Die Mitte recht extrem

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In der Wirtschaftskrise boomt die Ausländerfeindlichkeit

Die Folgen der Wirtschaftskrise stehen im Zentrum der neuen Rechtsextremismus-Studie der Friedrich Ebert Stiftung. Das Bild der „Mitte in der Krise“ ist besorgniserregend, gerade weil es nicht gröhlende Skinheads vorführt, sondern zeigt, wie schnell extreme Einstellungen bei braven Bürgern auftreten, wenn die „narzisstische Plombe“ der starken Wirtschaft nicht mehr hält.

 

 

Das vielleicht interessanteste Ergebnis der Studie ist, dass die rechten Einstellungen mehr mit der allgemeinen Wirtschaftslage zusammenhängen, als mit dem individuellen Wohlstand.  Für die Deutschen, das fanden die Autorinnen durch die repräsentative Stichprobe mit mehr als 2.000 Befragten heraus, ist die individuelle wirtschaftliche Situation nicht der wesentliche Faktor beim Zustandekommen extrem rechter Einstellungen. Vielmehr ist es die Identifikation mit der starken deutschen Wirtschaft, die individuelle Wahrnehmung der gesellschaftlichen Situation. Kriselt das große Ganze, tendieren Menschen eher zu extrem rechten Einstellungen, als wenn sie selbst weniger Einkommen haben. Dieser Befund läuft dem immer noch weit verbreiteten Glauben zuwider, dass vor allem Arbeitslosigkeit zu einem Anstieg rechter Einstellungen führe.
Die AutorInnen der „Mitte“-Studie ziehen zur Erklärung das auf die Frankfurter Schule zurückgehende Konzept des „autoritären Charakters“ heran: Der Einzelne muss sich gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen, die für ihn oder sie eine Menge unangenehme Seiten haben und die letztlich immer gewaltvermittelt sind. Wenn ich mein Brot lieber beim Bäcker stibitze, als jeden Morgen zur Arbeit gehen, bekomme ich es irgendwann mit der Polizei zu tun; wenn ich rumtrödle, anstatt bei der Arbeit ranzuklotzen, bin ich meinen Job los. Auf die Erfahrung der eignen Ohnmacht im Angesicht des ökonomischen Zwangs reagiert das Individuum, indem es sich mit eben diesem Zwang identifiziert – die eigene Machtlosigkeit wird so zumindest psychisch dadurch wieder wettgemacht, dass man sich eins mit dem eigenen Peiniger wähnt. Wenn diese Macht nun im Angesicht einer Wirtschaftskrise bröckelt, funktioniert die Identifikation nicht mehr, das Individuum reagiert mit Aggressionen und mit der Ausgrenzung von Anderen; soweit die Theorie.

Wir. Nicht die Anderen.

Das autoritarismustheoretische Erklärungsmodell ist im Kern gesellschaftskritisch. Es zeigt nicht mit dem Finger auf finstere Glatzköpfe und blöde ProtestwählerInnen, es schiebt extrem rechte Einstellungsmuster nicht irgendwelchen Gruppen am Rande – oder besser: außerhalb der Gesellschaft –  zu. Extrem rechte Einstellungen entstehen in der Mitte der Gesellschaft, sind in allen Schichten und allen politischen Lagern vorzufinden. Selbst bei den WählerInnen der Linkspartei hat jede/r fünfte in der Stichprobe ausländerfeindlichen Statements zugestimmt, bei CDU/CSU und SPD war es etwa jede/r vierte – bei den sozialdemokratischen GenossInnen übrigens ein Prozent mehr als bei den Konservativen. In Ostdeutschland stimmten 47 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass AusländerInnen nur nach Deutschland kämen, um den Sozialstaat auszunutzen, im Westen waren es immerhin noch 30 Prozent. Ressentiments gegenüber AusländerInnen sind nach den Ergebnissen der Studie im Osten deutlich stärker verbreitet, im Westen ist die Tendenz, den Nationalsozialismus zu verharmlosen, dagegen häufiger anzutreffen: 12 Prozent der Befragten waren hier der Meinung, dass man Hitler ohne den Holocaust heute als großen Staatsmann ansehen würde. Im Osten stimmten dem nur 5,6 Prozent zu. Ganz so randständig wie der von Politik, Polizei und Verfassungsschutz verwendete Begriff des „Extremismus“ es suggeriert, ist das Problem offenbar nicht.

Brave Bildungsbürger?

Was tun? Bücher lesen! Bildung hat einen ganz deutlichen Einfluss auf die Tendenz zur Übernahme rechter Einstellungen. Der Anteil der Menschen mit Abitur, der solchen Statements zustimmt, war nur etwa halb so groß wie bei denjenigen ohne Zeugnis der Hochschulreife. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: In der Vorläuferstudie „Ein Blick in die Mitte“ aus dem Jahr 2008 zeigten in Gruppengesprächen auch gute Bildungsbürger Ressentiments – möglich, dass diese Gruppe in Fragebögen eher im Sinne einer sozialen Erwünschtheit antwortet. Trübe Aussichten? Bleibt nur noch das Beten? Nein, bloß nicht! Mitglieder beiden großen Kirchen tendierten in der Stichprobe eher zu extrem rechten Einstellungen als Konfessionslose. 11,3 Prozent der Katholiken äußerten sich antisemitisch, fast doppelt so viele wie bei den gottlosen SünderInnen. Sodom und Gomorrha aber auch!

Oliver Decker/Marliese Weißmann/Johannes Kiess/Elmar Brähler (2010): Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland.
Zu beziehen über: www.fes.org