#747- Erhellendes: Das Dilemma der kritischen Philosophie

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Erhellendes: Das Dilemma der kritischen Philosophie
Wenn es im Allgemeinen heißt, am Anfang der Philosophie stehe das Staunen, so ließe sich sagen, am Anfang der kritischen Philosophie stehe das Unbehagen. Die kritische Betrachtung der Wirklichkeit speist sich aus dem Gefühl, dass in der Welt etwas schief läuft. Der Ausdruck "Gefühl" mag an dieser Stelle missverständlich sein.
Die Grundlage jenes Unbehagens können sowohl subjektive Beweggründe, als auch, aus einem simplen Blick auf die herrschenden Zustände in der Welt resultierende, objektive Fakten, zum Beispiel die Masse der täglich verhungernden Menschen, sein. Die am Meisten mit Sokrates in Verbindung gebrachte Aussage ist, "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Wer aus oben beschriebener Intention an die Philosophie herantritt, wird schnell zu derselben Erkenntnis gelangen. Bei dem Versuch, Adorno zu lesen beispielsweise, wird dieses Wissensdefizit schnell deutlich, da sich zeigt, dass ohne die Kenntnis von Hegel und Marx bestenfalls die Hälfte verständlich ist. Wer nicht zu dieser Erkenntnis gelangt, wird in der Regel zum Dogmatiker, da ihm oder ihr die kritische Reflektion auf das eigene Denken fehlt.

Probleme des Umgangs und
der Systematik
Abgesehen von der kaum überschaubaren Zahl von Werken in der Philosophiegeschichte, deren Kenntnis zur Beziehung einer eigenen fundierten Position nötig wäre, stellen sich jedoch auch noch systematische Probleme. Wie lässt sich überhaupt weiterführende Philosophie betreiben, ohne die grundlegenden Fragen der Erkenntnis, "Was können wir erkennen und wie?" zu klären?
Es fällt daher leicht, sich jahrelang, wenn nicht sogar lebenslang, in Detailfragen einzelner Probleme oder der Interpretation bestimmter Philosophen zu verfangen. Dies führt jedoch, abgesehen von Ausnahmefällen, dazu, sich der kritischen Betrachtung der Wirklichkeit zu enthalten. Denn ein großer systematischer Entwurf, der alle Fragen abschließend klärt, wird bestenfalls, bei viel Disziplin, gegen Ende des Lebens fertig.

Elendige Zustände
Angesichts des Zustands der Welt scheint dies jedoch wie ein Verbrechen. Denn das Elend der herrschenden Verhältnisse rührt nicht unwesentlich daher, dass die meisten Menschen zwar nichts wissen – und zwar nicht mal dies und daher genau das Gegenteil annehmen – aber trotzdem gestaltend, in der Meinung das Richtige zu kennen, in die Welt eingreifen. Was folgt nun aus diesem Dilemma? Die kritische Philosophin beziehungsweise der kritische Philosoph darf den Anspruch auf eine vollständige Erkenntnis und Darstellung der Wirklichkeit beziehungsweise des falschen Ganzen nicht aufgeben. Es ist aber gleichzeitig notwendig seine oder ihre Aufgabe, auch ohne diese abschließende sichere Erkenntnis, kritisch in die gesellschaftlichen Verhältnisse zu intervenieren und auf eine befreite Gesellschaft hinzuarbeiten.
Jan Eufinger, AStA-Referent
für kritische Wissenschaften