Hilfe für Studierende der ersten Generation

Geschrieben von clu am . Veröffentlicht in Urbi et Orbi

Kindern aus Arbeiterfamilien die Angst vor der Uni nehmen

Die Gründerin von Arbeiterkind.de: Katja Urbatsch.Foto: Nadine Wojcik

In Deutschland ist die Chance, ein Studium aufzunehmen, für Kinder von AkademikerInnen sechsmal so hoch, wie für Kinder aus nicht-akademischen Familien. Dies liegt zum einen an einem Schulsystem, das noch immer mehr SchülerInnen zum Abitur führt, deren Eltern bereits studiert haben, als solche aus Familien, die als „bildungsfern“ gelten. Aber auch von denen, die trotz ihren nicht-akademischen Elternhäusern die Hochschulreife erlangen, entscheiden sich nur wenige für ein Studium.

Die Vodafone Stiftung Deutschland hat diese Entwicklung in einer im September vorgestellten Studie untersucht. Der Titel: „Aufstiegsangst? Eine Studie zur sozialen Ungleichheit beim Hochschulzugang im historischen Zeitverlauf“. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass trotz vieler Reformen in den vergangenen 40 Jahren noch immer wenig Gerechtigkeit im deutschen Schulsystem herrscht – und dass viele AbiturientInnen aus Arbeiterfamilien sich scheinbar vor einem Studium fürchten: Unter ihnen ist die Studierquote sogar rückläufig. Auch die aktuelle Sozialstudie des Deutschen Studentenwerks belegt diesen Trend: Während sich von 100 AbiturientInnen aus gebildeten Familien mehr als 70 für ein Studium entscheiden, tun dies lediglich 24 von 100 Kindern nicht-akademischer Herkunft.

Ein Netzwerk beantwortet alle Fragen

Dagegen kämpft die Initiative Arbeiterkind an. 2008 gründete die Gießener Doktorandin Katja Urbatsch das Internet-Portal Arbeiterkind.de, für das sich mittlerweile mehr als 5000 Ehrenamtliche an 70 Standorten einsetzen. Auch an der Ruhr-Universität gibt es eine solche Gruppe. Die Initiative funktioniert nach dem Netzwerk-Prinzip: JedeR weiß ein bisschen und kann etwas beisteuern, so dass ein großes Netzwerk entsteht, das bei nahezu jeder Fragestellung und jedem Problem weiterhelfen kann. In Bochum sind derzeit acht Studierende aktiv. Elena Grams und Oliver Klatt, zwei der Ehrenamtlichen, erzählen, dass der Bedarf an weiteren HelferInnen groß ist: Beim monatlichen Stammtisch der Gruppe melden sich immer junge Studierende, die beispielsweise Hilfe beim BAFÖG-Antrag benötigen oder einfach nur den Unterschied zwischen Seminaren und Vorlesungen erklärt haben möchten. Daneben gehört es zu den Aufgaben der „Arbeiterkinder“, an Schulen und Hochschulen bei Infoveranstaltungen und Elternabenden Aufklärungsarbeit zu leisten. Denn oft sind es gerade die Eltern der AbiturientInnen, die ihren Kindern raten, statt einem Studium lieber eine Ausbildung zu machen. Dahinter steckt meist die Angst, ihre Kinder könnten im akademischen System versagen, dem Druck an der Uni nicht gewachsen sein oder mit universitären Abschlüssen später keine Anstellung bekommen.

Hilfe beim Beantragen von finanziellen Mitteln

In den allermeisten Fällen aber, so Elena Grams, ist die Sorge um hohe finanzielle Belastungen der Grund, weshalb (zukünftige) Studierende der ersten Generation Hilfe bei Arbeiterkind  suchen. Viele Familien haben beispielsweise das Problem, dass es beim BaFöG jeweils um die Einkünfte der Eltern vor zwei Jahren gehe. Denn wenn es der Familie vor zwei Jahren finanziell gut ging, spielt es keine Rolle, dass möglicherweise jetzt – beispielsweise wegen des Verlusts der Anstellung – keine Mittel zur Unterstützung für ein Studium vorhanden sind. Arbeiterkind hilft dann, Stipendien zu beantragen oder informiert über andere Möglichkeiten der Studienfinanzierung. Zur Zeit der Studiengebühren in NRW sind diese für viele Familien oft das KO-Kriterium gewesen. Deshalb ist es auch wichtig und richtig, dass Studiengebühren in dieser Form nicht mehr existieren und eine weitere Zulassungsbeschränkung für Kinder aus Arbeiterfamilien darstellen können.
Auch die meisten der Ehrenamtlichen haben irgendwann einmal selbst die Hilfe von Arbeiterkind in Anspruch genommen und sind so bei der Initiative gelandet. Die Probleme, die man selbst einmal hatte, kennt man am besten und weiß so, was wirklich weiterhilft. Auch diejenigen, die nicht regelmäßig an Infoständen und bei Veranstaltungen mithelfen können, sind herzlich eingeladen, sich im Netzwerk von Arbeiterkind zu engagieren.


Wer Fragen zum Mitmachen oder zum Projekt an sich hat – oder aber einfach selbst Hilfe braucht –, kann jeden ersten Mittwoch im Monat zum Stammtisch in die OASE kommen oder Kontakt über arbeiterkind-bochum.de aufnehmen.
Der nächste Stammtisch findet
am 7. November um 18 Uhr
in der Oase, Buscheyplatz 3, statt.

Buchtipp:
Katja Urbatsch: „Ausgebremst. Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt“
Heyne Verlag, 2011
11,99 Euro

Kommentar schreiben