Neue Antibiotika braucht das Land

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

1-2-web-Staphylococcus-aureusInfektionskrankheiten auf dem Vormarsch?

Entgegen einer Prognose aus den 1970er Jahren der Weltgesundheitsorganisation, die einen positiven Ausblick auf die Relevanz von Infektionskrankheiten in der globalen Sterblichkeitsstatistik gab, zeichnet sich ein Vormarsch der Infektionskrankheiten auch in den Industriestaaten ab. Nach Meinung von ForscherInnen ist vor allem die Resistenz von einzelnen Bakterienstämmen im Zuge übermäßig verschriebener Antibiotika Ursache für diese Entwicklung. Eine ForscherInnen-Gruppe der RUB ist mit Hilfe eines Massenspektrometers auf der Suche nach alternativen Antibiotika zur Behandlung multiresistenter Erreger.

„Wir befinden uns am Anfang einer Antibiotika-Krise“, sagt Juniorprofessorin Dr. Julia Bandow, die das Forschungsprojekt zur Entwicklung alternativer Antibiotika an der RUB leitet. Im Vergleich zu den 1980er Jahren sind die Neuzulassungen für Antibiotika im 21. Jahrhundert stark gesunken. Bandow führt diese Entwicklung, ebenso wie der Infektiologe Prof. Dr. Günter Weiss von der Universität Innsbruck, auf die mangelnde Lukrativität des Medikaments für die Pharmaunternehmen zurück. Im Gegensatz zu blutdrucksenkenden Medikamenten, die lebenslang eingenommen werden müssen, werden Antibiotika nur punktuell zur medikamentösen Therapie eingesetzt. Die bereits vorhandenen Antibiotika verlieren jedoch durch Multiresistenzen ihre Wirksamkeit. Stationäre und ambulante ÄrztInnen verschreiben trotz der Resistenzgefahr noch immer viel zu oft Antibiotika-Therapien. Deutschland schneidet jedoch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Italien, deren Antibiotika-Verbrauch im Durchschnitt doppelt so hoch ist, in den Verschreibungsstatistiken gut ab.  Der innerdeutsche Verbrauch weist jedoch auch eine Diskrepanz zwischen neuen und alten Bundesländern auf. In den neuen Bundesländern werden wesentlich weniger Antibiotika verschrieben als in den alten, was nach Meinung von ForscherInnen auf Einflüsse der Verschreibungstpraktiken aus DDR-Zeiten zurückzuführen ist.
Nach Meinung von Bandow besteht allerdings kein Grund, sich auf den Statistiken auszuruhen. Die Forschung muss reagieren und für die immer schneller resistenten und durch die Globalisierung immer mobileren Erreger Lösungen finden.
Die Nachwuchsgruppe für Mikrobielle Antibiotikaforschung und das Projekt Alternative Antibiotika NRW unter der Leitung von Bandow werden durch das Land NRW gefördert. Das Projekt überzeugte im Wettbewerb Bio.NRW und konnte so Fördermittel zur Forschung erhalten. Zusätzlich zu diesen bewilligten Fördermitteln wurde nun ein 800.000 Euro teures Massenspektrometer durch das Land NRW finanziert. Damit werden Proteine, die von Bakterien bei medikamentöser Behandlung gebildet werden, in ihren gasförmigen Zustand versetzt und durch Beschleunigung in einzelne Bestandteile, so genannte Peptide, zersetzt. Dadurch entsteht ein Proteinprofil, das mit bereits vorhandenen Profilen verglichen werden kann. Lässt die Zuführung von neuen, noch unerforschten Substanzen, den Schluss auf eine Übereinstimmung zu, gibt dies Aufschluss über einen ähnlichen Wirkmechanismus. In einem zweiten Schritt können die Peptide in noch kleinere Bestandteile zerlegt werden, und auf der Ebene von Aminosäuren kann die Aminosäurensequenz untersucht werden. Das Hauptaugenmerk legt die Forschungsgruppe auf bisher unerforschte Substanzen, die den Bakterien zugeführt werden, um so neue Wirkmechanismen zu entdecken. In Zusammenarbeit mit Arbeitsgruppen aus Düsseldorf und Bonn sowie zwei Pharma-Unternehmen aus dem regionalen Umfeld, deckt das Projekt jeden Forschungsaspekt von der Grundlagenforschung bis zu Überprüfungen auf toxische Eigenschaften der Substanzen an menschlichen Zellen ab. Eine Kooperation, die nach Bandow viele Vorteile birgt, da eine einzelne Forschergruppe ohne eine  Zusammenarbeit in diesem Umfang nie zu solchen interdisziplinären Ergebnissen gelangen kann.