Islam, Michael Jackson & die Illuminati

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Marokko II: Die Verschwörungstheorien hinter dem Frühling

4-1-web-reich4-1-web-armDer „Arabische Frühling“: Er blühte unter anderem in Tunesien, Libyen und Ägypten. Von einer  Revolution kann in der konstitutionellen Monarchie Marokko allerdings keine Rede sein. Beobachter­Innen sagen für dieses nordafrikanische Land eher Reformen statt Revolutionen voraus. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Jugend hier uneinig zwischen Frustration und Fortschrittsglauben pendelt.

 

Auch Marokkos Jugend versucht, sich zu den politischen Umbrüchen in ihren Nachbarländern zu positionieren und findet sich irgendwo zwischen Misstrauen, Ohnmacht und Optimismus wieder. Skeptisch blicken sie auf die neuen Wege, die ihre Nachbarn beschreiten und finden offensichtlich keinen Zukunftsentwurf, mit dem sie sich widerspruchsfrei identifizieren können. Agadir: Nur wenige Kilometer vom prunkvollen Yachthafen entfernt, durchsucht ein Mann auf einem Eselskarren die großen grünen Mülltonnen nach brauchbaren Sachen. Manchmal ist es eine Mütze, manchmal sind es nur Kartons. Eine glänzende Limousine mit verdunkelten Scheiben fährt an ihm vorbei. Ein komplettes Mittagsgericht in der Snackbar kostet hier zwischen 20 und 30 Dirham, umgerechnet nicht mehr als 2,70 Euro. Viele Familien könnten sich derzeit jedoch nur ein Menü für alle, nicht eines für jeden leisten. Die wirtschaftliche Ungerechtigkeit ist allgegenwärtig. Wie junge Menschen in Marokko die Revolutionen beurteilen, ist nicht selten eine Frage der Identität. Das Land ist wie kaum ein zweites von wirtschaftlichen und sozialen Widersprüchen geprägt. Das enorme Gefälle zwischen Reichtum und Armut ist nicht nur privat, sondern auch im öffentlichen Leben spürbar. Doch wen verantwortlich machen?

 


Mohammed VI., das adelige Oberhaupt des Maghreb-Landes, gibt sich indes offen und fortschrittlich. So spricht er seit seinem Amtsantritt 1999 von Rechtsstaat, Dezentralisierung, persönlichen Freiheiten, politischer Teilhabe und einem neuem Konzept von Autorität. Nachdem viele Menschen in seinem Land im Februar 2011 bei Demonstrationen und Protesten auf die Straße gegangen waren, unterstützte und übernahm er eine Reihe gesellschaftspolitischer Forderungen. Zentral ist für ihn hierbei auch, die Menschenrechtsverletzungen aufzuarbeiten, die unter seinem Vater Hassan II. begangen wurden. Außerdem setzte er sich dafür ein, dass 2004 das Familienrecht geändert werden konnte, so dass Frauen arbeits- und eherechtlich nun mit mehr Privilegien ausgestattet sind. Im Zuge von Reformbewegungen, ließ er zudem einen wichtigen Punkt in der Verfassung ändern: Seit Juni 2011 ist Mohammed VI. nicht mehr geistiges Oberhaupt Marokkos. Er ist zwar immer noch „unantastbar“, aber nicht mehr „heilig“.  Darüber hinaus hat er Tamazight, die Sprache der Berber – die immerhin 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen – als Amtssprache anerkannt.

Zu arm für eine Revolution

Fareed Zakaria, Publizist und ehemaliger Herausgeber des Magazins Newsweek, argumentiert, dass zunächst eine sozioökonomische Schwelle überschritten werden müsse, damit ein Land in der Lage sei, eine Revolution zu durchlaufen. Zakaria sagt, dies sei erst ab einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 8.000 US-Dollar wahrscheinlich. Staaten wie Marokko, in denen dieses Niveau nicht erreicht wird, hätten demzufolge weniger Chancen auf einen gesellschaftlichen Umbruch als wohlhabendere Länder. Auf die angespannte Situation im Land reagieren einige junge Menschen mit diffusen Erklärungen. Indem sie zum Teil die jeweils eigene Kultur und Religion in den Vordergrund ihres Selbstverständnisses rücken oder ihre Identität wieder stärker betonen,versuchen sie, ein Stück an Orientierung zurückzugewinnen. Andererseits aber wird diese Identität angereichert mit waghalsigen Verschwörungstheorien aus dem Web. Diese sind nicht selten von antisemitischen und antizionistischen Ressentiments durchzogen. So hört man in den Cafés immer häufiger, dass Mark Zuckerbergs Facebook-Imperium heimlich im Dienste der Illuminati stünde. Auch US-Präsident Barack Obama sei Mitglied dieses - mittlerweile nicht mehr ganz so geheimen -  Bundes.


Man ist unzufrieden mit dem System. Die Jugend ist gespalten. Einige reagieren mit Rückkehr zu den religiösen Traditionen. Doch nutzen die meisten zeitgleich moderne Kommunikationstechnologien wie Mobiltelefone, das Internet und Fernsehen. Auch beurteilen sie Plattformen wie Facebook, Twitter und Blogs nicht uneingeschränkt positiv. Es herrscht zwar durchaus ein Konsens darüber, dass durch sie eine Kommunikationskultur abseits des Mainstreams ermöglicht wurde. Dass durch sie die Proteste in den arabischen Ländern gefördert wurden,  gilt bei weitem nicht allen als eine wünschenswerte und positive Entwicklung. Anders als es der norwegische Historiker Brynjar Lia einschätzt, haben die Protestbewegungen nicht bei allen BeobachterInnen den Ruf gewaltfrei oder gar populär zu sein. Sami* lebt und arbeitet in Agadir. Er ist Mitte Zwanzig und sagt: „Bei diesen Revolutionen sind Menschen gestorben. Araber bekämpfen sich untereinander und trotzdem hat sich in diesen Ländern noch immer nichts geändert. Ich verstehe nicht, wieso sie die Hand gegeneinander erheben anstatt sie sich zu reichen.“


Die Verschwörungstheoretiker sehen auch hier die Illuminati am Werk und die seien „jüdischer Hand“. Da der „Arabische Frühling“ über das soziale Netzwerk Facebook organisiert wurde, komme dem Medium mehr als nur eine auslösende Bedeutung zu. Die Revolutionen, so das Argument, nützten letztlich eben nicht den BewohnerInnen in den Ländern, sondern politisch-wirtschaftlichen Mächten. Diese richteten sich gegen den Islam und hätten das Ziel, die arabische Welt zu „verwestlichen“. Diese Theorien machen auch vor Michael Jackson nicht halt. So sei der King of Pop nur deswegen umgebracht worden, weil er sich Tags darauf auf einem Konzert öffentlich dazu habe bekennen wollen, dass er zum Islam konvertiert sei. Obwohl der als Zeuge Jehovas aufgewachsene Jackson seinen neuen Glauben bereits im Jahr 2008 öffentlich gemacht hatte, halten sich Vermutungen über seine Todesursache, die mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, hartnäckig.

Easy Arabizi

Hinzu kommt die Rolle der Sprache. Nicht alle beherrschen Hocharabisch, die meisten kommunizieren vor allem in ihrem jeweiligen lokalen Dialekt. Wer wegen mangelhafter Schulbildung weder ordentlich Arabisch, noch Englisch kann, hat im Web kaum Probleme. Denn wer jung ist und Zugang zum Internet hat, beherrscht in der Regel Arabizi und benutzt es in Chats, bei SMS, in den Foren und Blogs, auf Facebook und beim Twittern. Arabizi ist eine Bezeichnung, die zusammengesetzt wird aus den Worten „Arab“ und „Easy“. Bei diesem Chat-Alphabet werden  arabische Nummern mit lateinischen Buchstaben benutzt, um eine allgemein verständliche Version der arabischen Sprache herzustellen.  Beispielsweise wird so aus der marokkanisch-arabischen Frage danach, wie es mit dem Lernen läuft, „kif dayr m3a l9raya?“ Es erleichtert die Kommunikation und ermöglicht auch weniger Gebildeten die Teilnahme und den Austausch. Allerdings wäre es wohl eindeutig zu kurz gedacht, darin gleich eine Romanisierung der arabischen Sprache sehen zu wollen. Denn Arabizi wird an Stelle von Englisch oder Französisch benutzt und bewahrt damit eher das Arabische unter den Jugendlichen, als es zu verdrängen. Das Chat-Alphabet wurde zuallererst in Ägypten benutzt.

* Name von der Redaktion geändert.