Proteste gegen den Steiger-Award für den türkischen Regierungschef

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Zehntausende gegen Erdogan

1-2-web-demo-mndNichts geht mehr in Bochum. Die Innenstadt befindet sich im Ausnahmezustand, Polizeihubschrauber ziehen ihre Kreise am Himmel. Zehntausende Menschen sind an diesem Samstag gekommen, sie alle protestieren gegen den türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan. Dieser sollte in der Jahrhunderthalle eigentlich den Steiger-Award in der Kategorie „Europa“ entgegennehmen. Der Preis, eine Erfindung des Medienunternehmers Sascha Hellen, wird zum achten Mal an willkürlich ausgewählte Prominente vergeben. Gegen den geplanten Besuch Erdogans, der allerdings kurzfristig abgesagt hat, haben diverse Organisationen in den letzten Wochen massiv mobil gemacht – mit spektakulärem Erfolg.
Die Schätzungen von VeranstalterInnen und Polizei variieren wie üblich, aber auf die Zahl von 25.000 TeilnehmerInnen können sich die meisten einigen. Für die AlevitInnen, die kurz zuvor noch das Ruhrstadion gefüllt haben, ist die geplante Auszeichnung des türkischen Regierungschefs ein Skandal. „Wir Aleviten werden von Erdogans islamistischer AKP-Regierung unterdrückt“, sagt Hüseyin Kizil vom Alevitischen Kulturverein Velbert. Er wirft Erdogan vor, die „Islamisierung“ der Türkei voranzutreiben, er sei ein „Faschist mit demokratischem Schein“. An AlevitInnen verübte Massaker in der Türkei erführen Straffreiheit. Auch in der türkischen Gesellschaft sei die staatliche Repression allerorten spürbar. Kizil beklagt desweiteren die mangelnde Pressefreiheit, auch die fehlende Gleichberechtigung von Mann und Frau prangert er an. Erdogan führe die Türkei „zurück ins Mittelalter.“ Bei den AlevitInnen hingegen seien Mann und Frau gleich, „Hier sind 25.000 Aleviten aus ganz Europa, zeigen sie mir ein Kopftuch und ich gebe ihnen ein Essen aus!“ verspricht er. Eigentlich wären noch mehr DemonstrantInnen gekommen. „Aber Tayyip hat gestern den Schwanz eingezogen und kommt doch nicht. Er hatte Schiss vor der Demonstration!“.


Am Hauptbahnhof formiert sich derweil der mit rund 500 TeilnehmerInnen wesentlich kleinere Protestzug der kurdischen Gruppen. Schwarze Holzsärge werden aufgebahrt, das wirkt drastischer. Die kommunistische  MLKP ist da, PKK-Solidaritätsplakate werden hochgehalten. „Stehen 6.500 politische Gefangene für einen demokratischen Wandel?“,  ruft der wütende Redner vom Lautsprecher-Wagen herab. Auch hier lässt man sich von Erdogans Absage nicht beirren. „Wir protestieren zwar gegen den Besuch Erdogans, aber auch dagegen, dass er überhaupt eingeladen wurde!“, sagt Yüksel Koc, Vorsitzender der Föderation Kurdischer Vereine in Deutschland. „Der Steiger Award ist ein politischer Preis, wir halten Erdogans Absage für ein politisches Spiel.“ In der Türkei herrsche „Staatsterror“ gegen KurdInnen. Auch die deutsche Regierung wird kritisiert, „Deutschland finanziert –Türkei bombardiert!“ skandieren die TeilnehmerInnen. Auf halber Strecke dann schließt sich der Demonstrationszug mit dem der ArmenierInnen zusammen.
Erdogan hatte vordergründig wegen des Absturzes eines türkischen Militärhubschraubers in Afghanistan abgesagt – daher wird er nun doch nicht ausgezeichnet. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass er aufgrund der angekündigten Proteste kalte Füße bekam. Pikantes Detail: Schon Tage vor dem Absturz tauchte Erdogans Name in der aktuellsten Pressemitteilung auf der Steiger-Website nicht mehr auf – dies könnte zumindest ein Indiz für eine Absprache mit dem Veranstalter sein. Wie auch immer, es ist ein Erfolg, der Bochum eine hässliche Fußnote in der Stadtgeschichte erspart hat. Für den Initiator Sascha Hellen ist dies ein Rückschlag – wurde doch der Glamour-Faktor, auch durch die Absagen vieler geladener Gäste, massiv beschädigt. Neben Erdogan verzichteten auch der wegen Antisemitismus-Vorwürfen umstrittene Autor Henning Mankell, Altkanzler Gerhard Schröder sowie der US-Musiker Lou Reed.