Gleichstellung: frauen- und männerfreundlich

Geschrieben von ph am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Von der Gleichberechtigung zur Gleichstellung (Teil 2)

Die ersten Astronautinnen der NASA (1978)Die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern, dient gleichermaßen dem Wohl der Frauen wie dem der Männer. Denn die Benachteiligung des einen Geschlechts, einschließlich der bloßen Nichtberücksichtigung seiner Interessen und Bedürfnisse, schadet indirekt immer auch dem anderen Geschlecht. Und jedes in die Irre leitende Geschlechterstereotyp beeinflusst beide Geschlechter negativ. Schließlich leben die Geschlechter miteinander in einer Gesellschaft und meist auch in verschiedenen sozialen Beziehungen (familiär, freundschaftlich, partnerschaftlich). Jeder Mensch, der seine Kräfte menschlich-produktiv nutzt, um das ihm innewohnende Potential zu verwirklichen, ist ein Gewinn für seine Mitmenschen, unabhängig von seinem und deren Geschlecht. Die Gleichstellung der Geschlechter ist auf gesellschaftlicher Ebene ein wichtiger Schritt, um die positive Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit zu unterstützen.

Nachdem in Teil 1 dieser Serie (bsz 930) die Jungen als Verlierer des deutschen Schulsystems betrachtet wurden, sollen nun die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Berufswahl thematisiert werden. Dass die Mädchen im Schulsystem die Jungen überholt haben, bedeutet selbst in beruflicher Hinsicht keineswegs, dass Mädchen und junge Frauen Gewinnerinnen der momentanen Situation wären. Im Gegenteil, auch die heutigen jungen Frauen sind im Berufsleben hierzulande immer noch schlechter gestellt als die Männer. Dies liegt auch an ihrer Berufswahl selbst, an der Wahl ihrer Ausbildungen und Studiengänge.

Geschlecht und Beruf

Frauen wählen bei den Ausbildungsberufen überwiegend Dienstleistungsberufe wie Verkäuferin, Arzthelferin oder Friseurin, bei denen die Karriere- und Verdienstmöglichkeiten eher beschränkt sind. Überhaupt wählen Frauen tendenziell aus einem recht engen Ausbildungsspektrum: über 50 Prozent entscheiden sich für nur zehn der insgesamt 344 Ausbildungsberufe. Männer wählen im Vergleich ein breiteres Spektrum von Ausbildungsberufen aus, wobei sie kaufmännische, handwerkliche und technische Berufe deutlich bevorzugen. Jedoch entscheiden sich nur wenige Männer beispielsweise für eine Erzieherausbildung. Die Ausbildungswahl wird bei beiden Geschlechtern von Geschlechterstereotypen beeinflusst. Eine besondere Rolle spielt bei den Männern die Abschreckung durch die im Durchschnitt schlechtere Bezahlung der typischen Frauenberufe, etwa im pflegerischen oder pädagogischen Bereich, welche dem „männlichen“ Ideal des Ernährers der Familie entgegensteht. Die schlechtere Bezahlung und mangelnde Anerkennung bestimmter Berufe in unserer Gesellschaft ist ein Problem für sich, was der Gleichstellung der Geschlechter allerdings erheblich entgegenwirkt.
Analog dazu unterscheidet sich auch die Studienwahl der Geschlechter voneinander: Männer stellen die Mehrheit bei den Studierenden der Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie der Technik. Frauen studieren dagegen weit häufiger Sprach- und Kulturwissenschaften, Studiengänge im gesundheitlichen, sozialen oder pädagogischen Bereich und auf Lehramt. Auch wegen ihrer Studienwahl haben Frauen im Durchschnitt wirtschaftliche Nachteile. Zumal AbsolventInnen vieler Geisteswissenschaften es generell schwer haben, überhaupt ihrem Studium entsprechende Arbeitsstellen zu finden.
Natürlich sollten weder Frauen noch Männer ihre Berufswahl ausschließlich von wirtschaftlichen Kriterien abhängig machen. Jeder Mensch soll vor allem denjenigen Beruf anstreben, der seinen Fähigkeiten und Interessen am besten entgegenkommt – so dieser Beruf das denn wirklich tut! Viele Frauen und Männer wählen jetzt schon die für sie richtigen Berufe. Allerdings wird immer noch ein großer Teil der Menschen in unserer Gesellschaft durch weit verbreitete Geschlechterstereotype bei seiner Berufswahl direkt oder indirekt fehlgeleitet. Diese Menschen folgen dann nicht ihrer eigentlichen Berufung und vergeuden viel von ihrem Potential, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht.

Gegensteuern!

Gender Mainstreaming hat das Ziel, solche Missstände zu überwinden. Zu den Methoden gehören im pädagogischen Bereich die Jungenarbeit und die Mädchenarbeit, bei denen Jungenarbeiter bzw. Mädchenarbeiterinnen mit geschlechtshomogenen Jungen- bzw. Mädchengruppen geschlechtsbezogen arbeiten. In diesen Gruppen wird besonders auf Interessen und Bedürfnisse der Jungen und Mädchen eingegangen, die im pädagogischen Bereich sonst zu kurz kommen und es wird problematischen Geschlechterstereotypen entgegengewirkt. So sollen Jungen in den Jungengruppen u.a. an Hauswirtschaft und Sorgeselbstständigkeit heran geführt werden, aber auch Raum erhalten, um Aggressionen auf spielerische Art abzubauen.
Als Hilfe bei der richtigen Berufswahl dienen der Boys’ Day und der Girls’ Day, welche beide jährlich stattfinden. Dort schauen sich Jungen und Mädchen Berufe an, die für Angehörige ihres Geschlechts in unserer Gesellschaft noch eher untypisch sind. So können sich Mädchen beim Girls’ Day mit handwerklichen, technischen und naturwissenschaftlichen Berufen vertraut machen. Doch betrifft Gender Mainstreaming natürlich nicht nur den pädagogischen Bereich. In der Berufswelt ist es beispielsweise unerlässlich, gerade die Möglichkeiten der Männer zur Teilzeitarbeit zu erweitern. Zum einen, damit Männer so leichter Zeit für Partnerschaft und Familie gewinnen und nutzen können. Zum anderen, um die Haus- und Familienarbeit besser aufteilbar zu machen.

Fazit

Das Erreichen der Gleichberechtigung von Mann und Frau war eine notwendige und wichtige Entwicklung in unserer Gesellschaft. Das Erreichen der Gleichstellung ist das folgerichtige nächste Ziel. Dass bei dessen Verfolgung in der Theorie und Praxis auch Fehler gemacht wurden und werden, sollte Grund zu produktiver Kritik und zu Engagement in diesem Bereich sein, nicht jedoch Vorwand für unsachliche Hetze gegen das Gender Mainstreaming. In einer wirklich freiheitlichen Gesellschaft sollten Menschen ihr Leben nicht nur frei von unnötigen juristischen Einschränkungen selbst bestimmen können, sondern auch vielfältige Wahlmöglichkeiten vermittelt bekommen. Wahlmöglichkeiten bloß theoretisch zu ermöglichen, ohne sie den Menschen auch praktisch zu vermitteln und ohne entsprechende Wege zu ebnen, ist in Hinblick auf die Natur des Menschen leider nicht genug.

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