Der Tag ist das Problem

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

4-1-bett-Sebastian-SellhorstDie Folgen der Obdachlosigkeit im Sommer

„Im Sommer sterben mehr Obdachlose als im Winter“, sagt Bastian Pütter, Chefredakteur der Straßenzeitung bodo.  Damit widerspricht er dem Vorurteil, vor allem kalte Winter würden das Leben der Menschen ohne Wohnraum gefährden. Zwar gibt es im Winter immer wieder Schlagzeilen von Erfrorenen, denen der Schutz einer beheizten Wohnung oder auch schlicht eines Daches über dem Kopf verwehrt war. Schwieriger sei die Situation der Obdachlosen aber eigentlich im Sommer. „Da gibt es nur leider überhaupt keine Statistik zu“, sagt Pütter. „Nach unseren Erfahrungen bin ich aber sicher, dass es nicht der Winter ist, der die Leute umbringt."

Obdachlos oder wohnungslos? „Wir haben da eine einfache Definition“, sagt Pütter. „Obdachlose sind die, die Platte machen.“ Das heißt als obdachlos bezeichnen die Mitarbeiter_innen der Straßenzeitung diejenigen, die draußen schlafen. Als wohnungslos hingegen werden diejenigen bezeichnet, die etwa einen Couch-Schlafplatz haben oder in Heimen übernachten. „Die einfachste Definition von ‚wohnungslos‘ ist: keine Tür zum Zumachen haben.“ Trotzdem es im Ruhrgebiet anders als in Großstädten wie Hamburg oder München viele Menschen gibt, die Wohnraum haben – da durch schrumpfende Einwohnerzahlen Wohnraum prinzipiell zur Verfügung steht – ergeben sich Probleme. Denn in Wohnsituationen, in denen keine Tür Schutz bietet, kommt es häufig zu Übergriffen wie Diebstählen und Gewalttaten. Die teilweise vom Jobcenter finanzierten unsicheren Wohnräume schützen häufig lediglich vor dem Erfrieren im Winter. Ansonsten getaltet sich die Wohnsituation dieser Menschen häufig so schlecht, dass viele von ihnen im Sommer lieber draußen schlafen. „Aber unsere Erfahrung zeigt, dass hohe Temperaturen im Sommer viel gefährlicher sind als die Kälte im Winter“, sagt Pütter. Die körperliche Verfassung vieler Menschen ist etwa durch die Folgen einer Suchterkrankung so schlecht, dass hohe Temperaturen zu Kreislaufversagen, Herzstillstand oder Nierenversagen führen. Bis heute gibt es keine Studien über die Todeszahlen von Menschen ohne sicheren Wohnraum. Im vergangenen Jahr hat der Hamburger Rechtzmediziner Klaus Püschel aber immerhin darauf hingewiesen, dass das durschnittliche Todesalter der Obdachlosen bei 46,5 Jahren liegt. Das sind 30 Jahre weniger, als der bundesdeutsche Durchschnittsbürger zu erwarten hat.
Auch einem anderen Vorurteil gegen die Obdachlosigkeit will Bastian Pütter widersprechen. Entgegen der Auffassung, eines der größten Probleme der Obdachlosigkeit sei die Verfügbarkeit eines adäquaten Schlafplatzes, stellt der bodo-Redakteur fest, dass die Betroffenen vielmehr damit zu kämpfen haben, über den Tag zu kommen. Und da dieser im Sommer länger ist als im Winter, ist auch dies eine Schwierigkeit, mit der vor allem in den warmen Monaten umgegangen werden muss. „Du hast, wenn du nichts hast, unheimliche Schwierigkeiten, den Tag herumzukriegen. Die Orte, an denen du als Obdachloser sein kannst, werden im Sommer immer weniger.“ Im Sommer ist der Druck viel größer, nicht als Randgruppe aufzufallen. Da sich mehr Menschen draußen aufhalten als im Winter, werden Obdachlose viel häufiger als störend wahrgenommen. Und da auch die öffentliche Präsenz des Ordnungsamtes im Sommer zunimmt, werden Obdachlose häufiger von ihren Aufenthaltsorten vertrieben und sind gezwungen, sich andere Orte zu suchen.

 

Geringe Spendenbereitschaft im Sommer

Eine weitere Schwierigkeit, mit der Obdachlose im Sommer zu kämpfen haben, ist die im Vergleich zum Winter geringe Hilfsbereitschaft der Mitbürger_innen. „Im Sommer scheint es keinen Menschen zu interessieren, wie ein Obdachloser über den Tag kommt. Betteln funktioniert eher im Winter. Die Einsicht, dass es diesen Menschen schlecht geht, scheint im Sommer völlig zu fehlen.“ Das Betteln ist für die meisten Obdachlosen im Sommer völlig ineffektiv. „Es gibt eine Ökonomie des Bettelns“, sagt Pütter. „Und die funktioniert leider nur im Winter.“
Trotz der weiterhin schwierigen Situation der Obdachlosen attestiert der bodo-Sprecher aber auch positive Entwicklungen. So gibt es einige Einrichtungen, die etwa das Duschen ermöglichen. Hinzu kommt eine Versorgung mit Kleidung durch verschiedene Initiativen. Auf diese Weise wird es für Betroffene auch leichter, durch das äußere Erscheinungsbild nicht mehr sofort als Randgruppe identifiziert und aus der Öffentlichkeit verdrängt zu werden. Und auch die Versorgung mit Lebensmitteln ist mittlerweile ganz gut, sodass das alte Ich-habe-Hunger-Schild nicht mehr zeitgemäß scheint.

Der Verein bodo e.V.

Der Verein bodo e.V. setzt sich seit 1994 für Obdachlose im Ruhrgebiet ein. Die erste Ausgabe der gleichnamigen Straßenzeitung erschien 1995. Seit dieser Zeit konnte die Zeitung ihre Auflage stetig steigern. Bodo erscheint monatlich und wird von derzeit rund 100 Straßenverkäufer_innen in den Ruhrgebietsstädten rund um Bochum und Dortmund verkauft. Die Hälfte des Verkaufspreises von 1,80 Euro gehen dabei an den Verkäufer oder die Verkäuferin selbst. Die Zeitung greift vor allem die Themen auf, die in den etablierten Tageszeitungen keinen Platz finden. Durch das teils ehrenamtliche Engagement der Mitarbeiter_innen und eine starke Vernetzung mit anderen Straßenzeitungen weltweit werden auch immer mal wieder exklusive Reportagen und Interviews möglich, die an alle Straßenzeitungen kostenfrei weiter gegeben werden.
Neben der Möglichkeit, die Straßenzeitung zu verkaufen, bietet der bodo e.V. aber auch Hilfestellung bei Amtsgängen, der Wohungsbeschaffung und anderen Problemen von in Not geratenen Menschen ohne Rückhalt. Die Redaktionsräume in Dortmund, aber auch die Ausgabestellen in Bochum, Herne, Witten und Unna sind Anlaufstellen für in prekäre Lebenslagen geratene Menschen, die Rat suchen, ihre Hilfe bei Verkauf und Produktion anbieten oder einfach nur ihre Geschichte erzählen wollen. Doch eines stellt Bastian Pütter fest: „Der Verkauf einer Straßenzeitung ist kein Job. Es ist eine Tätigkeit, die auf den Verkäufer nach innen wirkt. Sie soll helfen, etwa wieder Termine und Absprachen einzuhalten. Und das ist für viele schon ein Riesenschritt nach vorn.“