Ein Bürgerbegehren auf Abwegen

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Mit Sexismus gegen das Musikzentrum

wikimedia

„Leider ist die von uns gestern durchgeführte Pussy-Riot Aktion nicht so verlaufen wie dies von uns beabsichtigt war.“ Nach der vernichtenden Kritik an ihrer jüngsten Publicity-Maßnahme rudern die Verantwortlichen des Bürgerbegehrens gegen das Bochumer Musikzentrum zurück. Um Aufmerksamkeit für ihre Unterschriftensammlung zu generieren, hatten sie Pornodarstellerinnen nach Bochum gekarrt, um die in Russland kriminalisierte feministische Punkband nachzuäffen. Späte Einsicht nach einer misslungenen Aktion? Kaum. Die infame sexistische Struktur der Aktion bleibt bisher unreflektiert.

 

Dienstag vormittag, 11 Uhr. Journa­list*innen warten vor der Bochumer Marienkirche. Die Lokalzeitungen sind da, das Radio auch, und selbst ein RTL-Kamerateam ist durch eine merkwürdige Presseerklärung nach Bochum gelockt worden: Mitglieder eines angeblichen „Pussy Riots Chapter Bochum“ hatten angekündigt, sich an die Bäume vor der leerstehenden Marienkirche zu ketten – und zwar, so hieß es in der Erklärung, um gegen den Bau des Bochumer Musikzentrums zu protestieren. Was die Journalist*innen allerdings vor der Kirche zu sehen bekamen, das hatte nichts mit feminististischen, selbstorganisiertem Punk-Protest der Marke Pussy Riot zu tun. Im Gegenteil: Stattdessen standen dort zunächst alternde Männer in ihren blauen „Nein zum Musikzentrum“ T-Shirts, allen voran der Initiator des Bürgerbegehrens Volker Steude.

In der Kirche, vor der Kirche

Wir erinnern uns: In Moskau sind die echten Pussy-Riot-Aktivistinnen zu zwei Jahren Straflager verurteilt worden, weil sie in einer Kirche gegen Präsident Putin protestiert hatten. In Bochum dagegen gibt der promovierte Ökonom Volker Steude bei der anwesenden Polizei bereitwillig seine Personalien ab, und vertröstet die Journalist*innen, dass es gleich los gehe. Als das Liegenschaftsamt der Stadt Steude das Betreten des Geländes um die Marienkirche verbietet, entscheidet er, seine PR-Aktion einfach auf dem Bürgersteig durchführen zu lassen.

Porno-Piraterie

Dann endlich: Ein weißer Bully rollt heran, und heraus springen vier leicht bekleidete Frauen, mit improvisierten Masken über dem Gesicht. Sie posieren für ein paar Fotos vor einem Baum, und nehmen anschließend relativ schnell die Masken ab. Es sind die Pornodarstellerinnen Kitty Core, Aileen Taylor und Lena Nitro, sowie eine Frau, die sich Lara Labelle nennt. Was sie mit dem Bürgerbegehren gegen das Musikzentrum zu tun haben? Die Frauen seien „Bekannte“, erklärt Bürgerbegehren-Aktivist Andreas Sierigk. In seinem sonstigen Leben ist Sierigk Mitglied der Piratenpartei – und, wie eine kurze Google-Recherche ergibt, „Profi Member“ des „Erotikmessen-Online Forums“. Auf seiner privaten Homepage veröffentlicht er Texte mit Titeln wie „Der Penis bittet um eine Gehaltserhöhung“, sowie Fotos, die Auftritte von Stripper*innen auf einer von ihm organisierten Privatparty zeigen. Außerdem bietet Sierigk auf seiner Seite die Dienstleistungen der Pornodarstellerin und Escort-Hostess Teresa Lynn (55kg, BH-Größe 75B) an, inklusive Kontakt-Telefonnummer.
Ob es nicht eine Form von Marken-Piraterie sei, ausgerechnet den feministischen Punk-Protest von Pussy Riot für eine PR-Aktion des Bürgerbegehrens nachzuäffen? „Es geht da ja nicht um Feminismus in Russland“, meint Volker Steude, bei den vergangenen Landtagswahlen noch Bochumer Direktkandidat der Piratenpartei. „In Russland geht es um Korruption. Es kann nicht sein, dass eine kleine Clique versucht, das Musikzentrum gegen den Willen der Mehrheit der Bochumer durchzusetzen.“

Zutiefst sexistisches Ansinnen

Aha, Bochumer Männer mit persönlichen Kontakten in die Mainstream-Pornobranche wollen also russischen Mitgliedern des Riot Grrrl Movements den feministischen Charakter ihrer Performance-Aktionen absprechen – so weit, so infam. Da passt es ins Bild, dass diese Herren ausgerechnet Pornodarstellerinnen engagieren, damit sie Pussy Riot für die Medien nachäffen.
Als es von der Presse allerdings Kritik für die Aktion gibt („Ein Griff in die Kloschüssel“, WAZ; „Skurille Protestaktion mit wenig Inhalt“, Ruhrnachrichten), räumt Volker Steude Fehler ein. Dass es sich allerdings grundsätzlich um ein zutiefst sexitisches Ansinnen handelt, wenn Männer Frauen engagieren, damit diese für sie politischen Protest mit dicken Busen ins angeblich rechte Licht rücken, das ficht die Bürgerbegehren-Aktiven scheinbar nicht an. Wie selbstverständlich spricht Volker Steude in seiner jüngsten Stellungnahme lediglich davon, dass man die „Wirkung der Darstellerinnen falsch eingeschätzt“ habe. Von der Einsicht, dass allein schon die grundsätzliche Idee zynisch ist, selbstorganisierten feministischen Protest mit „Darstellerinnen“ nachäffen zu lassen, keine Spur.

Völlig frei drehen

Ärgern dürfte das alles einmal mehr die Bochumer Piratenpartei. Die hat sich zwar bereits vor einiger Zeit auf Distanz zu dem Musikzentrum-Aktivismus ihres Landtagskandidaten gebracht. Gleichwohl haben Volker Steude und Andreas Sierigk wieder einmal das Vorurteil befeuert, dass die Mitglieder der Partei in Bezug auf Sexismus all zu oft völlig frei drehen. Noch im Juni haben die Bochumer Piraten die beiden einstimmig zu Sprechern ihres „Arbeitskreises Grundsatzprogramm“ gewählt.
Ein guter Tag war dieser Dienstag dagegen für den Bochumer Kulturdezernenten Michael Townsend. Für den vehementen Befürworter des Musikzentrums war es ein Leichtes, öffentlich die Instrumentalisierung der Pussy-Riot-Proteste zu kritisieren – und dabei zwangsläufig als der weitaus weniger abstoßende Sprecher in der Debatte zu wirken.