„Wir ertragen es nicht mehr.“

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Flüchtlingsprotestmarsch von Würzburg nach Berlin

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Seit Samstag sind sie unterwegs, 600 Kilometer zu Fuß von Würzburg nach Berlin: Rund 60 Flüchtlingsaktivist*innen haben kollektiv und öffentlich die Residenzpflicht gebrochen – eine der umstrittensten Regelungen im deutschen Asylverfahrensgesetz. Die aufsehenerregende Aktion ist der bisherige Höhepunkt der bundesweiten Flüchtlingsproteste. Seit inzwischen sechs Monaten fordern die Betroffenen mit Protestcamps und Hungerstreiks menschenwürdige Lebensverhältnisse, einen sofortigen Abschiedsstopp und die Abschaffung der Flüchtlingslager. Eine Demonstration mit etwa 450 Teilnehmer*innen hat die Aktivist*innen am Samstag in Würzburg verabschiedet. Unterstützung für die Protestierenden gibt es auch in Bochum.

 


„Wir werden mit jedem Schritt zeigen, dass wir aus der Isolation ausbrechen und kämpfen werden, bis wir auf unsere berechtigten Forderungen eine Antwort erhalten“, erklären die streikenden Flüchtlinge in einem offenen Brief. Die Landesflüchtlingsräte und Pro Asyl schließen sich den Forderungen an und rufen zur Unterstützung des Protestmarsches auf. Auf dem Weg planen die Aktivist*innen und Unterstützungsgruppen, mit Veranstaltungen und Demonstrationen auf die ausweglose Situation vieler Flüchtlinge in Deutschland aufmerksam zu machen. So weist etwa die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl darauf hin, dass viele Flüchtlinge über Jahre hinweg in menschenunwürdigen Bedingungen in Flüchtlingslagern leben müssen, gleichzeitig Arbeitsverboten unterliegen und aufgrund der so genannten Residenzpflicht ihr Bundesland bzw. ihren Landkreis nicht verlassen dürfen. Gleichzeitig hänge über vielen das Damoklesschwert der Abschiebung. Akut bedroht sind davon zum Beispiel Roma aus dem Kosovo, die mit Sammelcharter-Flugzeugen in Obdachlosigkeit und Elend abgeschoben werden. Zudem wurden zum Beispiel viele Asylsuchende aus Afghanistan und dem Irak nicht als Flüchtlinge anerkannt, sondern leben lediglich geduldet in Deutschland, bis ihre Abschiebung möglich wird.

Tägliche Angst

Die tägliche Angst vor der Abschiebung und die Isolation von der Gesellschaft stellen  immense psychische Belastungen dar, die immer wieder auch tödliche Folgen haben. Allein im Jahr 2010 wurden vier Suizide und 46 Suizidversuche von Flüchtlingen in Deutschland dokumentiert. Auslöser für die aktuelle Protestbewegung war ebenfalls ein Suizid: Im Januar hatte sich der iranische Flüchtling Mohammad Rahsepar im Würzburger Flüchtlingslager das Leben genommen. Nachdem Flüchtlinge aus Würzburg mit einem monatelangen Protestcamp in der Innenstadt auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam machten, folgten Asylsuchende aus neun Städten ihrem Beispiel. Immer wieder traten Flüchtlinge hierbei in den Hungerstreik.

Einen Monat nach Berlin

Einen Monat lang wollen die Aktivist*innen nun unterwegs sein und mit ihrem Marsch auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam machen. Die 600 km lange Route wird die Flüchtlinge von Würzburg über Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg nach Berlin führen. Eine zweite Gruppe aus Flüchtlingen und Unterstützer*innen hat sich mit einem Bus auf den Weg gemacht, um während des Aktionszeitraums von einem Monat in anderen Teilen der Republik präsent zu sein. So hat der Bus-Protest bereits am Montag am Frankfurter Flughafen Halt gemacht und dort zusammen mit lokalen Aktivist*innen gegen von dort durchgeführte Abschiebungen protestiert. Anschließend ging es weiter nach Wiesbaden. Voraussichtlich am 18. und 19. September wollen die Protestierenden auf ihrem Weg Bochum erreichen. Beide Gruppen seien dringend auf Spenden für Verpflegung, Logistik und Öffentlichkeitsarbeit angewiesen, betonen die Landesflüchtlingsräte.

Der Protestmarsch wird auf
refugeetentaction.net dokumentiert.