Schleiereulen versus Amalia

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Bochum bekommt einen neuen Golfplatz. Nur wann?

Es gilt, einen Ball mit möglichst wenigen Schlägen in ein Loch zu spielen. Klingt einfach, aber bis es soweit ist, sind viele Hürden zu nehmen. Wie sehr der Golfsport die Gemüter erregen kann, zeigt zurzeit die Kontroverse um die geplante 9-Loch-Anlage im Bochumer Nordosten. Das Hickhack um Umweltschutz und linksalternative Stereotypen beweist vor allem eins: Die Eule der Minerva startet ihren Flug mit der Dämmerung.

Das bei einer Begehung vorgefundene Gewöll der Schleiereule bildet den bisherigen Höhepunkt in der Kontroverse um die geplante Golfsportanlage Amalia für das Gebiet nördlich der A40, südlich des Harpener Hellweges. Es ist bereits der dritte Versuch, einen Golfplatz in Bochum-Werne zu realisieren. Die Pläne aus den Jahren 2006 und 2010 scheiterten, nicht zuletzt, da Bochum bereits einen Golfplatz in Stiepel hat. In der Begründung des Bebauungsplans Nr. 620 N der Stadt Bochum heißt es: „Anlass der Planung waren die Überlegungen zur Errichtung einer öffentlichen Golfanlage vor 15 Jahren im Rahmen der Internationalen Bauausstellung IBA Emscherpark. Auf regionaler Ebene wurden geeignete Altstandorte und Industriebrachen gesucht, die zur Entwicklung einer öffentlichen Golfanlage geeignet waren.“ Mit der Idee, Industrieruinen zu revitalisieren, war die Region bisher recht erfolgreich. Wie eindrucksvoll sich solche Projekte auch gerade in Bezug auf Umweltschutz realisieren lassen, zeigt beispielsweise die Bochumer Jahrhunderthalle im imposanten Westpark. So sieht die Planung zur Errichtung von circa 18,6 Hektar Golfspielflächen laut Bebauungsplan auch „den Ausbau des öffentlichen Rad- und Wanderwegenetzes vor.“ Dort auf dem Amalia-Areal, dem ehemaligen Gelände der Dr. Dr. Meier AG, wo bisher der Zustand einer Industriebrache vorherrschte, soll also eine Art Naherholungsgebiet entstehen, in dessen Zentrum sich ein Golfplatz befindet. Mit dieser Lösung wollten nicht alle Bochumer Ratsmitglieder leben. Streit war vorprogrammiert, denn unter Golf wird von einigen VertreterInnen vor allem eines verstanden: eine Distinktionsshow für Bessergestellte.

Industriebrachen für alle (und zwar sofort)

Nach einigem Hin und Her zog Mitte Januar die Verwaltung im Ausschuss für Wirtschaft, Infrastruktur- und Stadtentwicklung ihre Vorlagen zur „Vermietung städtischer Grundstücke für den Betrieb einer Golfsportanlage am Harpener Hellweg“ vorerst zurück. Bevor es weitergeht, soll der noch unbekannte Investor am 23. Februar im Ausschuss vorstellig werden und sein Konzept noch einmal präsentieren. Diesen Rückschritt interpretierte die Soziale Liste als vollen Erfolg. „Damit ist der Versuch gescheitert, durch die Hintertür und an der Öffentlichkeit vorbei, den Golfplatz auf den Weg zu bringen“, kommentierte Ratsmitglied Günter Gleising den Vorgang. In einer weiteren Erklärung hatte die Soziale Liste im Rat Anfang letzter Woche ihre Kritik an einem Golfplatz auf dem früheren Amalia-Gelände erneuert und geschrieben: „Die Kritik richtet sich insbesondere dagegen, dass damit ein großes Mischgelände mit landwirtschaftlicher Nutzung, renaturierter Halde und Industriebrache der öffentlichen Nutzung zur Freizeit, Erholung und Naturschutz entzogen wird. Wir wenden uns vor allem dagegen, dass die Stadt Bochum auch noch 10 Hektar Fläche aus städtischem Besitz zu diesem fragwürdigen Projekt beisteuern will. Wir wenden uns auch gegen diese Enteignung von öffentlichem Eigentum, weil im Ruhrgebiet bereits 20 Golfplätze existieren.“ Es hat ganz den Anschein, als würde hier dem linken Stereotyp vom Golf als Sport für Besserverdiener eine Lanze gebrochen. Wie antiquiert diese Haltung ist, beweist nicht nur die Beliebtheit für die neueren urbanen Varianten der Sportart wie Crossgolf, sondern gerade auch der Fall der geplanten Golfanlage Amalia selbst. So wirkt das Projekt wie ein Angriff auf die althergebrachten Distinktionsparameter der „alten“ Golfzunft. Denn in Werne will man auf Breite setzen, es soll eine vereinsunabhängige Anlage entstehen. Auch sollen Golfkurse für Jedermann und –frau angeboten werden, wo jede/r sich diesem Sport nähern kann.

Abschlag auf dem Mond

1971 machte der Astronaut Alan Shepard den ersten Abschlag auf dem Mond. Seinerzeit noch als Sportart für Wohlhabende von der Masse verspottet, erfreut sich der Golfsport heutzutage zunehmender Beliebtheit auch in weniger vermögenden Schichten. Mit Tiger Woods ist die Sportart nun auch im Rock’n Roll angekommen. Wenn über einen Golfplatz in Werne gesprochen wird, meint niemand die U.S. Open oder The Open Championship, sondern Freizeitspaß für Jedermann/-frau. So sehen das jedenfalls die Bochumer Grünen. Die Fraktionsgeschäftsführerin und Bezirksvertreterin der Grünen in Bochum-Ost, Katharina Schubert-Loy auf Nachfrage der bsz: „Ursprünglich sollte auf das Gelände eine Müllverbrennungsanlage, die durch eine starke Bürgerinitiative verhindert werden konnte. Das Gelände ist nur zum kleineren Teil in städtischem Besitz. Der größte Teil davon gehört der Harpen AG und ist eine Altlast. Die Harpen AG hat das Gelände zwar gesichert aber nicht saniert.“ Inzwischen sprächen sogar ökologische Gründe für die einst geschmähte Sportart. „Golfplätze brauchen deutlich weniger Wasser und Pestizide als früher und sind heute umweltverträglicher als eine intensive Landwirtschaft.“ Dies und der Plan, die offene Nutzung des Platzes zu ermöglichen, hätten die Grünen schließlich dazu bewogen, ihre „ursprüngliche Haltung zu ändern und dem Golfplatz-Bebauungsplan (mit wenig Begeisterung) zuzustimmen.“

Gewöll der Eule

Die Abbrucharbeiten auf dem Gelände hatten bereits begonnen, da wurde bei einer Begehung des Geländes Gewölle gefunden. Nun vermutet das Ordnungsamt Schleiereulen und Fledermäuse in den Altgebäuden, die für den Bau des neuen Golfplatzes abgerissen werden sollen. Ein weiteres Hindernis, aus der sich die paradoxe Situation ergibt, dass nun mit Argumenten des Umweltschutzes ein Teil eines Gebäudes stehenbleiben muss, das wegen seiner  umfassenden Kontamination aus Umweltschutzgründen eigentlich dringend entfernt werden müsste. So liegen die Pläne vorerst wieder auf Eis. Doch wo so viel Unbill bereits überstanden, hofft man auf die Zukunft. Die Bauherren jedenfalls geben sich zuversichtlich. „Sobald uns das Ordnungsamt grünes Licht gibt“, so Horst Niggemeier, Sprecher der RWE Service GmbH, „können wir auf Amalia weiter arbeiten.“ Es bleibt spannend.