#742- Aufstand in Tibet

Geschrieben von sjn am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Unabhängigkeit von China
Aufstand in Tibet
Am 10. März um acht Uhr morgens stellte sich der tibetische Mönch Luo Zhui vor den Yokhang-Tempel in Lhasa und schwenkte die tibetische Flagge. Andere Mönche kamen dazu, um für Tibets Unabhängigkeit von China zu demonstrieren. "15 Verdächtige wurden an Ort und Stelle verhaftet", wurde auf der tibetischen Regierungshomepage gemeldet. Vier Tage später brachen die Unruhen in Lhasa aus, über die seither die ganze Welt spricht.

Die tibetische Bevölkerung setzt sich nicht zum ersten Mal für die eigene Unabhängigkeit ein. Nachdem Tibet in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach seinen Status geändert hat, erlangten die Tibeter im Jahr 1911 die Unabhängigkeit von der Volksrepublik. Genau 49 Jahre vor Luo Zhuis Verhaftung protestierte die Bevölkerung gegen die chinesische Fremdherrschaft. Der Aufstand wurde von der chinesischen Armee niedergeschlagen, tausende Menschen starben, 90 Prozent der Tempel wurden zerstört und viele Menschen folgten dem Dalai Lama ins Exil. Nach Angaben der tibetischen Exilregierung leben heute 6 Millionen Tibeterinnen und Tibeter und 7,5 Millionen Chineseinnen und Chinesen im tibetischen Hochland. Nach chinesischen Angaben sind es weit mehr Tibeter als Chinesen. Etwa die Hälfte des tibetischen Kulturraums wird heute als autonomes Gebiet von der internationalen Gemeinschaft anerkannt, ist aber kein unabhängiger Staat. Mehrere Gespräche zwischen den tibetischen und chinesischen Regierungen seit 2000 führten zu nichts. Die chinesische Regierung hält daran fest, dass Tibet Teil der Volksrepublik bleibt – ebenso wie Hong Kong und Taiwan. Die mehr als hunderttausend ExiltibetInnen hingegen organisieren auch international Sympathie für die Situation ihres Landes.
sjn

#742- Kommentar

Geschrieben von Hanno Jentzsch am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Kommentar
von Hanno Jentzsch





Die Olympischen Spiele in Peking werfen lange politische Schatten – besonders auf die Situation der tibetischen Bevölkerung. Selten geriet der Kampf der Tibeter um mehr Unabhängigkeit so sehr in den Fokus der westlichen Öffentlichkeit. Die Berichte von der Niederschlagung der Aufstände bringen den TibeterInnen breite internationale Sympathie und sorgen gleichzeitig dafür, das ohnehin angekratzte Image Chinas weiter zu untergraben. Trotz der berechtigten Empörung über das chinesische Vorgehen erscheint es aber inzwischen angebracht, vor einer Überhitzung der antichinesischen Ressentiments im so genannten Westen zu warnen. Viele ChinesInnen fühlen sich zunehmend von den Reaktionen auf ihr Land vor den Kopf gestoßen. Wie bei unserem Interviewpartner hat sich in China die Meinung durchgesetzt, dass amerikanische und europäische Medien das Land unfair und oberflächlich beurteilen. Vor allem letztere Einschätzung ist dabei tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Das Problem an dieser Entwicklung ist, dass die chinesische Führung den verletzten Nationalstolz der Bevölkerung weidlich für eigene Zwecke auszunutzen versteht und das Gefühl der Demütigung durch den Westen gezielt schürt. Nur zu gern stellt die Kommunistische Partei westliche Kritik an Menschenrechtsverletzungen und Umweltsünden als Abwehrreaktionen auf ein schnell wachsendes China dar. Schon seit längerer Zeit hat Patriotismus die Position einer Staatsideologie eingenommen, die nicht zuletzt dafür sorgen soll, die Bevölkerung emotional hinter der Partei zu versammeln. Eine überhitzte Chinafeindlichkeit nutzt also weder den TibeterInnen, noch schadet sie der chinesischen Führung – sie sorgt nur für eine zunehmende Abkehr der Bevölkerung vom Westen. In deutschen Internetforen und Leserbriefen bricht sich eine zum Teil erschreckend selbstzufriedene Abscheu vor dem "totalitären" China Bahn. Das Schüren solcherlei Ressentiments ist indes eine Methode, die man getrost dem chinesischen Propaganda-Apparat überlassen sollte.

#742- Interview zum Thema Olympische Spiele

Geschrieben von jk am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Was denkt ein Chinese?
Ein Interview
Die Beurteilung der Situation in Tibet geschieht hierzulande zumeist aus westlicher Sicht. Welche Gedanken hat jedoch ein Chinese? Um dies herauszufinden, befragten wir einen chinesischen Austauschstudenten zu den Themen Tibet und Olympia-Boykott.

Ist die chinesische Bevölkerung über die Situation in Tibet informiert?
Ja, meine Freunde und Verwandten in China sind darüber im Bilde. Sowohl durch chinesische Berichterstattung, als auch durch westliche Medien. Dies ist schon ein guter Schritt! Zudem ist das Internet frei.

Wie beurteilst Du einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele?
Ich halte ihn für unklug. Man kann natürlich die Regierung oder das System ablehnen, aber darunter sollten nicht das Volk oder die Sportler leiden. Die Spiele sind nicht bloß für den Staat wichtig, sondern für die Menschen in China und alle Sportler, die sich ihre Teilnahme über Jahre erkämpft haben. Auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten fällt den Spielen enorme Bedeutung zu, ebenfalls für den Westen.

Was denken Chinesinnen und Chinesen über die Kritik aus Europa?
Persönlich schätze ich diese Kritik, denn durch Kritik kann sich die Regierung verbessern. Die Volksrepublik ist erst rund 50 Jahre alt und 50 Jahre nach der Gründung Amerikas gab es auch sehr große Probleme. Es braucht Zeit. Aber ich bin nicht einverstanden, dass die Westmedien und westliche Regierungen nicht objektiv berichten. Es wurden immer wieder Bilder zum Tibet-Konflikt veröffentlicht, die aus Nepal stammten. Dies zeigt die Ambitionen der westlichen Medien. Nachrichten über Deutschland sind in China dagegen alle positiv, hier ist das anders. Die Menschen besitzen ein falsches Bild von China und haben Angst vor dem Leben dort. Mein Vorschlag wäre, dass man selbst Zeit in China verbringt, um die Lage zu beurteilen. Ich stehe beiden Medien neutral und kritisch gegenüber, wirklich beurteilen kann man etwas aber erst, wenn man es selbst erlebt hat.

Wie beurteilst Du als Studierender in Deutschland, der beide Kulturen kennt, die Meinungsfreiheit in China? Ist es tatsächlich gefährlich, seine Meinung zu sagen?
Nein! Wir reden jeden Tag über die Regierung und machen Vorschläge. Aber gleichzeitig gab es auch Probleme, als ich sagte, dass die Regierung Zeit brauche, um sich zu verbessern.

In Europa sagen viele PolitikerInnen, Olympia sei eine Chance für die Freiheit in China. Was denkst Du darüber?
Ich denke, dass das nichts mit den europäischen Politikern zu tun hat. Wenn alle Chinesen sagen, dass das Leben dort gut ist und Freiheit herrscht, dann ist dem auch so! Vielleicht sollten europäische Politiker mehr an ihre eigenen Probleme denken.

Zum Abschluss – wie siehst Du die chinesischen Medaillenchancen?
Natürlich hoffe ich, dass China die meisten Medaillen holt. Wichtiger ist aber, dass Olympia eine Möglichkeit zur weltweiten Zusammenarbeit ist, durch die sich auch China verbessern kann. Zum Schluss möchte ich außerdem gerne noch anmerken, dass viele Artikel hier in Deutschland sehr seltsame Dinge enthalten, da einfach Aussagen aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt wurden. Die Reporter sollten jedoch neben der Sprache auch mehr über die Kultur Ostasiens lernen. Dann werden die Artikel besser und objektiver!
Das Interview wurde via Email geführt.
jk