#742- Interview zum Thema Olympische Spiele

am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Was denkt ein Chinese?
Ein Interview
Die Beurteilung der Situation in Tibet geschieht hierzulande zumeist aus westlicher Sicht. Welche Gedanken hat jedoch ein Chinese? Um dies herauszufinden, befragten wir einen chinesischen Austauschstudenten zu den Themen Tibet und Olympia-Boykott.

Ist die chinesische Bevölkerung über die Situation in Tibet informiert?
Ja, meine Freunde und Verwandten in China sind darüber im Bilde. Sowohl durch chinesische Berichterstattung, als auch durch westliche Medien. Dies ist schon ein guter Schritt! Zudem ist das Internet frei.

Wie beurteilst Du einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele?
Ich halte ihn für unklug. Man kann natürlich die Regierung oder das System ablehnen, aber darunter sollten nicht das Volk oder die Sportler leiden. Die Spiele sind nicht bloß für den Staat wichtig, sondern für die Menschen in China und alle Sportler, die sich ihre Teilnahme über Jahre erkämpft haben. Auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten fällt den Spielen enorme Bedeutung zu, ebenfalls für den Westen.

Was denken Chinesinnen und Chinesen über die Kritik aus Europa?
Persönlich schätze ich diese Kritik, denn durch Kritik kann sich die Regierung verbessern. Die Volksrepublik ist erst rund 50 Jahre alt und 50 Jahre nach der Gründung Amerikas gab es auch sehr große Probleme. Es braucht Zeit. Aber ich bin nicht einverstanden, dass die Westmedien und westliche Regierungen nicht objektiv berichten. Es wurden immer wieder Bilder zum Tibet-Konflikt veröffentlicht, die aus Nepal stammten. Dies zeigt die Ambitionen der westlichen Medien. Nachrichten über Deutschland sind in China dagegen alle positiv, hier ist das anders. Die Menschen besitzen ein falsches Bild von China und haben Angst vor dem Leben dort. Mein Vorschlag wäre, dass man selbst Zeit in China verbringt, um die Lage zu beurteilen. Ich stehe beiden Medien neutral und kritisch gegenüber, wirklich beurteilen kann man etwas aber erst, wenn man es selbst erlebt hat.

Wie beurteilst Du als Studierender in Deutschland, der beide Kulturen kennt, die Meinungsfreiheit in China? Ist es tatsächlich gefährlich, seine Meinung zu sagen?
Nein! Wir reden jeden Tag über die Regierung und machen Vorschläge. Aber gleichzeitig gab es auch Probleme, als ich sagte, dass die Regierung Zeit brauche, um sich zu verbessern.

In Europa sagen viele PolitikerInnen, Olympia sei eine Chance für die Freiheit in China. Was denkst Du darüber?
Ich denke, dass das nichts mit den europäischen Politikern zu tun hat. Wenn alle Chinesen sagen, dass das Leben dort gut ist und Freiheit herrscht, dann ist dem auch so! Vielleicht sollten europäische Politiker mehr an ihre eigenen Probleme denken.

Zum Abschluss – wie siehst Du die chinesischen Medaillenchancen?
Natürlich hoffe ich, dass China die meisten Medaillen holt. Wichtiger ist aber, dass Olympia eine Möglichkeit zur weltweiten Zusammenarbeit ist, durch die sich auch China verbessern kann. Zum Schluss möchte ich außerdem gerne noch anmerken, dass viele Artikel hier in Deutschland sehr seltsame Dinge enthalten, da einfach Aussagen aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt wurden. Die Reporter sollten jedoch neben der Sprache auch mehr über die Kultur Ostasiens lernen. Dann werden die Artikel besser und objektiver!
Das Interview wurde via Email geführt.
jk