#734- Von Liebe, Leidenschaft und Völkermord

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Konstantinopel 1909, eine Zeit des politischen Umbruchs und der Veränderung sowohl des öffentlichen, aber auch des ganz privaten Lebens.

Die Auflösung des osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg und der Ausruf der Republik Türkei durch Kemal Atatürk beendete 1923 das Sultanat.
Peter Prange greift diese Ereignisse in seinem Roman "Der letzte Harem” auf und verbindet sie mit der Geschichte zweier Frauen. Fatima und Eliza leben mit rund 500 Sklavinnen, Dienerinnen und Ehefrauen im Harem des Sultans Abdülhamid II zusammen. Während Fatima nach der Gunst des Sultans strebt und alles daran setzt, im sozialen Netz des Harems weiter aufzusteigen, träumt Eliza von Freiheit und Liebe jenseits der Mauern des Yildiz- Palastes.
Als die Jungtürken die Macht übernehmen und den Sultan absetzen, bleiben die Frauen des Harems schutzlos zurück. Eliza und Fatima stehen nun vor ihrem größten Abenteuer, nämlich dem Leben, welches auch mal Träume in Alpträume verkehrt.
Spurensuche am Bosporus
Peter Prange begab sich für sein Buch auf eine Spurensuche am Bosporus und erschafft so ein Werk, welches sowohl einen sehr hohen, informativen, aber auch unterhaltenden Charakter hat.
"Der letzte Harem”, erzählt von Liebe, Leidenschaft und Unabhängigkeit zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, jedoch durch ihr gemeinsames Schicksal zusammengeführt werden. Trotz dieser kitschig - tragischen Grundlage schafft es der Roman, Themen, wie die Unterschiede zwischen Orient und Okzident, aber auch den Völkermord an den Armeniern, aufzugreifen und ihnen die nötige Ernsthaftigkeit entgegen zu bringen.
jst

Prange, Peter: Der letzte Harem. Droemer/Knaur. 2007
ISBN 13: 978-3-426-19657-1
22.90 Euro
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#734- Wie man selbst Märchen verfälschen kann

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Wie man selbst Märchen verfälschen kann

Am vergangenen Donnerstag, dem 15. November, startete in den deutschen Kinos der lang ersehnte Motion-Capture-Film "Beowulf" mit Angelina Jolie, Anthony Hopkins und John Malkovich.

Motion-Capture heißt Bewegungserfassung und bedeutet so viel, dass sich in den Studios "echte" Schauspieler mit schicken dunklen Anzügen, auf denen viele weiße Bälle oder Lämpchen kleben, in einem gleichmäßig beleuchteten und ebenfalls mit Markierungen ausgestattetem Raum, ein wenig zum Affen machen. Denn alles, was man auch nur annähernd später im Film, sieht wird am Computer erstellt, um einen Film so fantastisch wie möglich zu machen.
Bei Beowulf ist zwar auch viel Phantasie, aber phantastisch ist der Film keineswegs. Im Gegenteil. Weder gibt es einen eindeutigen Höhepunkt, noch schafft es die Geschichte die Spannung durchgängig zu halten.
Auch ist die Geschichte schnell erzählt: Beowulf ist eine angelsächsische Heldensage aus dem 8. Jahrhundert, in der der gleichnamige Held nach Dänemark fährt, um Hrodgar, dem König der Dänen, beizustehen. Dessen Volk wird seit geraumer Zeit von einem Ungeheuer namens Grendel heimgesucht. Beowulf kommt, um es zu erschlagen. Natürlich gelingt ihm dies, doch nachts rächt sich Grendels Mutter an ihm, indem sie von seinen vierzehn Gefährten dreizehn bestialisch ermordet. Dazu muss man sagen, dass Grendels Mutter ein Seeungeheuer ist, welches sich verwandeln kann.
Beowulf beschließt Rache zu üben und sucht Grendels Mutter. Diese wohnt in einer Grotte in einem weit entfernten Wald. Dort begegnet Beowulf aber, anders als in der Originalsage, nicht einem Ungeheuer, sondern der schönsten Frau, die er je zu Gesicht bekommen hat und lässt sich verführen.
Er wird König von Dänemark, gewinnt jede Schlacht und altert als sagenumwobener und besungener Held. Bis ein Drache sein Volk vernichten will.
Eigentlich könnte man aus diesem Stoff viel machen. Allerdings setzen die Macher bei diesem Hollywoodstreifen eindeutig mehr auf Effekte, Knaller und sehr viel Lärm. Abgesehen davon, dass die Erzählung, wie oben erwähnt, massiv verfälscht wird und Grendels Mutter einer Göttin gleichkommt, ist der Film auch noch ziemlich lachhaft. Der Held macht sich meistens zum Gespött des Publikums, indem er ständig seinen Namen ausprustet und nur Anthony Hopkins und John Malkovich haben Ähnlichkeit mit sich selber. Angelina und der Rest sind zwar leicht zu erkennen, doch dafür hätte man nicht Motion-Capture benutzen müssen, sondern eine einfache Animation hätte vollkommen gereicht.
In diesem Sinne sollte man sich das Geld sparen und lieber in einen Film mit "echten" Menschen gehen.
aw
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#734- Aufreißer mit Freilandeiern im Wolfstraum

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Aufreißer mit Freilandeiern im Wolfstraum

"XXS" – Der Name war beim Dortmunder Kurzfilmfestival im Cinestar Programm. Keiner der eingereichten Beiträge der Nachwuchsfilmer und -filmerinnen dauerte länger als 20 Minuten. Gut 500 Zuschauer und Zuschauerinnen verfolgten das Spektakel.

Eine hochkarätige Jury, u.a. besetzt mit Star-Regisseur Jan Henrik Stahlberg und Schauspieler Johnny Müller, bewertete zehn Filme mit einer Länge von je sechs bis zwanzig Minuten. 146 Werke waren eingereicht worden. Die Themen reichten dabei von neoliberaler Scheinwirtschaftlichkeit in "Outsourcing" über die ganz persönliche Einstellung zu Lebensmitteln in "Freilandeier" bis hin zu zarten Liebesbanden in "Nachts ist es dunkel".
Strahlende Siegerin nach über vier Stunden Vorstellung und Jury-Beratung war am Ende die bayerische Filmemacherin Maria-Anna Rimpfl mit ihrem Beitrag "Wolfstraum".
Idealistische
Filmemacherin
Der XXS-Preis ist mit 1 500 Euro dotiert. "Das ist der erste Preis, den ich bekomme, für den es auch Geld gibt", freute sich Rimpfl. Kein Wunder: Für die Realisierung von "Wolfstraum" sparte sie teilweise sogar an Lebensmitteln, wie sie im bsz-Gespräch bekannte. Der zweite Platz und 1000 Euro Preisgeld ging an den Animationsfilm "Freilandeier" von Daniel Faigle. Für "Der Aufreißer" konnte sich Steffen Weinert über 500 Euro und den Publikumspreis freuen.
Mutter oder nur Möchtegern?
Mitorganisatorin Sarah Harder lobte den Sieger-Beitrag mit seiner "einfühlsamen Art, ein schwieriges Thema anzupacken". Im 15 Minuten langen "Wolfstraum" wünscht sich die junge Protagonistin ein Kind. Der Film zeigt sie dabei weitgehend bei einer Flucht durch den Wald, wobei für die Zuschauer unklar bleibt, ob sie nun schon ein Baby hat, eines bekommt oder bekommen wird.
"Für die relativ geringe Vorlaufzeit sind wir absolut zufrieden mit dem Festival", resümierte Harder am Ende. "Sowohl die Zuschauerresonanz als auch der Ablauf waren klasse." Nach den Vorstellungen und Siegerehrungen im CineStar schloss sich eine After-Show-Party in der Underground-Disco "Versteck" in Dortmund-Brackel an, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte.
"Das Festival soll jungen Filmschaffenden und unentdeckten Talenten eine Plattform bieten, ihre Werke einem größeren Publikum zu zeigen und gleichzeitig wichtige Kontakte zur deutschen Filmbranche zu knüpfen", erklärte Harder.

bp
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#733- Goethe macht viel Theater

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Goethe macht viel Theater

Schon im Februar dieses Jahres hatte Dr. Benedikt Jeßing seine Inszenierung des "Triumphes der Empfindsamkeit” in seiner Goethevorlesung mit stolzgeschwellter Brust beworben: "Ich versichere Sie, es wird ein lohnender Abend.”

Dreißig Minuten vor Vorstellungsbeginn: Eine ganze Wagenladung ergießt sich aus der U35 über die Unibrücke gen Musischem Zentrum. Zwei Germanistikstudentinnen sind gar betrübt, da sie für die ausverkaufte Vorstellung nicht akkreditiert zu sein scheinen. Ein Pulk von Jeßingjüngern drängt sich voller Vorfreude am verhangenen Eingang zum Bühnenraum. Muße für einen Aperitif und Schwelgen im Programmheft bis die Glocke zum Platznehmen ruft, hat keiner. Recht so. Denn kein dreifaches Gebimmel, sondern Pressesprecher Sascha Jurczyk hat seinen großen Auftritt. Mit effektvollem Händeklatschen untermalt, gibt er das Kommando zum Sturm auf die besten Plätze: "Einlass!”
So manches Theater könnte neidisch sein, sowohl um das begeistert gemachte Aufheben der Zuschauer, als auch um das Lob für diese Laieninszenierung. Denn beides ist gerechtfertigt.
Vierzig Studierende hatten in einem Proseminar und einer Übung im Sommersemester 2007 das Singspiel "Triumph der Empfindsamkeit" von Johann Wolfgang von Goethe einstudiert. Das Resultat besaß an vielen Stellen professionelle Züge, trotz eines erhöhten Schwierigkeitsgrades, der sich durch die Konzeption des Stückes begründet. Neben den schauspielerischen Leistungen waren gesungene Partien, deren Vertonung durch ein Orchester, sowie ein flexibles Bühnenbild und historische Kostümierungen zu erbringen.
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#733- Maus – Mein Vater kotzt Geschichte aus

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"Maus" ist ein Comic, dem durch einfachste Mittel die Darstellung eines furchtbaren Verbrechens gelingt.

Art Spiegelman, der 1948 in Stockholm geboren wurde, erkannte schon, als er in den 60er Jahren seine Karriere begann, die Möglichkeit, den Comic als politisches Sprachrohr zu nutzen. Nach zahlreichen Werken, wie zum Beispiel "Prisoner from the Hell Planet" in welchem er 1971 den Selbstmord seiner Mutter verarbeitete, gab er von 1980 bis 1991 mit seiner Frau Françoise Mouly in New York das Magazin "Raw" heraus, welches es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Comiczeichnung nicht auf einen Stil einzuengen und vor allem jungen Künstlern eine Plattform für ihre Werke zu geben.
In "Maus – Mein Vater kotzt Geschichte aus", der 1989 erschien, erzählt Spiegelman die Geschichte seines Vaters, der als polnischer Jude die Schrecken des Holocaust am eigenen Leib erfahren musste, aber auch von sich selbst und wie es ist, ein Kind von Eltern zu sein, denen das Leben übel mitgespielt hat.
Bestimmte Eigenschaften des Vaters, wie zwanghafte Sparsamkeit und ein gespaltenes Verhältnis und Misstrauen gegenüber anderen Menschen, macht deutlich, dass dies vielmehr die Geschichte einer Persönlichkeit ist, die durch schmerzlichen Erfahrungen zur Veränderung gezwungen wurde. Wladek Spiegelman steht hier für viele, die den Holocaust zwar überlebten, aber nie mehr in der Gegenwart leben konnten, weil sie die Vergangenheit nicht los lies.
"Eine minderwertige Rasse"
Mit der Darstellung der Juden als Mäuse und der Nazis als Katzen, und weiterer Charakterisierungen dieser Art, reagiert Spiegelman auf die Tiermetaphorik des Nationalsozialismus und stellt das Zitat Adolf Hitlers "Es ist ja wohl nur recht und billig, die Welt von einer minderwertigen Rasse zu befreien, die sich wie Ungeziefer vermehrt." daher ganz bewusst der Geschichte voran. Die Zeichnungen, die im Stil eines Underground- Comics gehalten sind, werden auf das Wichtigste begrenzt. Dadurch, dass hier ganz auf Farben verzichtet und durch Schattierungen, sowie härtere und weichere Konturen die Stimmung verdeutlicht wird, schafft es Spiegelman die Schatten der Zeit, wie sie sich für die Betroffenen darstellten, zu transportieren und für den Leser begreiflich zu machen
1992 wurde "Maus 1" mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und schaffte es so, den Status eines ernst zu nehmenden literarischen Werkes zu erlangen.
Bücherverbrennung in Polen
Gerade Ereignisse wie die Verbrennung von Werbeplakaten dieses Buches aufgrund der Verwechslung mit nationalsozialistischem Propagandamaterial oder selbst des Buches in Polen aufgrund der Darstellung der Polen als Schweine, zeigen, wie wichtig es auch heute noch ist, ein so heikles Thema neu an zuschneiden und neue Wege zu finden, es zu vermitteln.
Dieser Comic ist etwas für jeden, der mittlerweile durch Überinformation die Fähigkeit verloren glaubt, der Thematik des Holocaust den nötigen Respekt entgegen zu bringen. Denn er hat es nicht nötig Betroffenheit von seinem Leser zu fordern, weil dieser sie beim Lesen von selbst aufbringt.

jst


"Maus – Mein Vater kotzt Geschichte aus: Die Geschichte eines Überlebenden" von Art Spiegelman

Rowohlt: rororo Taschenbücher; Originaltitel: "Maus, A Survivor‘s Tale"
Neuauflage 2005, 159 Seiten

ISBN: 978-3-499-22461-4 KNV-Titelnr.: 07861161Â

#733- Ungemein Liebenswürdig

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Ungemein
Liebenswürdig

Regel Nummer 3: Starre keine Feengeschöpfe an, wenn sie gerade unsichtbar sind. – Regel Nummer 2: Spreche nicht zu ihnen, wenn sie gerade unsichtbar sind. – Regel Nummer 1: Ziehe niemals ihre Aufmerksamkeit auf dich.

Durch den Roman führt Aislinn. Sie hat eine ungewöhnliche Gabe mit in die Wiege gelegt bekommen: Schon seit ihrer Geburt kann sie Feen sehen. Mächtig und gefährlich bewegen sie sich unauffällig in der menschlichen Welt. Aislinn würde einiges darum geben, wenn sie wie alle anderen sein könnte: ein unbekümmerter Teenager. Sie fürchtet sich vor der Grausamkeit, die von den königlichen Feenwesen und ihren Wachposten auszugehen scheint, aber kann ihre Augen nicht verschließen, denn die Feen sind überall. Doch das Schicksal hat etwas anderes mit ihr vor.
Bald beginnen die Feen sie zu verfolgen. Aislinn versucht zu fliehen, doch es ist zu spät. Keenan, der Sommerkönig, sucht bereits seit 900 Jahren seine ebenbürtige Königin. Ohne sie wird der Sommer für immer verschwinden und durch einen ewigen dunklen, schneidenden Winter ersetzt. Und er möchte mit Aislinn an der Seite regieren – ungeachtet ihrer persönlichen Pläne und Wünsche. Währenddessen setzt Keenans Mutter Beira, die Winterkönigin, alles daran, dass die Pläne ihres Sohnes scheitern.

Wicked lovely

Für Aislinn ist mit einem Mal nichts mehr, wie es vorher war: Die Regeln, die sie immer in Sicherheit gewogen haben, scheinen plötzlich außer Kraft gesetzt, und alles steht auf dem Spiel: ihre Freiheit, ihre neue Liebe, der alternative Seth, ihr Leben.
Gerade zu Seth fühlt sie sich auf eine für sie ungewohnte Weise intensiv hingezogen. Und das liegt nicht allein an dem stählernen Haus, das er mit seiner Boa bewohnt. Doch nur dort fühlt sie sich wirklich sicher. Denn Stahl können Feen nicht vertragen, er schwächt sie, und so können sie Aislinn nichts tun. Hinzu kommt die Tatsache, dass Seth neben seiner Vorliebe für One-Night-Stands eine Leidenschaft für reichlich Bodymodification pflegt und seine Freizeit regelmäßig bei "Pins und Needles", seinem Lieblings-Piercing- und Tattoostudio, verbringt. Um die Feen zu vertreiben und Aislinn zu beschützen, lässt er es sogar darauf ankommen, seine zahlreichen hypallergenen Titanpiercings durch Stahlringe zu ersetzen. Doch der Erfolg lässt zu wünschen übrig. Stattdessen sucht Aislinn die direkte Konfrontation mit dem Sommerkönig, eine Grenzerfahrung, der sie allein nicht gewachsen zu sein scheint. Geht sie mit Keenan, muss sie ihre sterbliche Liebe Seth zurücklassen. doch Keenan den Rücken zu zukehren bedeutet jedoch gleichzeitig, im ewigen Winter umzukommen. Oder lässt sich das Schicksal überlisten...?
Gemeinsam mit Seth kämpft sie einen scheinbar aussichtslosen Kampf – für das Sommerlicht...
Feenintrigen, sterbliche Liebe und das Chaos durch die Außerkraftsetzung jeglicher Ordnung machen "Gegen das Sommerlicht" zu einem modernen Feen-Sommermärchen des 21. Jahrhunderts.

jbö


"Gegen das Sommerlicht" von Melissa Marr

Carlsen-Verlag, 1. Auflage 2007, 352 Seiten, Gebundene Ausgabe

ISBN: 978-3551581686