#740- Warten vs. Genießen

Geschrieben von Super User am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Warten vs. Genießen

Nichts vergeht langsamer als für den, der wartet. Und nichts schneller für denjenigen, der genießt.

Die Richtigkeit dieser Sätze kann jeder ungeübte Bahnfahrer an seinem eigenen Verhalten im Falle einer Zugverspätung überprüfen. Wer andauernd auf die Uhr schaut, wer darauf hofft, dass das Signal von Rot auf Grün schaltet, wer denkt, dass die Damen und Herren von der Deutschen Bahn wenigstens eine Ansage machen könnten, die wartende Kunden über die Dauer und den Grund der Verspätung aufklärt, der langweilt sich und wird bald merken: Die Zeit vergeht überhaupt nicht.
Erfahrene Bahnfahrer haben im Idealfall eine ganz andere Einstellung zu den täglichen Injurien der regelmäßigen Planabweichungen entwickelt. Man könnte fast schon sagen: Sie haben das Warten genießen gelernt. Der Berufspendler hat geschafft, was früher der Oberschicht vorbehalten war: Er kann sich die Langeweile vertreiben. Nicht zuletzt sein enormer Schatz an empörten Phrasen, die er zum Thema Zugverspätung im Laufe der Zeit akkumuliert hat, dient dem Berufspendler als Anknüpfungspunkt für eine Konversation. Das Warten durch etwas Genüssliches ersetzen zu können, das ist es, was den Berufspendler ausmacht.
So hat er in seiner Aktentasche ein Taschenbuch, für den Fall, dass es der Lautstärkepegel im Zug zulässt, zu lesen. Auch die Erzeugnisse der Tagespresse sind dem Berufspendler ein willkommenes Mittel zur Flucht in den Genuss. Auch die Neumodellierung der akustischen Umwelt mittels eines iPods ist gängiges Mittel. Und selbst das Zücken des Telefons zum Zwecke der Information der zu Hause wartenden Frau und Kinder gibt dem Berufspendler die Möglichkeit, dem Warten zu entfliehen und in den Genuss zu kommen.
Ein dem Berufspendler anverwandtes Wesen ist der Obdachlose. Insbesondere Obdachlose, die auf den Sitzbänken der U-Bahnstationen herumlungern, bilden das Phänomen des Wartendgenießenenden gut ab. An einem Ort, an dem die ganze Zeit über nichts anderes gemacht wird, als zu warten, sitzt der Obdachlose herum und genießt. In einigen Städten ist der Obdachlose dazu aufgerufen, sich und seinen Kompagnons den Tag mit einigen Kommentaren zu dem Geschehen auf dem Infoscreen genannten Bildschirm zu versüßen. Desweiteren ist der Obdachlose in der Lage, Däumchen zu drehen. Das meint hier nicht das sprichwörtliche Däumchendrehen, das man eigentlich nur noch in einer ironisierten Version zu sehen bekommt, wenn jemand Langeweile kommunizieren will, sondern es meint tatsächlich passioniertes Däumchendrehen, runde Bewegungen der Daumen umeinander, stunden- tage- wochen- lebenslanges Däumchendrehen, zur Perfektion gebrachte Bewegung zweier Finger und sonst: gar nichts.
Nun kann man denken: Warten-Genießen. Lirum-Larum. Was soll das denn? Nun: Es leitet über zu einem Film, den man sich just dieser Tage in den Lichtspielhäusern anschauen kann (Gesellschaftskritiker möchten womöglich hinzufügen: so man denn über das nötige Kleingeld verfügt; unbenommen.). Der Titel besagten Films lautet: The Darjeeling limited. Dieser Film hat eigentlich nichts anderes zum Thema als die Frage: Genießen wir, oder warten wir (und auch hier wiederum: können wir das Warten genießen?). Der Film schafft es sehr geschickt, diese Fragen aufzuwerfen. Immer wieder werden Handlungsstränge aufgeworfen, die dann aber nicht weiter geführt werden. Und der Zuschauer kann sich selbst prüfen: Wartet er darauf, dass diese Handlungen weitergeführt werden, oder kann er das Geschehen auf der Leinwand auch so irgendwie genießen? Es ist bezeichnend, dass der Film die Reise dreier adrett gekleideter junger Herren durch Indien bebildert. Denn es ist eine Frage des Stils, ob jemand Zeit hat, oder eben nicht. Wer keine Zeit hat, der muss mit seinen Fingern auf dem Tatschscreen des Bundesbahnautomaten herumfingern um noch schnell eine Fahrkarte zu ergattern. Wer Zeit hat, sitzt mit einer Tasse Kaffee im Reisebüro und bekommt seine Fahrkarten in einem adretten Umschlag gereicht und eine gute Reise gleich dazu gewünscht. Nun muss sich jeder moderne Mensch fragen, ob er aus dem just-in-time Gezahle mehr oder weniger gut wieder raus kommt: oder auf das obige Beispiel bezogen: Macht es einen Unterschied, ob man mit seinen Fingern auf dem Tatschscreen herumwurstelt, oder ob man mit einem Mont Blanc Kugelschreiber auf den Tatschscreen eindrischt, um sich die Finger nicht schmutzig machen zu müssen? Es ist ja eigentlich die Eile, die den Stilbruch darstellt und den Menschen entstellt, so könnte man formulieren. Und so zeigt der Film am Ende eine Szene, in der die Charaktere einem Zug hinterher rennen, in Zeitlupe. Und das ist das Schöne: Sich vorzustellen, wie es wäre, wenn die Welt in Zeitlupe abliefe, jedes Mal, wenn wir zeit- aber nicht ziellos durch das Geschehen rennen, ohne es wirklich genießen zu können.

Benz
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