Wieder Angriff auf Hirsch-Q: Fußball-Fans im Visier

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Dortmund, Fußball und die Nazis

4-1-web-mr„SS, SA, Borussia“,  „Scheiß Antifa“ und Ähnliches  schallte am vergangenen Wochenende durch die Brückstraße. Wurfgeschosse wurden bereitgelegt. Es sind Szenen, die in Dortmund nichts Neues sind. In der Brückstraße befindet sich die linke Szenekneipe Hirsch-Q, sie wurde schon oft Ziel von Naziangriffen. Diesmal allerdings ging den Pöbeleien keine Demonstration von links oder rechts voraus: Die TäterInnen sind wohl in der Fußballszene zu suchen.
Es sollen etwa zehn Personen gewesen sein. „Neonazis und BVB-Fans“, wie AugenzeugInnen berichten. Hanna Piehl, Sprecherin des Dortmunder Antifabündnisses (DAB), erzählt von Parolen die gegrölt, von Gästen, die angepöbelt wurden. Die AngreiferInnen trugen, neben BVB-Fanbekleidung teilweise einschlägige Szene-Kleidung der Nazi-Marke Thor Steinar sowie der rechtsradikalen Hooligan-Band Kategorie C. Die Polizei konnte die offenbar auf Krawall gebürstete Gruppe zunächst vertreiben.  Nur wenige Stunden später kamen sie zurück. Diesmal sollen sie Holzlatten und ähnliche Gegenstände mit sich geführt haben. Flaschen sollen geworfen worden sein, die Polizei musste wieder anrücken. Es gab insgesamt drei Verletzte.

„Lange Liste von Angriffen“

„Dieser Vorfall reiht sich ein in eine lange Liste von geplanten Angriffen auf die ‚Hirsch-Q‘ wie auch auf andere Dortmunder Einrichtungen, die sich gegen Neonazis positionieren“, sagt Hanna Piehl in einer aktuellen Pressemitteilung. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Angriffen auf den beliebten Szene-Treff. Dieser ist von außen gut als antifaschistische Einrichtung zu erkennen, „Good Night White Pride“-Logos prangen auf der Fassade. Bis dato wurde die „Q“ in erster Linie von stadtbekannten Neonazis angegriffen. Erst Mitte April wurde der Neonazi Markus N. wegen „gemeinschaftlichen Landfriedensbruch und gemeinschaftlicher Körperverletzung“ zu einem Jahr Haft ohne Bewährung verurteilt. Markus N. hatte zusammen mit anderen Neonazis im September vergangenen Jahres Gäste der Hirsch-Q angegriffen, Amtsrichter Ulrich Esken nannte den wegen Körperverletzung vorbestraften N. „nicht bewährungswürdig“. Sein Mitangeklagter kam mit einer Geldstrafe davon. Im Vorfeld demonstrierte die Dortmunder Neonaziszene im Rahmen ihres sogenannten Antikriegstags in der Stadt.

Alles Notwehr?

In der Regel versuchen die rechten AngreiferInnen, eine angebliche Notwehrsituation zu konstruieren. ProzessbeobachterInnen zufolge sagte Markus N. vor Gericht, „er habe sich der 2. Gruppe angeschlossen und sei praktisch hinzugestoßen. Er beschrieb die Situation vor Ort erneut als ‚chaotisch‘. Er behauptete die Gäste der ‚Q‘ wären, genauso wie ‚seine Kameraden‘, vermummt gewesen. Darüber hinaus seien ‚Sachen‘ aus der ‚Hirsch-Q‘ auf ihn und ‚seine Kameraden‘ geworfen worden (was durch die geschlossene und (noch) intakte Fensterfront physisch unmöglich ist). Es sei dann zu einem ‚riesen Tumult‘ gekommen, in dessen Verlauf er mit einem Gehwegaufsteller eine Scheibe der ‚Hirsch-Q‘ zertrümmerte. Ansonsten habe er aber nichts getan; sprich weder CS-Gas gesprüht, noch Menschen angegriffen, noch Gegenstände geworfen.“
Die Strafen dürften die Szene eher weniger einschüchtern. Als Neonazis im Dezember 2010 mal wieder die Hirsch-Q angriffen, wurde unter anderem gegen den einschlägig bekannten Neonazi Sven Kahlin ermittelt. Kahlin verbüßte bereits eine Haftstrafe wegen eines tödlichen Messerangriffs auf den Dortmunder Punk Thomas Schulz. Zur Tatzeit war er 17 Jahre alt, seitdem wird er in der Szene als Held gefeiert. Vom Überfall im Dezember existiert ein Überwachungsvideo, auf dem deutlich zu sehen ist, wie gewaltbereit die Nazis agieren.

Die „Borussenfront“

„‚SS, SA, Borussia‘ habe ich persönlich das letzte Mal in den Achtzigern gehört, war damals ‚Schlachtruf‘ der Borussen-Front“, so ein User auf bvb-forum.de. Die Borussenfront war vor allem in den Achtzigern aktiv. Damals galt sie als eine der berüchtigtsten Hooligan-Gruppierungen in der BRD, sie war eindeutig rechtsradikal durchsetzt. Einer ihrer Anführer war der als „SS-Siggi“ bekannte Dortmunder Neonazi-Führer Siegfried Borchardt. Borchardt war Funktionär der in den neunzigern verbotenen Neonazi-Partei FAP. 1982 gründete er die Borussenfront. Diese trat einerseits durch stumpfe „Ausländer“-Hatz in Erscheinung, aber auch als Saalschutz für Veranstaltungen der NPD. Der 59jährige gilt heute noch als Kopf der Dortmunder Naziszene. Außerdem war Borchardt aktiv in diversen illustren Vereinen wie dem „Komitee Adolf Hitler“, auch baute er diverse Kameradschaften mit auf. Bundesweit vernetze er sich mit anderen Neonazi-Größen wie etwa dem 1991 an AIDS verstorbenen Michael Kühnen. Auch mit dem Hamburger Neonazi Christian Worch kooperierte Borchardt. Worch, Drahtzieher der militanten Nazi-Szene in Deutschland, wurde in den siebziger Jahren durch eine Aktion mit Michal Kühnen bekannt. Damals gründeten sie die „Hansabande“ und wurden unter dem Motto „Ich Esel glaube, dass in Deutschland Juden vergast worden sind“ bundesweit als Holocaustleugner bekannt. 1977 wurden die beiden Funktionäre wegen der Ehrung der 1947 in Nürnberg zum Tode verurteilten Kriegsverbrecher verurteilt. Auch nahm er an Führungstreffen der NSDAP-Aufbau-Organisation in den USA teil. Mit seinem Eintritt in die FAP schloss sich der Kreis zu Siegfried Borchardt.

„Anknüpfungspunkte“ für Nazis

Die Verbindung Fußballszene/Rechtsradikalismus in Dortmund hat also eine lange Geschichte, die tief in den braunen Sumpf reicht. In der Dortmunder Fan-Szene gibt man sich zerknirscht. „Angesichts der Übergriffe die es in der Vergangenheit auf das Hirsch-Q gegeben hat dürfte die Meldung wohl leider stimmen“, heißt es auf dem BVB Fan-Forum. Und auch beim DAB ist man sicher: „Die Angreifer waren durch Kleidung und gerufene Parolen eindeutig als neonazistische Fans des BVB zu erkennen. Nachdem Mitglieder der Ultragruppierung ‚Desperados‘ bereits bei dem Spiel gegen den SV Werder Bremen durch ihre menschenverachtende Gesinnung in Erscheinung getreten sind, zeigt dieser Übergriff einmal mehr, dass es in gewissen Kreisen der Dortmunder Fanszene Anknüpfungspunkte für Neonazis gibt.“

*VerfasserIn der Redaktion