„Ein besonderes Maß an Hartnäckigkeit“

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Zum Tod von Klaus Kunold


1-2-web-Kunold-by-VVNbda Wann immer Klaus Kunold in den vergangenen Jahren Oberbürgermeister­in Ottilie Scholz traf, schüttelten sich beide herzlich die Hände. Beharrlich und scheinbar unaufhörlich mischte er sich ein: Als lokaler Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA), als Integrationsfigur auf scheinbar endlosen Sitzungen im Bochumer Bündnis gegen Rechts, als Autor und Herausgeber von Büchern und Zeitungen, im Gespräch mit PolitikerInnen – und bis zuletzt auch als Demonstrant auf der Straße, wenn es darum ging, sich Neonazis in den Weg zu stellen. Energisch stritt er für eine Entschädigung der NS-ZwangsarbeiterInnen, für die verfolgten und ermordeten Sinti und Roma – und dafür, dass Bochum wieder eine Synagoge bekommt. Er scheute auch keine Konflikte. In den 1950er und 60er Jahren saß er für sein Engagement jahrelang im Gefängnis.

Eine späte Ehre: Vor drei Jahren hat die Stadt Bochum Klaus Kunold mit ihrer Ehrenplakette ausgezeichnet. Und trotzdem gibt es noch immer einige, die das mit Argwohn betrachten. Schließlich galt Klaus Kunold über Jahrzehnte hinweg als unverbesserlicher Verbrecher. Als Gesinnungs- und Wiederholungstäter, kurz: als Kommunist.
Wie viele andere KommunistInnen, aber auch GewerkschafterInnen und sonstige Linke war Klaus Kunold in der Adenauer-Zeit massiv von politischer Verfolgung betroffen. Das erste Mal wurde er im Jahr 1953 zu einem Jahr und drei Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Sein Vergehen: Seit Beginn der 1950er Jahre war er in der westdeutschen FDJ aktiv, damals eine große Jugendorganisation mit 30.000 Mitgliedern. Im Zuge des Kalten Krieges, und weil die Organisation damit begann, eine Volksbefragung gegen die Wiederbewaffnung zu organisieren, wurde die FDJ im Juli 1951 verboten. Nachdem es zuvor schon massive Einschüchterungen und Repressionen gegeben hatte, versiegelte und räumte die Polizei nun auch das Bochumer FDJ-Büro auf der Hofsteder Straße. Der 19jährige Klaus Kunold engagierte sich weiter für die Kampagne gegen den Aufbau der Bundeswehr, trotz zunehmender Gefahr für Freiheit und sogar Leben: 1952 schoss die Polizei in Essen auf eine Demonstration gegen die Wiederbewaffnung und tötete dabei einen Demonstranten, zwei weitere Demonstrationsteilnehmer wurden durch die Schüsse schwer verletzt.

„Geheimbündelei“

Im Jahr darauf wurde Klaus Kunold verhaftet und landete im Gefängnis. Der Vorwurf in den Gerichtsakten: „Geheimbündelei“ und das Verteilen von FDJ-Flugblättern. Im Mai 1955 beschloss das Oberlandesgericht Hamm, der 23jährige Kunold sei dringend verdächtig, der „Vorsteher in einem Geheimbund“ zu sein. Deswegen müsse er weiter in Untersuchungshaft gehalten werden. Als Beweise dienten die bespitzelten Treffen eines Bochumer Volkschores, in dem Klaus Kunold zusammen mit anderen ehemaligen Bochumer FDJ-Mitgliedern Arbeiterlieder sang – und das trotz seiner schlechten Schulnoten in Musik.
Dem Verbot der FDJ folgte 1956 das Verbot der KPD. Klaus Kunold war der Partei bereits mit 20 Jahren beigetreten – vor allem auch aus antifaschistischer Überzeugung, wie er noch in den Jahren vor seinem Tod betonte. Am 16. August 1962 wurde er wegen „Staatsgefährdung“ erneut zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt – weil ein unter Druck gesetzter Genosse erzählt hatte, Kunold habe kommunistische Zeitungen und Flugblätter verteilt. „Obwohl ich eine Familie hatte, habe ich keine Bewährung bekommen. Das spielte keine Rolle, mein jüngster Sohn war gerade geboren und da bin ich in den Knast gegangen“, erinnerte sich Klaus Kunold vor zehn Jahren in einem bsz-Interview. „Die waren einfach unerbittlich, und die haben gesagt: Es gibt keine Haftverschonung, da ich unverbesserlicher Kommunist sei.“ Seine Strafe saß Kunold in Bochum, Dortmund, Münster und Herne ab. Auch im März 1963 lehnte das Gericht eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung ab. Begründung: Der Gefangene Kunold habe „ein besonderes Maß an Hartnäckigkeit, Unbelehrbarkeit und Bereitschaft zur Mißachtung der Gesetzes“ gewahrt.

„Unverbesserlicher Kommunist“

Bereits im Jahr 1955 war Kunold der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) beigetreten. Dass seine Eltern NS-Opfer waren, berechtigte ihn dazu. Weil unter den Mitgliedern auch viele in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgte KommunistInnen waren, versuchten Bundesregierung und Bundesverwaltungsgericht im Jahr 1961, auch diese Organisation zu verbieten. Erst als herauskam, dass der vorsitzende Richter schon vor 1933 aktiver SA-Mann gewesen war, und dass der Anwalt der Bundesregierung ebenfalls eine Nazi-Vergangenheit hatte, wurde das Verfahren nach internationalen Protesten vertagt – und nie wieder aufgenommen. 1984 wurde Klaus Kunold zum Vorsitzenden der Bochumer Ortsgruppe gewählt.
Die politische Gefangenschaft von Klaus Kunold war kein Einzelfall. Lokale HistorikerInnen gehen davon aus, dass es in Bochum zwischen 80 und 100 Verfahren gegen KommunistInnen, GewerkschafterInnen und andere Linke gegeben hat, die mit friedlichen Mitteln gegen die Politik der Adenauer-Regierung opponierten – also sie Flugblätter verteilten oder an Demonstrationen und Versammlungen teilnahmen. Trotz der späten Ehrung von Klaus Kunold durch die Stadt Bochum: Bis heute sind er und die anderen Opfer der politischen Rechtsprechung der Adenauer-Zeit nicht juristisch rehabilitiert.