Freiheit oder Peitschenhiebe

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Internationaler Tag der Menschenrechte: Preisverleihung an Aktivistin


1-1-web-Iran-CC-by-nc-nd-Roozbeh-RokniUnter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, sowie in Zusammenarbeit mit Amnesty International, verlieh der Verein „Iran Freedom“ zum ersten Mal einen Menschenrechtspreis an eine exil-iranische oppositionelle Aktivistin. Namhafte RednerInnen und gut gemeinte Rap-Einlagen bildeten den Rahmen zur Ehrung von Khadijeh Moghaddam.

Es wirkte schon etwas skurril. Ausgerechnet in einer christlichen Kirche fand die als „Iranischer Abend“ angekündigte Veranstaltung am vergangenen Sonntag statt. Gekommen waren rund 400 Leute, zu großen Teilen Deutsche iranischer Herkunft sowie zahlreiche Exil-Iraner­Innen. „Wir bitten die Presse, das Fotografieren des Publikums zu unterlassen“, richtete sich Robert Heller, Moderator und Pressesprecher der Organisation „Iran Freedom“, deshalb zu Beginn an die anwesenden JournalistInnen. Die Angst vor den iranischen Repressionsbehörden wirkt auch noch in über 5000 Kilometern Entfernung.
Zusammen mit Amnesty International (AI) lud Iran Freedom zur Verleihung des „1. Bochumer Menschenrechtspreises 2011“ in die Christuskirche am Bochumer Rathaus. Neben verschiedenen Musik- und Redebeiträgen, unter anderem vom Generalsekretär der deutschen Sektion von AI, Wolfgang Grenz, sowie Bürgermeisterin Astrid Platzmann-Scholten, wurde eine Frau angekündigt, die mit ihrer bloßen Präsenz die gesamte Veranstaltung überstrahlte: die Frauenrechtlerin Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003. Sie war Haupt-Gastrednerin. Die iranische Menschenrechtsaktivistin Khadijeh Moghaddam wurde für ihr Engagement gegen die Willkürherrschaft des Regimes im Iran ausgezeichnet. Sie ist Mitbegründerin der „Eine-Million-Unterschriften-Kampagne“, welche sich für Geschlechtergerechtigkeit im Land einsetzt. Außerdem gründete sie 2007 mit anderen iranischen Frauen die Initiative „Mütter für den Frieden“. Die Organisation warnt unter anderem vor einer militärischen Eskalation in der Region, sollte es zu einem Angriff auf den Iran aufgrund seines Atomprogrammes kommen.

Ebadi gegen Intervention

Auch Shirin Ebadi wies auf die gefährlichen Folgen eines solchen Schrittes hin. Zwar spricht auch sie sich deutlich gegen die atomaren Bestrebungen der Mullahs aus. So benötige der Iran auch zur Energieerzeugung keinerlei Atomkraft, da die Bedingungen zur Erzeugung erneuerbarer Energien ideal seien. Sie machte deutlich, „dass ein Krieg dazu führen (würde), die nationalistischen Emotionen des iranischen Volkes neu zu erwecken“. Dies sei letztlich kontraproduktiv, da mehr Menschen in diesem Falle das System wieder unkritisch unterstützen würden. Sie lobte aber Deutschland ausdrücklich dafür, „die Iraner immer mit offenen Armen aufgenommen zu haben.“ Nach fast jedem Satz war ihr der Applaus sicher.
Den Bogen zum „arabischen Frühling“ schlug der Generalsekretär von AI Deutschland, Wolfgang Grenz. Er ver­glich die Situation im arabischen Raum „mit dem Wandel in Osteuropa vor 20 Jahren.“ Auch sprach er sich gegen die oft von arabischen Staaten angebotenen Deals „Amnestie für Rücktritt“ für Despoten aus. Diese förderten nur ein „Klima der Straflosigkeit.“ Er forderte stattdessen, etwa im Falle Syriens, eine Intervention des internationalen Strafgerichtshofes. Szenenapplaus. Auch verwies er auf die Verantwortungslosigkeit der deutschen Regierung, die beispielsweise auf dem Höhepunkt der arabischen Rebellionen Panzerdeals mit Saudi-Arabien durchführte. „Rüstungsexporte sind das falsche Signal“, so Grenz.

Kritik an der Bundesregierung

Die Preisträgerin selbst wirkt trotz ihrer 60 Jahre noch relativ jung. So jung, dass man kaum glauben kann, dass sie seit fast 40 Jahren gegen Unterdrückung kämpft. Noch zu Zeiten des Schah-Regimes opponierte sie als Schülerin mit Regime-kritischen Artikeln in der Schülerzeitung. Auch heute noch legt sie den Finger ungeniert in asiatische und europäische Wunden. „Der iranische Außenminister, der Verteidigungsminister und der Ölminister hatten vor ihrem Amtsantritt offiziell Einreiseverbot in die Bundesrepublik“, so Moghaddam. Kaum in Amt und Würden, seien ihre Namen von der Liste gestrichen worden. „Der iranische Außenminister war noch in diesem Monat in Deutschland. Warum?“, fragt sie sich. In den Iran wird sie vorerst nicht wieder reisen. Auf die mutige Aktivistin warten sechs Monate Haft und 70 Peitschenhiebe.