Mein Abschied von der Linken

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Ich bin dann mal weg

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Marvi Marmara, Wege zum Kommunismus, Mauer, Kuba – an die kleinen und großen Skandälchen in der Partei Die Linke hat man sich mittlerweile gewöhnt wie an den sonntäglichen Tatort. Die Partei kommt nicht voran. Gefangen im Universum der Fettnäpfchen leidet das linke Profil. Statt mit Inhalten kommt man fast nur noch mit Grabenkämpfen und Peinlichkeiten in den Medien vor. Das treibt viele Mitglieder lediglich zur Verzweiflung, andere entscheiden sich für den Austritt. Unser Autor gab nun, nach drei Jahren Mitgliedschaft, sein Parteibüchlein zurück. Ein ganz persönlicher Report.

Meine Geschichte beginnt anno 2008 in einer Stadt an der Ruhr, die mal den Titel „Deutschlands kleinste Großstadt“ innehatte. Eine traditionelle SPD-Hochburg, Stahlindustrie, viel Natur. Ich war 21 Jahre alt und wusste eigentlich schon immer, dass ich „irgendwie links“ bin. Nur, ich wollte es schriftlich haben. Durch die lokale linke Szene kannte ich schon länger Leute, die sich in den Niederungen der Lokalpolitik suhlten wie die Schweine im Schlamm. In unserer Szenekneipe, so etwas wie ein autonomes Zentrum, nur provinziell, gab es einige Personen, die sich besonders hervortaten.

Einer von ihnen, nennen wir ihn Fidel (das würde ihm bestimmt gefallen), war, mit viel gutem Willen, eher von der traditionskommunistischen Fraktion. Ein Kämpfer der alten Schule, und das, obwohl er erst Mitte Dreißig war. Er war in der PDS, schon immer gewesen. Und das merkte man. Mit ihm zusammen bin ich später sogar auf die berühmt-berüchtigten „Luxemburg-Liebknecht“-Demos gefahren, eine Mischung aus sowjetischem Gruselkabinett, Zoo und DDR-Freilichtmuseum. Fidel ließ wenig auf die alten Ikonen kommen, er war ein herzensguter Mensch, nur leider hoffnungslos altmodisch. Statt Internet hatte er ein Faxgerät, statt Handy ein Schweizer Taschenmesser, statt Navigationssystem einen zehn Jahre alten Stadtplan und - ich hatte bis dato nur davon gehört - sogar ein Stofftaschentuch.

Was ist „links“?

Ich erinnere mich an hitzige Debatten zwischen Fidel und Leuten, die beispielsweise bei den Grünen waren. Die Voraussetzungen für Fidel, der zwar über ein ungeheures Maß an sozialistischer Allgemeinbildung verfügte, waren relativ gut. Aber mit dem Talent, Dinge verständlich und vor allem prägnant auf den Punkt zu bringen, war er nicht grade gesegnet. Er redete in endlos verschachtelten Sätzen, verhaspelte sich andauernd und schien über seine eigene Zunge zu stolpern. Beim Zuhören hatte ich das Gefühl, es ging um die Frage: Was ist denn nun „wirklich“ links? Die Sympathien der ZuhörerInnen lagen deutlich auf grüner Seite. Ich aber, mit eingebauter Minderheiten-Schutzfunktion, rückte näher an Fidel heran. Der Ton wurde rauher, ein „Geh doch zu deinen Freunden nach Moskau!“ beendete die Debatte zugunsten des grünen Debattierprofis.

Jetzt wollte ich mehr wissen. Wie meinte er den Satz, die Grünen wären nur „Kryptokapitalisten“ (Linke gendern kaum)? Wir begannen, uns häufiger zu unterhalten. Wir trafen uns. Ich war fasziniert von seinem Glauben an „die Revolution“. Wenn wir in seinem Wagen unterwegs waren, spielte er laut Ernst Busch, wir sangen aus voller Kehle mit. Ich begann, mich mit der Partei zu beschäftigen, deren Hauch Fidel stets umwehte. 2008 dann, ich hatte mir ordentlich Wut auf SPD und Grüne angelesen, machte ich den entscheidenden Schritt: Ich trat der Partei bei. Ich hatte nicht viel vor, eine passive Mitgliedschaft, etwas Infomaterial kriegen, mehr nicht. Durch eine Verkettung (un-)glücklicher Zufälle wurde ich dann aber in ein hohes Amt gewählt. Was soll´s?

Erste Zweifel

Was mir nie so richtig klar war: Was wollten all die KritikerInnen der „Linken“ eigentlich? Das sind doch nette Leute, die nur das Beste für alle wollen. Das machte mich schrecklich wütend! Der Kommunismus ist doch eine super Sache! Und die DDR, ja mein Gott, die altnaziverseuchte Adenauer-BRD war auch nicht gerade das Paradies.

Und dann berichtete die Tagesschau von neun toten Türken auf einem Schiff. Sie wollten doch nur „Solidarität“ bekunden, ein schönes Wort, das Gutes meint. Auch drei ParteigenossInnen waren mit an Bord. Meine Empörung wurde allerdings getrübt, als ein anderes Wort, das Schlechtes meint, in der nachfolgenden Debatte aufkam: Antisemitismus. Dass bei der Abfahrt der „Solidaritätsflotille“ „Tod den Juden“ skandiert wurde, haben sie mir nicht gesagt. Auch nicht, dass sich Genossin Höger und Genossin Groth widerspruchslos auf einem sogenannten „Frauendeck“ aufhielten. Man warf Israel doch seinerseits Apartheid vor, warum dann der Kotau vor der Geschlechterapartheid? Warum die fehlende Distanz zu antisemitischen Organisationen wie Hizbollah und Hamas? Warum der Vergleich Israels mit Nazideutschland? Warum die alte „Kauft nicht bei Juden“-Nummer? Warum die Diffamierung von FreundInnen des kleinen Staates als „Rechtsextreme“? Warum darf so einer wie Hermann Dierckes für die Linke Bürgermeister-Kandidat werden?

Die Fragen rissen nicht ab. Und es wollte sie auch keineR beantworten. Mir war eigentlich alles egal, baut doch die Mauer wieder auf, kuschelt mit Castro und erschießt Millionäre, aber diese eine Sache, die konnte ich nicht akzeptieren.

Der Schlussstrich und eine Flasche Wein

Ich habe lange gezögert, habe mich zwischenzeitlich wieder zusammengerissen und wollte bleiben. Den endgültigen Schlussstrich zog ich dann aber, als die Bochumer Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen und KonsortInnen den „Ruhrbarone“-Blog in einem Antrag blanken Rassismus vorwarfen. Moment. War dies nicht ebenjener Blog, welcher das unsägliche „IsraelistwieHitler“-Flugblatt auf der Website der Linken (Duisburg) entdeckte und öffentlich gemacht hat? Dieser Diffamierungsversuch war leicht als Retourkutsche dafür zu erkennen. Ich schrieb eine wütende E-Mail an den Kreisvorstand, unterschrieb noch ein letztes Mal mit meiner Amtsbezeichnung und trat aus.

Viele meiner GenossInnen konnten den Schritt nicht verstehen. Entweder, sie taten den Antisemitismus als Kleinigkeit ab („Ich würde erst austreten, wenn wir aufhören, den Mindestlohn zu fordern!“) oder sie ritten sich immer weiter rein („Es ist nun mal Apartheid!“). Die meisten aber hatten von der Materie schlicht keine Ahnung und waren daher umso ratloser. Um die guten Menschen, die ich kennenlernen durfte, tut es mir leid.

Nein, ich werde jetzt nicht den Grünen beitreten. Und ja, die Linke bleibt für mich das kleinste Übel. Doch dieser Schritt, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich ihn auch anderen empfehlen würde, war notwendig, um ehrlich zu mir selbst zu bleiben. Ach ja, und außerdem hat mir Alex Feuerherdt (Konkret) neulich für den Austritt eine Flasche israelischen Rotwein versprochen. Na denn Prost!

Autor der Redaktion bekannt