Die Mädels heulen schon

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

_MG_2966Kristina Schröder und Antifeminismus


Eine Bundesfrau – und mit Kristina Schröder gar die Familienministerin hat mit dem Interview, das sie im November dem Spiegel über Feminismus gab, für einigen Zündstoff gesorgt. Alice Schwarzer war entsetzt, Barbara Gärtner (SZ) spricht von einem „geistarmen Interview“. Und was sagen die Männer?


In Männerforen wie „Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land?“ (wgvdl.com) ist nicht nur Zustimmendes zu lesen. Die Schreiber bezichtigen Schröder der Lüge und versuchen den „Mythos“, Frauen würden im Durchschnitt weniger verdienen, aus der Welt zu schaffen. So veröffentlichte die Geschlechterpolitische Initiative e.V. auf ihrer Homepage einen Beitrag, der die angebliche Lohndiskriminierung von Frauen anhand von Studien, u.a. des Bundesministeriums, wegzudiskutieren versucht. Eines fällt dabei immer wieder auf: Ein Ziel, etwa des dekonstruktivistischen Feminismus, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufzulösen, um Gleichberechtigung, die letztendlich Gleichberechtigung aller Menschen bedeutet, zu erreichen, wird ignoriert. Der angenommene konstitutive Unterschied zwischen Mann und Frau bleibt bestehen – in polemischen Formulierungen verschiedener Männerforen, wie in der Politik.

Diktate mit Fußballgeschichten

Um die benachteiligten Jungen, die nach jahrelanger Förderung von Mädchen und Frauen nun unter den schulisch besseren Mädchen leiden, endlich zu fördern, investiert das Familienministerium 12,5 Millionen in das Projekt „Mehr Männer in Kitas“. Das Modellprojekt „Jungen stärken“ des neuen Referats für Jungen- und Männerpolitik soll dafür sorgen, dass die Jungen im Land durch mehr männliche Bezugspersonen sozialisiert werden und in der Schule ansprechendere Themen für die Männer von morgen angeboten werden. Denn dass Jungen im Durchschnitt schlechter abschneiden, liegt laut Schröder wohl auch daran, dass nicht genug Diktate mit Fußballgeschichten geschrieben werden. So betrachtet Schröder es als Errungenschaft gegen das „veraltete Modell“ des Feminismus, wenn sie sagt: „Wir erkennen an, dass es Unterschiede gibt, auch zwischen Mann und Frau.“

Verbrechen des Feminismus

Anti-Feministische Bewegungen fanden im Oktober dieses Jahres zum ersten Anti-Feminismus Treffen in der Schweiz einen Höhepunkt. Die 2010 gegründete Interessengemeinschaft Anti-Feminismus setzt sich für eine „echte Gleichberechtigung“ ein und kämpft gegen den Feminismus und seine untragbaren Folgen. Jüngst ernannte die Initiative Frau Schröder zur Anti-Feministin: „So gut sieht eine Antifeministin aus! Kein Wunder mögen sie die Feministinnen nicht!“ Die „echte Gleichberechtigung“ scheitert schon an der krassen Gegenüberstellung von „Mann“ und „Frau“. Die Anti-FeministInnen fordern explizit keine erneute Unterpriviliegierung der Frau, doch schwingt sie implizit mit. Vollkommen ignoriert wird, dass es nicht den Feminismus schlechthin gibt. Wenige FeministInnen können den Aussagen Alice Schwarzers noch zustimmen, da auch Schwarzer zu schwarz-weiß Malerei neigt und ihre Ansichten durch universalistische Kategorien festigt. So sind Aussagen ihres letzten Buches „Die große Verschleierung: Für Integration, gegen Islamismus“ auf Vorurteilen gebaut. So etwa, wenn Schwarzer rigoros die Ansicht vertritt, das Tragen eines Kopftuches sei immer auf männliche Repression zurückzuführen und ein Zeichen dafür, „dass hier entschlossene Antidemokraten dabei sind unter dem Vorwand des Glaubens zu agitieren und den Rechtsstaat regelrecht zu unterlaufen.“

Femokratie

Der Anti-Feminismus reagiert auf Frauenbewegungen, heute wie zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Der 1912 gegründete Antifeministische Bund sah in der Frauenbewegung nicht nur die Bedrohung herrschender Männlichkeit, sondern auch eine Gefahr für die gesamte Gesellschaft. Der gegenwärtige Anti-Feminismus geht von einer männlich geprägten Vorstellung von Gleichberechtigung aus. Aber nicht die Vorstellung, dass die Frau zurück an den Herd gehöre, ist eine Forderung der „Männerrechtler“, im Gegenteil: Die moderne Hausfrau wird als Parasit des Mannes angesehen. Die Frau soll ihr Geld schon selber verdienen, die Versorgungsarbeit und die Doppelbelastung von Beruf und Kindern wird abgewertet. Der Mann soll die Macht behalten, aber nicht mehr Hauptversorger sein. Die Macht ist den Anti-FeministInnen besonders wichtig. Der FemokratieBlog sieht zu viel Frauenförderung und Herrschaft bereits an die Frauen verloren. Der Staat sei zu sehr von Frauen beeinflusst, die Männer per se diskriminieren, da Frauen generell zu Ungunsten der Männer entscheiden würden. So bleibt Gleichberechtigung eine Utopie, wenn weiterhin Unterschiede zwischen den Geschlechtern und nicht zwischen Meinungen und Strömungen gemacht werden.