Studierendenproteste in Italien

Geschrieben von mh am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

90 Städte wurden vergangenen Freitag bestreikt

16. Juni 2012: Diese Zweigstelle der deutschen Bank in der Innenstadt von Bologna wurde nach einer Demonstration mit Farbbeuteln beworfen.„Wir sind hier um unsere eigene Zukunft zu verteidigen!“ tönt es aus dem Lautsprecherwagen. Nachdem am 5. Oktober bereits tausende SchülerInnen und Studierende in ganz Italien gegen die geplanten Sparmaßnahmen im Bildungssystem demonstrierten, zogen sie vergangenen Freitag, am 12. Oktober, in 90 Städten durch die Straßen um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Von der sozialistischen Gewerkschaft CGIL (Italienischer Generalverband der Arbeit) wurde am selben Tag ein Generalstreik für alle Schulen ausgerufen – Manifestationen wurden befürwortet und unterstützt. Die CGIL rief dazu auf, auf die Straße zu gehen, um Nein zu sagen zu den geplanten Kürzungen, um Respekt vor geleisteter Arbeit und den Arbeitenden auszudrücken, um für gesicherte Arbeitsverträge zu kämpfen und Geldmittel für öffentliche Schulen zu fordern, die zunehmend weniger werden.

Landesweit brachten künftige AkademikerInnen, SchülerInnen und Lehrpersonal ihren Unmut über weitere Kürzungen im Bildungssystem zum Ausdruck. „Bewaffnet“ mit Karotten zogen die Menschen durch die Straßen von Rom. Damit reagierten sie auf eine Äußerung des Bildungsministers Francesco Profumo, der Tage vorher die Notwendigkeit von „Stöcken und Karotten“ im Einsatz gegen die Demonstrierenden betonte. Das Gemüse steckten die Teilnehmenden zum Teil in die Türen des Europaparlamentes, als Protest gegen die durch die EU beschlossenen Spardiktate. Auch warfen sie Karotten gegen das in Rom ansässige Ministerium Profumos und davor stehende, mit Stöcken bewaffnete, PolizistInnen.
Nach Angaben der VeranstalterInnen waren 10.000 Menschen auf den Straßen Roms unterwegs, in Genova etwa 2.000, in Padova 1.000, in Venedig 300. Verletzt wurde niemand.

Einsparungen bedingen Einschränkungen

In der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober beschloss das Kabinett des italienischen Premiers Mario Monti das sogenannte „Gesetz zur Stabilisierung“ (legge di stabilità). Dieses sieht unter anderem vor, dass die Stundenzahl der Lehrkörper ab 2013 von derzeit 18 auf 24 Stunden pro Woche angehoben wird, ohne zusätzliche Vergütung, aber mit 15 weiteren Urlaubstagen – die sie sicherlich auch brauchen werden.
Montis Konzept sieht noch für dieses Jahr eine Reduzierung der Ausgaben um 4,5 Millionen Euro vor, bis 2015 werden weitere Einsparungen folgen. Erreicht werden soll dieses Ziel auch durch die Anhebung der in den Studiengebühren enthaltenen Steuern von durchschnittlich 93,50 auf 140 Euro. Die Höhe der Studiengebühren variiert je nach Bildungseinrichtung (zwischen 360 und fast 4.000 Euro pro Jahr). Die Universitäten wurden dazu angehalten ihre Beiträge zu erhöhen. Sie einigten sich auf uni-eigene Systeme, die laut der Informationsplattform universita.it „ein undurchsichtiger Dschungel“ und „ungerecht“ seien. Darüber hinaus müssen italienische Studierende weitere Gebühren bezahlen, etwa für die Einschreibung und die Zulassung zur Abschlussprüfung.

Und nach der Uni?

Die Jugendarbeitslosigkeit in dem Mittelmeerland beträgt 36,2 Prozent und nach dem Abschluss des Studiums findet kaum eineR direkt Arbeit; wenn doch, dann selten die, die er/sie sich erhofft. Alessandra (31 Jahre alt) hat Kunstgeschichte in Venedig und Bologna studiert, vor fünf Jahren hat sie ihr Studium mit sehr guten Leistungen abgeschlossen. Seitdem hangelt sie sich von Job zu Job, „einmal hatte ich sogar sechs Jobs gleichzeitig“, gibt Alessandra an. Viele Nebenjobs sind nur kurzzeitig und/oder nur für wenige Stunden die Woche. Die Kunsthistorikerin arbeitet zurzeit als Babysitterin, sie organisiert Kindergeburtstage und gibt Nachhilfe. Ihre Partnerin Sara (32 Jahre alt) ist studierte Musikwissenschaftlerin, sie spielt seit Jahren Schlagzeug, hat sich zuhause ein kleines Tonstudio eingerichtet und komponiert elektronische Musik. Sara hat eine unbefristete Arbeitsstelle und ist mehr als froh darüber „das ist wahnsinnig selten“ sagt sie sichtlich glücklich und beruhigt. Sara kellnert täglich in einem gehobenen italienischen Restaurant.

„Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.“

Die Forderungen auf den Transparenten der Demonstrierenden am vergangenen Freitag waren vielfältig, ebenso wie ihre Gründe auf die Straße zu gehen.
Dazu befürchten die Studierenden, dass die Qualität der Lehre leiden werde, wenn die Bildungseinrichtungen stärker beschnitten würden. Stipendienprogramme, wie es sie in der BRD zahlreich gibt, sind in Italien sehr rar gesät, staatliche Förderungen wie BAföG existieren nicht. Das Durchschnittseinkommen für ArbeitnehmerInnen und damit auch das der Eltern die ihren Kindern das Studium ermöglichen möchten, ist in Deutschland doppelt so hoch wie in Italien.
Am 27. Oktober wird es wieder landesweite Demonstrationen geben, organisiert vom Komitee „No Monti Day“.

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