Mein Kommunismus, dein Kommunismus

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4-1-web-Kommunismus-by-MndEin Besuch beim Liebknecht-Luxemburg-Gedenken in Berlin

„Dass man Kapitalismus zähmen könnte, ist ein ziemlich bekiffter Traum!“ Das kommt gut an beim Publikum. Jutta Ditfurth, Autorin und längst ausgetretene Grünen-Mitbegründerin, geizt nicht mit Polemik. Sie schießt gegen die Piratenpartei („konforme Systemtechnokraten“), die Occupy-Bewegung („Mittelschichtsscheiße“, der sich „Sozialisten nicht anschließen sollten“) und die Ökologische Plattform in der Linkspartei („Die huldigen irgendwelchen indischen Göttern, das ist doch kein Sozialismus!“). Hier Applaus, dort Gemurre. Wir befinden uns auf der „Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz“ in Berlin, die sich seit 1996 auf die meist roten Fahnen geschrieben hat, den Kapitalismus überwinden zu wollen. Veranstalterin ist die orthodox-kommunistische Tageszeitung Junge Welt (JW) aus Berlin. Am darauffolgenden Sonntag findet die traditionelle „LL-Demonstration“ zum Grab der ermordeten KPD-GründerInnen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht statt. Die bsz ermittelt vor Ort.

Zur Feier des Tages hat kein geringerer als Fidel Castro höchstselbst den Leitartikel in der Jungen Welt verfasst. Dieser hatte „die Freude, (…) in aller Ruhe mit Mahmud Ahmadinedschad“ über die jüngsten „Drohungen der Yankees“ zu spotten. Auf dem Programm der Konferenz steht allerlei Umstürzlerisches: In den Vorträgen und Diskussionen kommen kommunistische AktivistInnen aus Portugal, Kuba, Tunesien und aus den USA zu Wort. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion am Abend („Sozialismus oder Barbarei? - Welche Rolle spielt die Linke?“) sprechen neben Jutta Ditfurth der marxistische FAZ-Redakteur und Autor Dietmar Dath, der Kapitalismus-Erklärer und Konkret-Autor Georg Fülberth sowie der stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei Heinz Bierbaum. Es wird eine Diskussion ohne viel Reibung, dafür aber, trotz des phrasenhaft klingenden Themas, ein unterhaltsamer Gedankenaustausch. Viele Marx-Zitate fallen. Das Publikum, an die tausend Menschen, scheint in ideologischen Blöcken zu sitzen. Applaus kommt oft nur aus einer Ecke des großen Konferenzsaales, je nach politischer Färbung. Andere schütteln derweil den Kopf. Einig sind sich alle aber in einem Punkt: Zentral sei die Eigentumsfrage. Diese würde viel zu selten gestellt. Georg Fülberth, selbst DKPler, äfft die seiner Ansicht nach herrschende Einstellung vieler Linksparteiler dazu nach: „Um Gottes Willen, nicht über Eigentum reden, machen wir mal lieber Cultural Studies!“ Gelächter. Nach der Diskussion: Absingen der „Internationalen“, mit erhobener Faust, versteht sich.

SpinnerInnen und Sympathen

Überhaupt das Publikum: Anwesend sind so ziemlich alle traditionskommunistischen Splittergruppen der BRD, und viele aus dem Ausland. Im Foyer tummeln sich K-Gruppen wie die „Kommunistische Initiative“, die „Spartakisten“ und diverse Aufbauorganisationen irgendwelcher KPs. Nordkorea-SympathisantInnen bauen ihr Ständchen neben ETA-Solidaritätsgruppen auf, es gibt kurdische Initiativen, MaoistInnen und StalinistInnen. Auch die Freie Deutsche Jugend (FDJ) hat ihren eigenen Stand, DKP und MLPD sowieso. Dabei treffen Kulturen aufeinander: DDR-RentnerInnen hier, Leute mit Punk-Frisuren, Batik-Shirts und Dreadlocks dort. In dem Durcheinander der linken Grüppchen hält der DKP-nahe Jugendverband SDAJ sein Verbandstreffen ab. Die Atmosphäre ist locker, einige haben bereits ihr Bier in der Hand.

Nelken für Rosa und Karl

Der nächste Tag beginnt früh. Schon um 9 Uhr versammeln sich an die 5.000 Menschen in Berlin-Lichtenberg, um gemeinsam zum „Sozialistenfriedhof“ zu pilgern. Palästina-Fahnen wehen, von vielen Transparenten schauen Stalin und Mao streng auf den Demonstrationszug herab. Auch die FDJ ist wieder da, natürlich in der traditionellen blauen FDJ-Uniform mit dem gelben Sonnenlogo, so wie damals. Auf ihren Transparenten fordern sie den „Staatsbankrott“ der BRD. Überall stehen versprengte Einzelpersonen, die Zeitungen wie den „Bolschewik“ oder die „Kommunistische Arbeiter Zeitung“ verkaufen. Die „Spartakisten“ fordern auf ihren Plakaten: „Verteidigt die deformierten Arbeiterstaaten China, Nordkorea, Kuba, Vietnam und Laos!“ Am Straßenrand stehen kleine vietnamesische Mädchen und verkaufen Nelken zum Niederlegen am Grab, das Stück zu einem Euro.

Kritik unerwünscht

Doch nicht alle sind mit der Veranstaltung einverstanden. Eine kleine Gruppe, die sich selbst als „emanzipatorische Kommunist_innen“ bezeichnen, hält am Rand der Demonstration ein Transparent hoch. Darauf zu sehen sind Lenin, Stalin und Mao. Unter ihnen steht: „Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!“ Das allerdings ist für die KommunistInnen von der türkischen MLKP eine echte Provokation. Nachdem sie die kleine Gruppe verbal beleidigt, lassen sich die zuvor so disziplinierten ParteisoldatInnen zu Gewalt hinreißen. Zuerst rennen junge Männer aus den Reihen der MLKP auf die Gruppe zu. Mit ihren Fahnenstangen schlagen sie auf die KritikerInnen ein. Einige klauen das dissidente Transparent und zerreißen es. Als PassantInnen und Ordner eingreifen wollen, brechen selbst ältere Männer und junge Mädchen aus dem Block aus und prügeln mit Fäusten und Fahnenstangen auf die Umstehenden ein. Auch JournalistInnen sollen angegriffen worden sein. Unmittelbare Folgen für die AngreiferInnen hat das keine. Nach eigenen Angaben wollten die Angegriffenen mit ihrer Aktion gegen die „Verharmlosung autoritärer Regime wie die DDR und das maoistische China“ protestieren. Die LL-Demonstration repräsentiere „dogmatische Gesellschaftsanalysen autoritärer K(lein)-Gruppen mit blutrünstigen Revolutionsphantasien.“ Von den VeranstalterInnen fordern sie für künftige LL-Demos „einen antistalinistischen und antimaoistischen Grundkonsens“ ein. „Derartige Ideologien“ könnten nicht Teil einer radikalen Linken sein, „die sich bedingungslos gegen Herrschaft, Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgrenzung richtet.“ Das Gedenken an Rosa Luxemburg hingegen wollen sich auch die „emanzipatorischen Kommunist_innen“ nicht nehmen lassen. Für künftige LL-Demos appellierten sie an die TeilnehmerInnen: „Verdeutlicht den Träger_innen dieser Symbole, dass sie mit Widerspruch zu rechnen haben, verwickelt sie in Diskussionen und ruft antistalinistische Parolen.“ Dass dies allerdings zu einem Umdenken bei den „unverbesserlichen Stechschritt-Sozialist_innen“ führen wird, ist nach diesem Wochenende mehr als fragwürdig.