelt es sich um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung: So lange es Menschen gibt, die von sich behaupten, das Treten gegen Fußbälle/ Reden über Globalisierung sei für sie eine bemerkenswerte Angelegenheit, werden solche Veranstaltungen auch immer die ihnen gebührende (wirklich?!) Aufmerksamkeit erhalten. Es gibt ja schließlich auch andere Orte an denen gegen Fußbälle getreten wird, dazu bedarf es keiner riesigen Arenen. Es gibt auch andere Orte an denen über Globalisierung geredet wird (Stammtische, Kioske, soziologische Seminare, aber auch: beim Papst).
Offenbar konzentriert sich das gesellschaftliche Großinteresse ganz auf ein paar sehr spezialisierte Körper. So werden im Fußballsport nur die Körper der Spitzenathleten zum Thema des massenmedial verbreiteten Kommunikation, über den grottigen Kick zwischen ein paar alten Herren am Mittwochnachmittag hinter dem Wattenscheider Realmarkt schweigen sich die Massenmedien aus (wichtige Ausnahme: hier und jetzt), als Annex zu Ballack und Konsorten kann aber selbst der Altherrenfußball in eher unangesagten Bochumer Stadtteilen Thema werden. Ähnliches kann über die Körper der in Heiligendamm debattierenden gesagt werden. Speziell für den Debattierzweck gezüchtete Körper treffen für Spitzenleistungen aufeinander und werden dabei von ihren Fans lautstark begeleitet. Nur sind die Selbstbeschreibungen dieser Art von Fans ganz anders geartet als die eines Fußballenthusiasten. Obwohl man sich mit der Thematik (Debatten über die sogenannte Globalisierung anstatt von: Treten gegen Fußbälle) intensivst zu beschäftigen behauptet, lehnt man es eigentlich ab. Eine wesentlich raffiniertere Konstruktion als die des Fußballbegeisterten, der angeben kann sich zu interessieren aber auch dafür zu sein (Fußball insgesamt, nicht auch: Die Gegenmannschaft!).

Wovon bist du denn so Fan?
Globalisierung!

Der Globalisierungsfan ist erst Mal per se dagegen (deswegen ja auch eigentlich immer: Globalisierungsgegener- nicht Fan), interessiert sich für die Thematik, jubelt aber immer gegen die eigenen Leute (demokratisch legitimierter Staatschef). So etwas kann auch im Fußballuniversum geschaut werden: Das Auspfeifen der eigenen Mannschaft, beziehungsweise deren Trainer. Sicherlich kann man auch bei den Globalisierungsprotesten eine gewisse Parteinahme nicht von der Hand weisen Aber als westliches Wohlstandskind für die Verlierer der Globalisierung zu protestieren, wäre in die Fußballwelt nur schwer zu übertragen: Man müsste als Deutschlandfan für die Fans von England jubeln.

Fazit

Massenansammlungen menschlicher Körper werden wohl noch lange Zeit ein Rätsel bleiben. Gleiches kann für die in diesen Körpern arbeitenden psychischen Systeme gesagt werden. Zu einem besseren Verständnis der einzelnen Massenbewegungen kann jedoch erforscht werden, inwieweit sich die Teilnehmermengen der einzelnen Segmente überschneiden. Dazu müsste ein Team von Soziologen oder Psychologen oder so nach Heiligendamm fahren und möglichst viele Leute fragen, ob sie nicht auch schon zur Fußball-WM am Start waren. Dann könnte man sehen, ob die Präferenz zur Teilnahme an Massenkundgebungen themenabhängig ist, oder schon für sich anziehend genug wirkt, oder anders gefragt: gibt es den Massenmenschen, den man zur Not auch noch für (oder eben auch: gegen) ein Kaninchenzüchtertreffen in der Stadthalle von Wattenscheid mobilisieren könnte?

Benz

#720- Infos zu den Protesten gegen den G8-Gipfel Die Choreographie des Widerstands

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Anfang Juni trifft sich die G8 in Heiligendamm in Mecklenburg. Die G8 könnte man beschreiben als "Weltregierung der Globalisierung", von niemandem gewählt und dennoch mächtig; zu mächtig und ohne jede Spur von Demokratie. Sie bestimmt weltweit, wo es lang gehen soll. Dazu trifft sie sich jährlich, im Sommer diesen Jahres in Heiligendamm unter Vorsitz der deutschen Bundesregierung. Gegen diesen Gipfel hat sich ein mächtiges internationales Bündnis gebildet. Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, Sozialforen, linksradikale Gruppen etc. planen Demonstrationen, Blockaden, Konzerte und weitere Proteste gegen den Gipfel. Damit fordern sie gesellschaftliche Alternativen zur kapitalistischen Weltordnung, zu Ausbeutung, Entrechtung, Umweltzerstörung und Krieg formulieren.

Auftakt der Proteste ist die internationale Großdemonstration am 2. Juni in Rostock (www.heligendamm2007.de/). Gruppen, Verbände und Parteien aus ganz Deutschland und Europa haben ihre Teilnahme angekündigt. Da die Stadt Rostock zu klein ist für die erwarteten zig tausend TeilnehmerInnen sind zwei Demonstrationsrouten geplant. Die eine Route beginnt am Hauptbahnhof, die andere an einer Autobahnabfahrt, an der die Busse gesammelt werden können. Gemeinsamer Abschluss ist am Hafen mit großem Kulturprogramm. U.a. werden Madsen, Chumbawumba, Jan Delay, Mediengruppe Telekommander, Kettcar, Yok... in Rostock und auf den Camps spielen. Genaueres entnehmt der Homepage http://www.move-against-g8.de/pages/programm.php.

Die folgenden drei Tage sind thematische Aktionstage, die aus den jeweiligen Spektren vorbereitet werden, beginnend mit dem Thema Landwirtschaft. Geplant sind verschiedene Aktionen, die vor allem den Fokus auf Landlosenbewegungen, Gentechnik und die Patentpolitik auf diesem Gebiet legen. Der folgende Tag steht im Zeichen der Migration. Geplant ist eine große Demonstration in Rostock und weitere dezentrale Aktionen. Der Schlusspunkt der Aktionstage ist dem Thema Militarismus, Krieg und Folter gewidmet.

Parallel zu den Aktionstagen und dem Gipfel wird der Alternativgipfel (www.g8-alternative-summit.org) stattfinden. Dieser wird vor allem von den NGOs getragen und soll einen inhaltlichen Gegenpart zum Gipfel der Herrschenden bilden. Der aktionistische Höhepunkt der Gipfelproteste bildet die Aktion der Kampagne Block G8 (www.block-g8.org/). Mit Massenblockaden sollen die Zufahrtsstraße nach Heiligendamm blockiert werden und der Gipfel von jeglicher Logistik abgeschnitten werden. Am Donnerstag wird es ein Konzert mit Herbert Grönemeyer, den Toten Hosen etc. unter dem Motto "Dein Stimme gegen Armut" geben.

Die Camps

Auch die Unterbringung der Gipfelgegnerinnen und Gegner stellt eine Herausforderung dar. Es wird zwei oder drei große Camps geben für insgesamt etwa 15000 Menschen geben(http://www.camping-07.de/). Die Standorte Reddelich und Rostock stehen fest. Reddelich liegt westlich von Rostock und ist etwa 5 km vom Zaun um Heiligendamm entfernt. Das Camp in Reddelich wird auch Zentrum des Kulturprogramms werden. Beide Camps werden von großen Volxküchen versorgt werden und in Barrios genannte Viertel unterteilt sein, die es großen Gruppen erlaubt, nochmals eigene Strukturen innerhalb der Camps zu unterhalten.

Von Bochum nach Rostock

Es besteht die Möglichkeit am Samstag Morgen (2.6.) mit einem Bus zur Demo nach Rostock zu fahren, Der Bus fährt nach der Demonstration zurück. Die Karten werden voraussichtlich 10 € kosten. Der Haken daran ist, dass der Bus nur fährt, wenn sich (am besten bis Ende dieser Woche) genug Mitfahrer/innen finden. Wichtig ist daher, dass alle InteressentInnen sich per Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden oder im Infobüro vorbeikommen. Für AktivistInnen, die auch länger in Rostock bleiben wollen, bietet sich der Attac-Zug an. Dieser fährt morgens am 2.Juni um 1.50Uhr ab Dortmund los (aber nicht zurück!). Karten dafür gibt es ab sofort im G8-Infobüro im Sozialen Zentrum (dienstags und freitags von 16-19 Uhr), im Service-Referat des AStAs der RUB sowie im Bhf. Langendreer. Diese Karten kosten 30€ und ermäßigt (nach Selbsteinschätzung) 15€ und sind nur in einer begrenzten Stückzahl vorhanden.

Zum Schluss ein Termintipp: Der Höhepunkt der G8-Vorbereitung im Ruhrgebiet wird am 19./20.Mai das Festival KulturGegenMacht in Essen mit Workshops, Bands und Blockadetrainings sein. Mehr dazu: http://www.g8-buendnis-rheinruhr.de/

Martin Krämer

mehr Infos:
Bochumer G8-Plenum:
c/o Soziales Zentrum
Rottstr. 31, 44793 Bochum
Infobüro: Di & Fr, 16 -19 h
Tel.: 0234-5472960 (nur Di & Fr)
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Homepage: www.g8-bochum.de

#720- Vorstellung des Vereins Wildwasser Bochum e.V. Niemals schweigen!

Geschrieben von Super User am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi


Sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen ist ein heutzutage in unserer Gesellschaft allseits bekanntes, aber dennoch, auch wenn hier und dort einige kritische Stimmen laut werden, beinahe gänzlich tot geschwiegenes (Tabu-)Thema. Nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes werden jährlich 200.000 bis 300.000 Kinder sexuell missbraucht. Dazu kommen noch 11.000 bis 13.000 Vergewaltigungen, die zur Anzeige gebracht werden. Die Dunkelziffer, d.h. die Anzahl der nicht angezeigten Taten, ist weiterhin ungewiss, liegt aber definitiv um ein Vielfaches höher.

Auch wenn man (in der Presse) fast immer davon hört, dass eine Person von einem Fremden missbraucht wurde, so stammen die meisten Täter aus dem näheren Umfeld des Opfers, sind Verwandte oder Bekannte, Onkel, Väter, Brüder, selten auch Mütter und Tanten. Die Vertrauensbasis wird aufs Brutalste ausgenutzt, um die eigenen, oft abartigsten Phantasien, auszuleben. Ohne Rücksicht auf das (weitere) Leben des Opfers.
Der jeweilige Tathergang ist immer ein anderer, doch gibt es überall Ähnlichkeiten. Auf der Seite des Vereins gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen "Wildwasser Bochum e.V." findet man eine kleine Auflistung: "Täter ziehen das Kind oder die Erwachsene mit ihren Blicken aus, zeigen ihnen pornographische Filme, fordern sie auf, sie anzufassen oder sich auf sie draufzulegen, wollen sie ohne Kleidung fotografieren, machen Bemerkungen über ihren Körper, fassen sie zwischen den Beinen, am Po oder an der Brust an, stecken ihnen den Penis, einen Finger oder andere Gegenstände in die Scheide, den Po oder in den Mund, …". Worte, die niemand gerne hört oder liest, die aber die bittere Wahrheit darstellen.

Spielend ins Unglück

Nicht selten wird den Opfern während der Vergewaltigung oder danach auch noch eingeredet, dass sie ja selbst Schuld seien. Man sei mitgegangen, habe mitgespielt oder den Täter durch Blicke, Kleidung, oder ähnliches provoziert bzw. geradezu dazu aufgefordert (z.B. die Kombination aus Minirock, Schminke und einem freundlichen, unschuldigen Lächeln). Was für eine schwachsinnige Behauptung dies ist, liegt auf der Hand. Niemals ist das Opfer schuld an dem Leid, welches ihr/ ihm angetan wird!
Doch wissen oder glauben diese Tatsache nur die Wenigsten. Selten trauen sie sich das Schweigen zu brechen und den Täter anzuzeigen. Die Angst und das Schamgefühl sind einfach zu groß. Die eigene Würde ist irreparabel gebrochen. "Man wird nie wieder so, wie man vorher war. Man ist ein ganz anderer Mensch, lebt in einer anderen Welt.", schreibt eine Betroffene in einem offenen Brief an den Verein, "Die Opfer haben dagegen (gegenüber den lachhaften Strafen der Täter, Anm. d. Red.) meist lebenslänglich!".
Der Verein dazu: "Die traumatischen Erfahrungen durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit bedeuten folgenschwere Eingriffe in die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen und Frauen, die lebenslängliche Spuren hinterlassen."

Der Täter ist an der Handlung schuld, niemals das Opfer

Der Verein "Wildwasser Bochum e.V." wurde 1990 gegründet und verdankt seinen Namen der allerersten Beratungsstelle zu sexueller Gewalt in der BRD, dem Berliner Verein Wildwasser. Dieser in den 80er Jahren durch eine Gruppe Frauen entstandene Verein hatte sich amerikanische und britische Selbsthilfe- und Therapiekonzepte zum Vorbild genommen. Da sexueller Missbrauch von Frauen und Kindern damals noch kein Thema war, zeigte sich sehr bald, dass großer Bedarf an Aufklärung von Nöten war. Die Nachfrage nach dieser Beratungs- und Informationsstelle erwies sich als enorm, zumal als die Einzige in der ganzen BRD. Im Laufe der Jahre eröffneten weitere Wildwasser-Vereine im ganzen Land, die, so unterschiedlich auch die Angebote sind, ihr Hauptziel darin sehen, Mädchen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben oder sogar immer noch erleiden, zu helfen und ihnen beizustehen. Seit 1995 erst bewohnt der Bochumer Verein eigene Räumlichkeiten in Langendreer-West, seit 1998 finanziert das Land eine halbe Stelle für eine Dipl. Sozialpädagogin, seit 2003 eine weitere Stelle durch die Kommune. Abgesehen von immer wiederkehrenden Planungen, die Gelder für solche Fachberatungsstellen in NRW zu streichen, muss der Verein Wildwasser Bochum e.V. kontinuierlich nach Förderern suchen, da er so oder so nur teilweise öffentlich finanziert wird.

Mithelfen ist angesagt!

Das Angebot spricht verschiedene Aspekte an: Es gibt Angebote für Mädchen und Frauen, die Opfer von sexuellem Missbrauch waren oder sind, wie z.B. telefonische Beratungszeiten (dienstags von 15 - 17 Uhr und Donnerstags von 10 - 12 Uhr), persönliche Gespräche oder Unterstützung bei der Suche nach einer geeigneten Therapie, Angebote für Bezugspersonen, die von sexuellem Missbrauch unmittelbar betroffen sind, wie Information und Beratung, sowie Mütterselbsthilfegruppen, Beratung bei der Beantragung von Opferentschädigung, Angebote für Interessierte an Selbsthilfe, für Mädchen und Frauen mit Psychiatrieerfahrung, mit Behinderung und für psychosoziale Fachkräfte und Fotbildungsinteressierte.
Trotz der geringen finanziellen Mittel leisten die MitarbeiterInnen ausgezeichnete Arbeit und bemühen sich ihr Angebot stetig auszuweiten.
Zu den Kooperationspartnern gehört u.a. der Verein "NORA e.V.", eine Beratungsstelle für Frauen und Mädchen, welcher seinen Schwerpunkt in die Beratung in Lebenskrisen und Notsituationen gelegt hat, als UnterstützerInnen sind die Stadtwerke Bochum und die Vagina Monologe (die bsz berichtete, Anm. d. Red.) tätig.
Wer sich noch weiter informieren möchte, findet unter www.wildwasser-bochum.de eine große Auswahl an Material und auch die Möglichkeit Fördermitglied zu werden.

aw





"Wildwasser – ein Symbol für die
Eigenschaften, die wir stärken wollen:
Kraftvoll, rauschend, brausend
und aufschäumend,
aber auch ruhig und gelassen;
es kann in Farben schillern
und bahnt sich seinen Weg
durch Fels und Gestein.
…genauso werden wir sein.
Wir werden unseren Weg finden."

(Aus: Mühsam – aber nicht unmöglich)