Hobbyprostitution im Auftrieb

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

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Kellnern bringt nicht so viel ein

Prostitution war immer eine Tätigkeit im Verborgenen. In den letzten Jahren üben immer mehr junge Frauen und oft auch Student_innen sie aus. Sie arbeiten meist nicht auf der Straße oder im Bordell, sondern empfangen ihre Freier_innen zuhause. Dieses recht neue Phänomen nennt sich Hobbyprostitution.

 

 

Als Hobbyprostituierte bieten sich meist junge Frauen (aber vermehrt auch Männer) über das Internet ihren Freier_innen an. In ihren Profilen wird direkt alles geklärt: welche Sexpraktiken sie anbieten und wie viel eine Stunde oder ein Abend mit ihnen kostet. Sehr häufig werben Frauen mit Bildern oder auch in Videos, die beim Sex mit einem Freier gemacht wurden.

Die finanzielle Not junger Menschen

Es gibt Hobbyhuren, die ausschließlich ihre sexuellen Phantasien ausleben wollen und dafür Geld nehmen. Doch das ist leider die Minderheit, denn die finanzielle Not vieler junger Menschen steigt. Wenn sie schlecht ausgebildet sind, finden sie häufig keine gut bezahlten Jobs und müssen hart arbeiten für sehr wenig Geld. Andere stecken nach dem Studium im dritten oder vierten unbezahlten Praktikum und haben keine Zeit, sich nebenbei noch ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten. Ihnen bleibt nur der Abend oder das Wochenende, um zu arbeiten. Prostitution erscheint Manchen als die einzige Möglichkeit: Sie bringt recht viel Geld und man muss nicht allzu viel Zeit dafür investieren. Einige Frauen (und Männer) beginnen bereits im Studium damit, für Geld mit Männern (oder auch Frauen) Sex zu haben. Studiengebühren und der straffe Stundenplan im Zuge der Bachelor- und Masterstudiengänge erhöhen den finanziellen Druck auf die Studierenden. An der Ruhr-Uni müssen etwa 70 Prozent aller Student_innen nebenbei arbeiten. Man kann sich mit Kellnern und ähnlichen Jobs vielleicht fünf bis acht Euro die Stunde dazuverdienen. Vor diesem Hintergrund kann es verlockend sein, hundert Euro in ein oder zwei Stunden zu verdienen. Laut der linken Studentengewerkschaft SUD-Etudiant prostituieren sich im Nachbarland Frankreich etwa 40.000 Student_innen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Für Deutschland existieren bisher keine vergleichbaren Studien – ähnliche Grundbedingungen legen jedoch die Vermutung nahe, dass es auch viele deutsche Studierende gibt, die ihren Lebensunterhalt mit Prostitution bezahlen. Mit genauen Zahlen können auch Prostitutions-Beratungsstellen nicht aufwarten. „Leider gehen Studentinnen, die sich prostituieren, selten zu Beratungsstellen. Ob sie selbstbestimmter agieren als andere Huren oder sich einfach seltener trauen, in eine Beratung zu gehen, ist schwer zu beantworten“, so eine Mitarbeiterin von Madonna e.V.

Migrant_innen haben es besonders schwer

Viele Prostituierte sind Migrant_innen. Menschen mit einem Migrationshintergrund  werden auf dem Arbeitsmarkt eher diskriminiert und sehen häufig keinen anderen Ausweg, als für Geld sexuelle Dienstleistungen anzubieten. Auch ein guter Bildungsabschluss schützt hier nicht immer vor Armut. „Viele Migrant_innen haben eine gute Ausbildung oder gar einen Hochschulabschluss in ihrem Heimatland gemacht. Leider werden diese Abschlüsse immer noch viel zu selten in Deutschland anerkannt“, so die Mitarbeiterin von Madonna e.V. weiter. Im Zuge des Bolognaprozesses sollten die Hochschulsysteme in Europa eigentlich angeglichen werden. Bei der internationalen Anerkennung von Hochschulabschlüssen sind jedoch bislang wenige Fortschritte zustande gekommen.

Professionelle Huren leiden unter der Hobbyprostitution

Die größten Opfer der Hobbyprostitution sind die professionellen Huren. Einerseits entsteht eine neue Konkurrenz, wenn die Prostitution von der Straße in die privaten Schlafzimmer verlagert wird. Die Hobbyhuren haben den Vorteil, dass sie häufig keine Kosten für ein Zimmer zahlen müssen und meist keine/n Zuhälter_in haben, dem/r sie einen Teil ihres Lohns abgeben müssen. So können sie selbstbestimmter handeln. Zusätzlich schaden die Hobbyhuren den Professionellen, indem sie auch Sexpraktiken anbieten, die professionelle Huren nicht oder nur gegen Aufpreis machen. Die Folge sind ein Preisverfall und niedrigere Hemmschwellen für körperliche Dienstleistungen, die die Prostituierten lieber nicht leisten wollen, wie zum Beispiel Sex ohne Kondom. Um auf dem Markt zu bestehen, bieten sowohl Professionelle als auch Hobbyhuren immer härtere Sexpraktiken an. Entsprechende Internet-Recherchen belegen diesen Trend: Es ist auf den zahlreichen Plattformen nicht mehr unüblich, dass sich sehr junge Frauen schlagen lassen oder brutales Fisten anbieten, obwohl sie große Schmerzen dabei haben.

Die Rechte der Prostituierten stärken und ihre Lebensgrundlagen verbessern

Es gibt viele Gründe, sich zu prostituieren. Egal, welche es sind – Huren verdienen dafür Respekt und Anerkennung. Prostituierte leisten nicht selten eine wichtige gesellschaftliche Arbeit. Neben der sexuellen Dienstleistung wollen viele Freier_innen über ihre Probleme und Wünsche sprechen – Huren müssen auch gute Zuhörer_innen sein. Viele Prostituiere agieren somit häufig als eine Art Sozialarbeiter_in.

Diejenigen Menschen, die sich weiterhin prostituieren wollen, brauchen eine verstärkte Unterstützung. Es braucht kostenlose Beratungen, Fortbildungen (zum Beispiel in Buchhaltung) und eine ausreichend gute Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig müssen Huren in die Lage versetzt werden, sich wirklich frei entscheiden zu können, ob sie sich prostituieren wollen oder nicht. Damit Studentinnen nicht gezwungen sind, sich zu prostituieren, muss auch das Hochschulsystem grundlegend verbessert werden.

Madonna e.V. – Verein zur beruflichen und kulturellen Bildung von Prostituierten ist umgezogen. Das Büro ist nun in der Alleestraße 50 im Hof. Weitere Informationen gibt es unter
www.madonna-ev.de