Outdoor-Spießer und iPad-Haptiker

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Schlechte Weihnachtsgeschenke Teil II


2-2-web-Tablets-by-flickr-kodomut-CC-byDas Christkind könnte kotzen. Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Kaufen und schenken - der Preis bestimmt die Wertigkeit. Doch Vorsicht! Mit manchem Geschenk macht man sich eher Feinde, egal wie teuer es war. Auch im zweiten Teil der schlechten Weihnachtsgeschenke warnt die bsz wieder vor den größten Fehlern.

Der Texapore O3 (199,95 Euro). Der vollnarbige Schuh aus robustem Leder ist das Erfolgsmodell der diesjährigen Jack-Wolfskin-Kollektion. Dank eines optimierten Belüftungssystems ist er gleichzeitig atmungsaktiv und wasserdicht. Dazu darf natürlich nicht die Texapore-Air-O3-Jacke fehlen. Das heißt: nochmals schlappe 500 Euro obendrauf, schon ist der Outdoor-Spießer-Look perfekt. In Zeiten der bevorstehenden Naturkatastrophen wird im Kleiderschrank sicherheitshalber aufgerüstet.

Reich mir mal den Rettich rüber

Die Zielgruppe ist breit gefächert. Die zur Schau getragene Natur-Emphase wird sowohl von Oberstudienrätinnen als auch Sachbearbeitern marktführender Krankenversicherungen geschätzt und gerne mit blauen Jeans kombiniert. Die Message ist klar: Alles geht vor die Hunde, doch wir unternehmen etwas dagegen. Doch es geht nicht nur um die Rettung der Welt, sondern auch um die Sicherung unserer Besitzstände und die Erhaltung unserer Gesundheit. Deshalb laufen wir so komisch rum und gucken böse, wenn im Café am Nebentisch geraucht wird. Wir sind uniformiert, doch gegen den Krieg in Afghanistan, Atomkraftwerke und Alko-Pops für Jugendliche. Wir wollen mitreden, auch wenn wir nichts zu sagen haben. Der Outdoor-Spießer-Look soll ein neues Bewusstsein demonstrieren, doch ist er Ausdruck einer die Umwelt malträtierenden Mischung aus Unsicherheit und Kontrollzwang. Dass die Überlebenskluft frei von modischen Kriterien ist, wird gerne in Kauf genommen. Denn wenn die Gletscher schmelzen, und die Tsunamis mit ihren Flutwellen kommen, dann sind die Spießer mit ihrem Outdoor-Look klar im Vorteil. Erst wenn die Atomkraftwerke explodieren, sind alle Menschen wieder gleich.   

Goodbye Gutenberg

Der Kindle (99 Euro) – die Neuauflage des E-Book-Readers – kommt mit raffiniertem Komfort und einer beeindruckenden Preisoffensive daher. Schon werden an den Bushaltestellen die ersten Leseratten gesichtet, die demonstrativ auf gedrucktes Papier verzichten. Die Argumente gegen den Kindle sind drei bis vier Jahre alt, doch haben sie nichts von ihrer Aktualität verloren: Zum Lese-Feeling gehört ein Buch, das uns mit der jahrhundertealten Gutenberg-Tradition verbindet. Was ist, wenn am Strand von Carlo d’Or feinkörniger Sand in mein Kindle gerät? Außerdem lieben wir überquellende Bücherregale, wenn wir fremde Wohnungen betreten, denn sie geben uns Auskunft über unsere neuen Freunde. Der Kindle ist so überflüssig wie Graupensuppe ohne Fleischeinlage. Wer dennoch einmal „digital“ lesen möchte, kann das an seinem Heimcomputer tun oder mobil mit dem Smartphone.
Das iPad (769 Euro). Ganz klar, Steve Jobs war ein Genie, das einer ganzen Epoche seinen Stempel aufgedrückt hat. Interface-Simplifizierung, Online-Musikbörsen und Smartphone-Touchscreen waren Meilensteine der Web-Kultur. Doch Jobs letztes Baby wirft einige Fragen auf: Wozu dient verdammt noch mal ein iPad?! OK, das trendige Apple-Design überzeugt. Doch jenseits der Konsum-Identität unterliegt das iPad dem Laptop im Preis-Leistungsverhältnis deutlich. Sein größter Trumpf ist gleichsam das größte Manko: der Touch-Screen.

Drücken im Sichtfeld

Was beim iPhone so genial war, wird hier zum Stolperstein. Ein Handy sollte ein handliches Format besitzen, d.h. mehr Sichtfeld, weniger Tastatur. Die beste Lösung war es, beides ineinander zu schieben. Bei der Geräteklasse der Laptops, unter der sich das iPad wohl subsumieren lässt, ist diese Lösung ebenso überflüssig, wie behindernd. Denn das Laptop hält bereits alle Lösungen parat: Klappt man es auf, teilt es sich benutzerfreundlich in zwei funktionale Hälften: Bildschirm und Tastatur. Ganz anders dagegen das iPad. Es liegt flach auf dem Tisch. Ohne zusätzliche Stütze müsste man sich über das Gerät beugen oder es permanent in der Hand halten, um es zu bedienen. Der Bandscheibenvorfall ist also quasi vorprogrammiert. Die zusätzliche Stütze bedeutet hingegen Mehrkosten und unterwegs mehr Gepäck. Doch das gravierendste Problem ist der Touch-Screen. Bei längeren Textgattungen erweist sich der Touch-Screen als Fluch, denn die Tastatur befindet sich im Sichtfeld. So mutieren die smartesten Blogger zu vermeintlich sublimierenden Haptikern und der Infantilisierung einer eh schon infantilisierten Gesellschaft wird weiterhin Vorschub geleistet. Dieses Gerät hat definitiv nichts unterm Weihnachtsbaum verloren, es sei denn, man will gar nicht schenken, sondern bestrafen. Dazu nächste Woche mehr.