Fütter mich mit Gemüse

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

4-1_GemseNachhaltig mensen

Die Zahlen sind erschreckend: 20 Prozent der menschengemachten CO2-Emissionen entfallen auf die Nahrungsmittelproduktion. Möchte man das Ziel eines mittleren Temperaturanstiegs auf der Erde von zwei Grad Celsius einhalten, bietet dieser Bereich großes und einfach zu erschließendes Potential.

Zunächst ein paar Fakten: Mit jedem Schnitzel, das über die Theke in der Mensa geht, entweicht bei Aufzucht, Schlachtung und Transport des Tieres mehr als das Vierfache an Volumen des Treibhausgases CO2. Jedes Rindersteak verursacht sogar mehr als das 14-fache an Kohlendioxid. Bei circa einer Tonne Kilogramm Fleisch, die täglich über die Mensatheken gehen, macht das circa 700 Tonnen CO2 jährlich – allein durch die Aufzucht. Jeder Bundesbürger und jede Bundesbürgerin verspeist im Durchschnitt wöchentlich ein Kilogramm Fleisch, und in dieser Statistik ist der Fleischkonsum der circa sechs Millionen VegetarierInnen und VeganerInnen bereits eingerechnet. Über 16 Millionen Tonnen CO2 entweichen so in die Atmosphäre.

Die Lösung ist so einfach wie unpopulär. Es ist die Erkenntnis, dass wir uns einen Fleischkonsum angewöhnt haben, der mit unseren ökologischen Ansprüchen nicht mehr mithalten kann. Eine nicht unwesentliche Rolle nehmen im Leben der Studierenden die Mensen ein. Zwar bietet beinahe jede Mensa mittlerweile eine vegetarische Alternative an – eine abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung allein auf Grundlage der Angebote in den Mensen ist jedoch problematisch: Die Nachfrage reicht vielfach nicht aus, um eine eigene Menülinie einzurichten. Wo das AKAFÖ beispielhaft vorangeht und drei von sieben Linien in der großen Mensa vegetarisch gestaltet, heißt es gerade in kleinen Einrichtungen: Vegetarisches Essen heißt, sich mit Beilagen begnügen. Doch offensichtlich löst die Vielfalt allein noch keine ausreichende Nachfrage aus: In den vergangenen Wochen während des Küchenumbaus bot das AKAFÖ das Sprintermenü identisch mit vegetarischer und fleischhaltiger Komponente an. Gut zwei Drittel der Gäste gaben regelmäßig dem Würstchen den Vorzug vor dem Sesamstick, weiß Mensaleiter Andre Abbing zu berichten.

In England startete der Ex-Beatle Paul McCartney den Meat-Free-Monday. Wenn es gelänge, dass jedeR EinwohnerIn einer Stadt nur einmal in der Woche Fleisch durch pflanzliche Produkte ersetzt und damit ein fast ein Siebtel der durch Lebensmittelproduktion verursachten CO2-Emissionen eingespart würde, wäre der Umwelt ein größerer Gefallen getan, als wenn alle in dieser Stadt lebenden berufstätigen EinwohnerInnen täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit führen. Während in den englischsprachigen Ländern der Meat-Free-Monday in immer mehr öffentlichen Einrichtungen und Firmen seinen Einzug hält, soll in Deutschland der Donnerstag zum Veggi-Tag werden. Erste Firmen haben aus ihren Kantinen bereits am Donnerstag das Fleisch verbannt; mit Bremen unterstützt bereits ein ganzes Bundesland die Kampagne. Gerade in dem Sektor, in dem MeinungsforscherInnen die meisten VegetarierInnen vermuten, herrscht jedoch Meat-Mainstreaming: Es fehlt an Nachfrage, stellten die TeilnehmerInnen der Mensatagung des Deutschen Studentenwerks (DSW) unisono hinsichtlich ihrer Pläne zum Veggi-Donnerstag fest. So verwundert es nicht, dass sowohl in Küchen als auch in den Köpfen noch eine Menge Aufklärung erforderlich ist, um zu einem gesünderen, ökologischeren und nachhaltigeren Ernährungsverhalten zurückzukehren.

Veggi No 1 – die grüne Mensa in Berlin

In Berlin eröffnete im Januar 2010 die erste rein vegetarische Mensa an der Freien Universität in Dahlem. Die Mensa ist eine eher kleinere Einrichtung, die aber durch Vielfalt und Qualität zu überzeugen weiß und bereits von Beginn an über 450 Studierende täglich mit Essen versorgt. Direkt neben der juristischen Fakultät lockt das Angebot auch Nicht-VegetarierInnen an, weiß Markus, Student der Rechtswissenschaft, zu berichten. Obwohl das Schnitzel eigentlich aus seinem Mensaverhalten kaum wegzudenken ist, besucht er mit seiner Lerngruppe fast täglich die Veggi No 1. Bis die erste vegetarische Mensa ihre Türen öffnen konnte, war es ein langer und auch nicht immer einfacher Weg: Durch die Mittel aus dem Konjunkturpaket konnte die in die Jahre gekommene Mensa I der Freien Universität Berlin saniert werden, neben der Neugestaltung des Gebäudes sollte auch eine Neuausrichtung der Küche probiert werden. Als das Gebäude fertiggestellt war, stand auch der neue Speiseplan, der völlig auf Fleisch verzichtet. Vier bis fünf Hauptkomponenten und ebenso viele Beilagen bieten eine für die Größe der Mensa ungewöhnliche Vielfalt an; ergänzt wird dies durch eine täglich wechselnde Suppe, eine große Salatbar und ein Dessertangebot. Neben der großen Vielfalt spielt der ökologische Anbau der Speisen eine große Rolle, und so ist ein Großteil des Essens mit dem Bio-Siegel ausgezeichnet. Für die vegan lebenden Gäste bietet das Studentenwerk überdies den Vorteil, völlig ohne tierische Produkte auskommende Lebensmittel gesondert auszuzeichnen.

Das wichtigste Argument für die Veggi-Mensa ist aber der Geschmack: Neben den guten eingesetzten Produkten ist da vor allem die Kreativität des Mitarbeiterteams gefordert. Während es relativ einfach ist, ein Stück Fleisch in der Pfanne schmackhaft zu bekommen, erfordert es schon größere Kunst, Tofu zu einem geschmacklichen Erlebnis werden zu lassen. Dies gelingt der ersten vegetarischen Mensa hervorragend, wie Gäste und Autor bestätigen können.

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http://www.vebu.de