#744- Wer ein Glashaus baut, sollte nicht mit Mitteln sparen...

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Wer ein Glashaus baut, sollte nicht mit Mitteln sparen...
Kontraste
Am ersten April begann mit der Aktion "10.000 Spender in 10 Wochen" ein Geldbeschaffungsprojekt, mit dem die Finanzierung des ehrgeizigen Baus eines eigenen Konzerthauses für die Bochumer Symphoniker komplettiert werden soll. Kein Geringerer als Dr. Norbert Lammert – Bundestagspräsident und unangefochtene Spitzenkraft der örtlichen Politprominenz – stellt der Begleitkampagne sein Gesicht in Übergröße zur Verfügung.

Die Wahl der Klingelbeutelmethode kann indes als weiteres Indiz dafür verstanden werden, dass die finanzielle Handhabung des Großprojekts mehr als schwierig ist. Die Stadt Bochum allein stellt nach einem Beschluss vom März 2007 15 Millionen Euro zur Verfügung. Private Finanziers sorgen für weitere fünf Millionen. Trotzdem fehlen immer noch erhebliche Mengen Geldes, um die kalkulierten Kosten von etwa 29 Millionen Euro zu decken. Mit dem Bau soll indes trotzdem möglichst im Herbst 2008 begonnen werden, damit das Prestigeobjekt noch fertig wird, bevor Bochum und die Region die Ernennung zur Kulturhauptstadt vor der europäischen Öffentlichkeit zu rechtfertigen haben. Tatsächlich gelten die Bochumer Symphoniker als Spitzenorchester, müssen allerdings ohne eigenes Haus und vor allem ohne angemessene Probebedingungen auskommen.

Sollte der Bau des edlen Glaspalastes am Marienplatz wirklich noch vor 2010 vonstatten gehen, müssen die eifrigen Imagepfleger dringend darauf hoffen, dass der Kulturreichtum der Stadt nicht am Angebot in Wattenscheid gemessen wird. Hier kämpft eine Aktionsgemeinschaft bisher vergeblich dafür, mit dem Kulturzentrum Wattenscheid eine Veranstaltungsstätte für Kleinkunst, Konzerte und Ausstellungen ins Leben zu rufen. Seit der "Kulturladen" vor etwa zehn Jahren schließen musste, ist Wattenscheid vor allem hinsichtlich des Programms für ältere Jugendliche der kulturellen Ödnis anheim gefallen. Mitinitiator und Aushängeschild der Initiative für das Kulturzentrum ist Wolfgang Wendland – Sänger der Band "Die Kassierer" und unangefochtene Spitzenkraft der örtlichen Punkprominenz. Wendland hat errechnet, dass sich die jährlichen Mittel für das Zentrum auf etwa 80.000 Euro belaufen würden – angesichts des finanziellen Kraftakts für das Prestigeprojekt Konzerthaus ein erfrischend geringer Posten. Die Werbemittel der Aktionsgemeinschaft sind im Vergleich zur PR-Offensive rund um das Konzerthaus naturgemäß ebenfalls eher beschränkt. Anstatt sein Gesicht auf 100 Quadratmetern in die Fußgängerzone zu hängen, informiert Wolfgang Wendland mit einem selbst produzierten Youtube-Video über die triste kulturelle Situation in Wattenscheid. Am siebten Juni, zufällig ungefähr parallel zum Ende der Aktion "10.000 Spender in 10 Wochen", findet eine Kundgebung statt, auf der den Forderungen der Aktionsgemeinschaft ein weiteres Mal öffentlich Nachdruck verliehen werden soll.

Die Aufpolierung des Stadt-Images mit einem neuen Konzerthaus mag ein wichtiger Teil der Vorbereitung auf die Zukunft als Kulturhauptstadt sein – ohne Förderung für "subkulturelle" Zentren ist diese Vorbereitung allerdings bestenfalls unvollständige Fassadenmalerei. Kultur heißt nicht nur Symphonie, Abendkleid und Sektempfang. Bis jetzt haben im Übrigen etwa 2900 Menschen an der Spendenaktion teilgenommen. Wenn der Bau des Konzerthauses nicht stattfindet, bekommen die SpenderInnen dankenswerter Weise die Chance, das Geld zurückzufordern, oder es gemeinnützigen Zwecken zur Verfügung zu stellen. Ob wohl schon 80.000 Euro zusammengekommen sind?

Infos: www.gesternwarmorgen.de
www.bochumer-symphonie.de
haje