#734- Immer wieder Sonntags

Geschrieben von Super User am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Immer wieder Sonntags

Es gibt Menschen, die merken erst an der Tatsache, dass ihr Standardsupermarkt geschlossen hat, dass Sonntag ist und offenbar kein so genannter verkaufsoffener.

Es ist diese Sorte Mensch, für die der Sonntag mit erschreckender Regelmäßigkeit zum kostspieligsten Tag der Woche avanciert. Grund dafür: Gähnende Leere in Kühlschrank und Vorratskammer, respektive Nichtexistenz letztgenannter Nahrungslagerungsvorrichtung.
Es sind diese Menschen zumeist junge, im Organisieren ihrer eigenen Versorgung mit Nahrungsmitteln noch im Lernstadium befindliche Individuen, die mit knurrendem Magen durch die Quartiere streifen und in ihrer Hungernot so manchem Scharlatan der Imbissbranche aufsitzen und mit einem verdorbenen Magen wieder heimkehren und sich dort den letzten staubigen Fenchelteebeutel überbrühen und sich fest aber vergeblich vornehmen, nächsten Sonntag nicht wieder kulinarisch mit herunter gelassenen Hosen dazustehen.
Für diese Leute (und für gierige Kiffer mit so genanntem "Fresskick") sollen ab nun in einer gewissen Regelmäßigkeit an dieser Stelle ("Die neue bsz") Lokalitäten vorgestellt werden, wo man am Sonntag seinen Hunger stillen kann, ohne gleich die leidige Litanei aus dem letzten Spiegelartikel über Gammelfleischdönereuterrisikomaterialwurst wieder rauf und runter zu hören.
Folge eins: Profigrill
Die erste Station dieser lukullischen Expedition durch Bochum stellt naturgemäß eine Legende unter den Imbissen vor: Der Profi Grill in Wattenscheid. Längst bekannt aus diversen Currywurstvergleichstests in ganz Deutschland und von den Hörern des Radiosenders 1-Live zum besten Imbiss des so genannten Sektors gewählt, ist diese Freßbude eine Institution geworden, an der man nicht vorbei kommt, wenn man über schnell zu erwerbende, ungesunde Ernährung an Sonntagen berichten will.
Es ist naturgemäß für den Kritiker immer schöner, wenn er (oder sie!) seine (ja,ja: ihre) Erwartungen enttäuscht findet; die Fritten in Konsistenz und Geschmack an Walrosstran gemahnen, die Soße an das erinnert, was Dackeldame Daisy einmal im Monat in ihrem Körbchen hinterlässt und die Wurst so voll Phosphat ist, dass einem die Augenlider anfangen zu zittern. Darum: langweiliger Profi Grill. Wurst perfekt. Pommes nahezu perfekt (bisschen mehr Salz, bitte). Immerhin ist die Soße nicht jedermanns Geschmack: ziemlich fade, das Sößchen.
Nun könnte man sich mit Adorno auf das Ambiente stürzen und nach Herzenslust monieren. Aber auch hier werden die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern auch noch übertroffen. Alles da, inklusive Daumen-Hoch-Pommes-Tüte-mit-Zwinkern-im-Gesicht und einem Daddelautomaten, der allerdings noch authentischer rüberkommen würde, wenn er auch nervtötende Geräusche von sich gäbe (Dit-Dut, Dit-Dut, Dididididi und so fort).
An den Wänden sind die Zeugnisse der massenmedialen Dauerpräsenz des Profigrills zu begutachten: Zeitungsausrisse aus FAZ und Bild, Fotos von den Aufnahmen aus der Sendung mit der Maus und der aktuellen Stunde. Der Grund hierfür dürfte nicht zuletzt in der Person des derzeitigen Betreibers des Profigrills zu suchen sein: Raimund Ostendorp ist seines Zeichens ehemaliger Sternekoch, der seinen Platz im Nobelrestaurant gegen die Fritteuse im Profi Grill eingetauscht hat.
Wer das kurios und interessant findet, sollte einen Blick auf das Foto des Vorbesitzers werfen: Imbisslegende Kurt Kotzlowski samt Gattin in vollem Ornat vor dem Profi Grill aufgestellt. Das war noch die ganz alte Schule. An die erinnert auch heute noch eine Spezialität auf der Karte: Kurt’s Frikadelle. Zu erreichen ist der alte Bremsklotz vom Bochumer Hauptbahnhof aus via Straßenbahnlinie 302 Richtung Gelsenkirchen. Ausstieg: Haltestelle Centrumplatz. Kleiner Tipp für alle, die am Sonntag schon morgens bemerken, dass ihr Kühlschrank am Mittag nichts mehr hergeben wird: Man kann auch einen Tisch im Profi Grill reservieren. Und für alle, die solche Sonntagsverpeilten in ihrem Freundeskreis haben: Der Profi Grill hält auch Gutscheine feil, mit denen man seine vorratshaltungsaversiven Bekannten (oder: gierige Kiffer, wie gesagt) beglücken kann.
Benz
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