Ein nationalistischer Gemeinschaftsakt

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4-1-webVor 40 Jahren: Attentat auf das israelische Olympia-Team

„Uns ist es wichtig, auch an den traurigen Teil der Spiele zu erinnern. Ich selber war damals auf einem Ausflug, aber manche von uns waren auch im Dorf, als es passierte“, sagt Franz-Josef Kemper den Ruhrnachrichten. Der 66-Jährige ist am vergangenen Sonntag mit 48 anderen Ex-LeichtathletInnen nach Bochum gekommen, um einem der tragischsten Momente in der deutschen Sportgeschichte zu gedenken: Dem Attentat auf das israelische Olympia-Team 1972. Jüngsten Spiegel-Recherchen zufolge sollen deutsche Neonazis unter den HelferInnen gewesen sein.

 

Der frühe Morgen des 5. Septembers 1972. Acht palästinensische Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ betreten das olympische Dorf in München. Ihr Ziel: Das Quartier der israelischen Olympia-Mannschaft. Die Palästinenser haben leichtes Spiel, die Sicherheitsvorkehrungen sind bewusst auf niedrigem Level gehalten, schließlich hat sich seit den letzten deutschen Spielen 1936 vieles verändert. Dachte man. Der „schwarze September“ dringt in die unabgeschlossenen Appartments der Mannschaft ein. Sie nehmen elf Geiseln: David Mark Berger, Ze‘ev Friedman, Yossef Gutfreund, Eliezer Halfin, Josef Romano, André Spitzer, Amitzur Schapira, Kehat Shorr, Mark Slavin, Yakov Springer und Mosche Weinberg. Sie sind Gewichtheber, Ringer, Trainer und Sport-Richter. Weinberg und Romano sterben nur Stunden später durch Kugeln der Attentäter.

Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von 232 in Israel inhaftierten GesinnungsgenossInnen, auch die deutschen RAF-TerroristInnen Andreas Baader und Ulrike Meinhof sollen freigepresst werden. Sie geben der israelischen Regierung unter Golda Meir bis 9 Uhr morgens Zeit, die an sie gerichteten Forderungen zu erfüllen. Der israelische Botschafter in Deutschland macht hingegen deutlich, dass dies der Politik Israels widerspreche. Im Falle eines Deals mit den Terroristen sei das Leben aller im Ausland lebenden Israelis in Gefahr.

Was bisher nicht bekannt war: Wie aktuelle Spiegel-Recherchen belegen, erhielt die Terror-Truppe um den Drahtzieher Abu Daoud tatkräftige Unterstützung von deutschen Neonazis. Der damals in der NPD organisierte Willi Pohl soll sowohl Handgranaten beschafft als auch Chauffeurdienste für die Judenmörder geleistet haben. Das geht aus bislang unveröffentlichten Dokumenten des Verfassungsschutzes hervor, die dem Nachrichtenmagazin vorliegen. Diese Erkenntnis wirft ein neues Licht auf die Trias von arabischem Terrorismus, linkem „Antiimperialismus“  und Neonazismus. Der Schmierstoff: Ein tief verwurzelter Antisemitismus gepaart mit reaktionärer nationalistischer Befreiungsideologie.

 

Unfähige Polizei

8.45 Uhr: Das von den Terroristen gesetzte Ultimatum droht auszulaufen. Eine tödliche Pannenserie beginnt. Zwar kann die Frist dank zäher Verhandlungen bis in den späten Nachmittag verlängert werden. Die deutschen Behörden versäumen es aber, den Geiselnehmern den Strom abzustellen, so können diese die Vorbereitung der Befreiungsaktion in den Medien mitverfolgen. Die Aktion muss abgeblasen werden.

Nun wollen die Attentäter zusammen mit ihren Geiseln nach Kairo ausgeflogen werden. Sie besteigen zwei Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes und werden zum Fliegerhorst Fürstenfeldbruck gebracht. Dort erwartet sie eine Boenig 727, zum Schein, der Tank ist fast leer. Die Polizei-Koordination ist verheerend. Als Flugbegleiter getarnte Polizisten befinden sich im Inneren der Maschine. Sie sollen die Geiselnehmer überwältigen. Kurz vor Ankunft der Terroristen nehmen die Beamten allerdings Reißaus – sie erkennen, dass sie, unausgebildet und lediglich mit ihren profanen Dienstpistolen, nichts gegen die schweren Waffen der Terroristen ausrichten können.

Auf dem Flughafen haben sich derweil Scharfschützen positioniert. Drei zu wenig, die Behörden rechneten mit fünf statt mit acht Kombattanten. Gewöhnliche Streifenpolizisten haben Stellung an strategisch wichtigen Punkten bezogen, auf dem Dach, auf dem Rollfeld. Die Elite-Einheit steckt derweil im Stau. Die Polizisten sind nicht für Präzisionsschüsse ausgebildet, ihre Sturmgewehre zu diesem Zweck ohnehin ungeeignet. Die Geiselnehmer bemerken, dass die bereitgestellte Boeing leer ist. Ein 45-minütiges, chaotisches Feuergefecht beginnt. Eine Katastrophe.

Die Beamten schießen wild um sich, sie haben weder Nachtsichtgerät noch Helme, auch besteht kein Funkkontakt zueinander. Sie beschießen sich teilweise gegenseitig, da sie ihre Kollegen, die aus anderen Richtungen feuern, für Terroristen halten. Die wahren Terroristen erkennen die Falle, in die sie getappt sind. Sie erschießen die Geiseln im ersten Hubschrauber, die Geiseln in der zweiten Maschine sterben durch eine Handgranate. Einige Entführer werden im Verlauf des Gefechts von Scharfschützen erschossen, drei überleben. Ein Querschläger trifft den an der Schießerei unbeteiligten Polizeiobermeister Anton Fliegermeyer, er stirbt auf dem Flughafen. Später kann die bayerische Polizei nicht ausschließen, dass einige Geiseln irrtümlich von Polizeibeamten selbst erschossen wurden. Die Spiele werden fortgesetzt.

Gemeinsame Trauer

„Die Trauer bleibt“. Dieser Spruch steht auf dem Kranz, den die 49 deutschen SportlerInnen von Olympia ’72 in Bochum für die Opfer niederlegen. 40 Jahre danach scheint die Betroffenheit bei den Zeitzeug­Innen immer noch groß zu sein. Man habe sich schon 25 Jahre nach dem Attentat zusammengefunden, um gemeinsam zu trauern, sagt eine der Beteiligten den Ruhr Nachrichten. Der deutsche Leichtathletikverband habe da sehr geholfen. Die Stadt Bochum zeigt sich kooperativ.  Auch wurde für die Ex-AthletInnen eine Führung durch die Synagoge organisiert. Im olympischen Dorf in München erinnert eine Gedenktafel an die Ereignisse.

Willi Pohl, rechtsradikaler Unterstützer der antisemitischen Mordaktion, lebt mittlerweile unbehelligt als Krimiautor unter falschem Namen in der Bundesrepublik - auch das hat die aktuelle Spiegel-Berichterstattung enthüllt. Er wurde 1974 lediglich wegen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt, Strafmaß: Zwei Jahre und zwei Monate. Vier Tage später floh er nach Beirut. So wird die Aktion, die linksradikale Gruppierungen der BRD damals als „antifaschistisch“ und keinesfalls antisemitisch motiviert bezeichneten, zu einem Gemeinschaftsakt (inter)nationalistischer JudenhasserInnen. Insbesondere IsraelgegnerInnen, die sich als Linke verstehen, sollte dieser Zusammenhang zu denken geben.