Precht und Bertelsmann

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Ein Unternehmen mit Erzieherambitionen

2-1-web-Precht-CC-by-sa-Raimond-SpekkingEiner, der derzeit enorm an Sympathien einbüßt, weil er gehäuft mit fragwürdigen Stellungnahmen auffällt, ist Richard David Precht. Der Philosoph forderte kürzlich ein verpflichtendes soziales Jahr für RentnerInnen. Immer wieder ist er als Experte zu Gast in diversen Talkshows. In die lässt er sich allerdings von einer Referenten-Agentur aus dem Hause Bertelsmann schicken. Aber nicht nur der pop-philosophierende Bestsellerautor lässt sich von diesem umstrittenen Unternehmen vor den Karren spannen.

Mit dem Schlagwort der Bertelsmannisierung bezeichnet man das Bemühen des Medienkonzerns, die Bildungs- und Sozialpolitik und auch die öffentliche Meinung im deutschsprachigen Raum wirtschaftlichen Interessen gemäß zu beeinflussen. Beispielsweise mit tendenziösen hochschul- und bildungspolitischen Studien. Der Grundtenor ist neo-liberal. Bertelsmann versteht sich nicht nur als ein Unternehmen mit Erziehungsauftrag, sondern vermittelt auch hauseigene ReferentInnen an prominente Fernsehformate – unternehmensnahe Thesen inklusive. So bringt der Konzern gewünschte Inhalte nicht nur in TV-Talkshows, sondern auch in Zeitungsinterviews unter.
Erst kürzlich lud Bertelsmann die Pop- und Politprominenz anlässlich des 175-jährigen Bestehens zur Jubiläumsfeier. Auch der Privatsender RTL gehört zur Konzernfamilie – wenig journalistische Inhalte inklusive. Doch Bertelsmann gilt aus diversen Gründen als umstritten. Ein Grund, auf den unter anderem die Gewerkschaft Verdi und ein Beitrag der 3sat Kulturzeit bereits hingewiesen haben, ist der Umgang mit der eigenen Vergangenheit im Unternehmen: Heinrich Mohn, übernahm 1921 die Aufgaben seines Vaters bei Bertelsmann und positionierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Public-Relation-Coup der besonderen Art. Mohn erfand die Legende von Bertelsmann als ehrenwertem kirchlichen Widerstandsverlag.
Ein Märchen, das sich 50 Jahre lang gehalten hatte, bevor Bertelsmann aufgrund des öffentlichen Drucks eine unabhängige Kommission beauftragen musste, um die historische Vergangenheit des Konzerns prüfen zu lassen. Dabei kam heraus: Mohn hatte sich von den Briten bescheinigen lassen, sein Vater habe sich als Kirchenmann gegen die Nationalsozialisten gestellt. Dabei handelt es sich allerdings um ein Image das nicht nur erfunden war, sondern auch noch mit besonders miesem Beigeschmack daherkam. Denn Heinrich Mohn war Ehrenmitglied der SS. Und als dieses begleitete er die Vision des totalen Kriegs mit entsprechender Blut- und Bodenliteratur. Insofern profitierte das Unternehmen in erheblichem Maße von den Machenschaften der Nazis. Aber nicht nur diese Geschichte verweist auf eine erhebliche Diskrepanz zwischen erzählter und gelebter Ethik bei Bertelsmann.

Tricky Referentenagentur

Auch Richard David Precht fällt gehäuft auf – und zwar als ein Mann, der sich immer weniger philosophischen als viel mehr unternehmerischen Prinzipien verpflichtet zu fühlen scheint. Im Juli 2009 setzte sich der Autorenbeirat des Club Bertelsmann neu zusammen. Neben Susanne Fröhlich trat auch Richard David Precht als Nachfolger von Amelie Fried und Ijoma Mangold an. Darüber hinaus lässt sich Precht seit kurzem von der Bertelsmannagentur als Referent vermitteln. Wer schon immer wissen wollte, woher die immer gleichen ‚ExpertenInnen‘ in den diversen Talkrunden kommen, sollte sich die Homepage der Referentenagentur von Bertelsmann ansehen. Hier werden Fachleute inklusive Talkshow-tauglicher Thesen an die üblichen Sendeformate vermittelt. Mit dabei sind unter anderem Frank Schirrmacher und Peter Sloterdijk. Als Prechts Kompetenzthemen gibt die Referentenagentur unter anderem Bildung, Ethik und Gesellschaft an. Sollte der Autor dann doch einmal keine Zeit haben, werden Thea Dorn und Rainer Calmund als AlternativrednerInnen zu diesen Themen vorgeschlagen.   
In einem Stern-Interview dann forderte Precht plötzlich ein verpflichtendes soziales Jahr auch für RentnerInnen. Wenn es nach dem Philosophen geht, müssen SeniorInnen mit 65 Jahren nochmal ran – und zwar alle. Diesem Vorschlag verlieh er anschließend auch bei einer Sendung mit Markus Lanz Nachdruck. Als das Rentensystem der Bundesrepublik eingesetzt wurde, so Precht, hätten RentnerInnen nur noch wenige Jahre gelebt. Heute sei das anders. Man müsse den Greisen eine Aufgabe geben, weil sie im Jahr 2011 viele Jahre länger leben würden. Sie sollen aus einem Katalog auswählen, welcher Tätigkeit sie nachkommen wollen. Lanz fragt: Also muss man zwei Mal ran, einmal mit 18, 19 Jahren und noch einmal im Alter? Precht entgegnet Lanz: „Legen Sie die Betonung des Wortes nicht auf ‚muss‘, sondern auf ‚darf‘.“ Und weiter versichert er: „Sie werden es als eine notwendige Pflicht wahrnehmen.“ So richtig mit Zwang, wie beim Wehrdienst? Dass Feldjäger künftig Senioren aus ihren Wohnungen zerren werden, damit rechnet Precht nicht: „Natürlich wird man nicht von den Feldjägern geholt, aber man könnte Probleme mit der Auszahlung seiner Rente bekommen. Das wäre auch eine Möglichkeit.“
Ein Jahr zuvor war Precht zu Gast bei Anne Will und sprach über die von Guido Westerwelle behauptete „spätrömische Dekadenz von Hartz IV-EmpfängerInnen“. Precht stellte sich ausdrücklich gegen Bevormundung durch staatliche Politik und wies darauf hin, dass Dekadenz, im Sinne einer egoistischen Haltung, quer durch alle Schichten zu finden sei. So auch, wenn ein Millionär sein Geld in die Schweiz schafft, um sein Vermögen zu konservieren. Die Neigung, bestimmte Schichten und Bevölkerungsgruppen mit dem Vorwurf der Dekadenz sozial zu diskriminieren, rügte er als ungerecht. Damals fragte er noch: „Mit welchem Recht können wir einfordern, dass Hartz IV-Empfänger die besseren Menschen sein sollen?“ Precht schlug vor, der Politik deutlich weniger zuzutrauen als bisher und forderte stattdessen, individuelle Spielräume zu nutzen. In diesem Sinne bleibt nur, Herrn Precht zu fragen: Wer sind Sie und wenn ja, wie viele?