#737- Platz für den Hintern

Geschrieben von Super User am . Veröffentlicht in Kultur

Platz für den Hintern "Habt ihr denn auch genug Platz zum Tanzen?”, säuselte Inga Humpe aus der "2Raumwohnung” kokett. Die Bands nahmen die geringen Zuschauerzahlen auf der Mensaparty locker und reagierten mit gut gelaunter Ironie. Kein Wunder: Diejenigen, die dabei waren, hatten ihren Spaß. Auf und vor der Bühne. "Wisst ihr, dass es wichtig ist, Platz zu haben, um seinen Hintern zu bewegen?”: Inga Humpe war sichtlich gut drauf. Die Frontfrau der (auch und gerade studentischen) Kultkombo "2Raumwohnung” nahm es mit Humor, dass sich vor ihrer Bühne nur knapp ein Drittel der sonst üblichen Fanmengen tanzend tummelten. Die großen Lücken, die sich im Publikum nach den ersten Reihen immer deutlicher auftaten störten sie wenig. Dem hymnischen Auftritt der Ex-NDW-Röhre schadeten sie auch nicht. Im Gegenteil: Humpe war in Hochform. Bei "Ich und Elaine” lud sie zunächst "alle Homosexuellen hier” auf die Bühne, bei "Sexy girl” kamen dann noch "alle Mädels bitte” dazu. Die Stimmung nicht nur auf der Bühne war grandios, die Lücken füllten sich alleine dadurch, dass alles nach vorne stürmte. Spätestens als Humpe dann "Miss Freie Liebe” suchte, die zum gleichnamigen Kult-Hit "richtig hemmungslos” mit dem Schlagzeuger herumknutschen sollte, war das Gegröle riesig. Östrogenbeladen, aber groß, das. Auch Juli-Frontfrau Eva Briegel ließ sich nicht davon beirren, nur 2000 "verlorene Seelen” im Publikum zu erblicken. Was wohl auch daran lag, dass diese zu Unrecht so bezeichnet würden. Die (kleine) Partymeute ließ sich vom melancholischen Drive des Briegelschen Deutsch-Pops schnell gefangen nehmen. Songs wie "Warum” oder "Das gute Gefühl” gerieten der blondierten Sängerin noch gefühlvoller als die bekannten Singles. Auch Culcha Candela zündeten ihr "tightes” Programm mit genauso viel Engagement wie sonst. Joy Denalane schließlich kann gar nicht ohne Soul in der Stimme. Fazit: Schade eigentlich, dass nicht mehr Leute die 28 Euro investieren. Über den "Wert” dessen hätte sich nach diesem Party-Programm durchaus diskutieren lassen. bp

#744- Der schmale Grat zwischen Gewaltglorifizierung und Gesellschaftskritik

Geschrieben von jk am . Veröffentlicht in Kultur

Der schmale Grat zwischen Gewaltglorifizierung und Gesellschaftskritik
Grand Theft Auto IV
Am 29. April erschien der aktuelle Ableger der GTA-Reihe: Grand Theft Auto IV. Von der Fangemeinde geliebt und gefeiert, von konservativen Medien und Instanzen gehasst und verachtet. GTA wagt eine gefährliche Gradwanderung zwischen maßloser Gewaltglorifizierung und zynisch-intelligenter Gesellschaftssatire. Notwendig oder gefährlich? Kunst oder Kommerz?

#740- Von echtem Schrot und Korn

Geschrieben von Super User am . Veröffentlicht in Kultur

Dass Jonathan Davies seine Stimme als Chorknabe mit klassischen Arien schulte, sieht man nicht gerade. Man hört es aber am Sound seiner Band "Korn". Die fiesen Freaks des US-Metal zogen 4000 Fans im ausverkauften Kölner Palladium mit einer elegischen Rock-Oper in ihren Bann.

Bei auffallend vielen der vorwiegend schwarz gekleideten jungen Menschen, die sich an diesem im Palladium versammelt hatten, prangte eine riesige Solidaritätserklärung zur konzertierenden Band auf dem Rücken: "Still a f.... freak" (Immer noch ein verdammter Sonderling). Man merkte, schon bevor die Gitarren dröhnten und Drums zerschossen wurden, dass diese Fangemeinde vor allem eins wollte: Abgehen und schwitzen.
"Eine gute Voraussetzung für einen gelungenen Metal-Abend" dürfte sich Jonathan Davies, der Mann mit den tausend Tätowierungen, gedacht haben. Mit ein wenig Starappeal-geschuldeter Verspätung stolzierte er um 22.15 Uhr im Schottenrock auf die Bühne und brachte mit dem straight nach vorn strotzenden Starter "Hushabye" gleich sämtliche Headbanger in Wallung. Die Haare sollten in Bewegung bleiben, genau wie die meisten Körper. Im Laufe eines äußerst kurzweiligen Hardrock-Abends folgten schnell aufeinander die Reißer des neuen Albums "Untitled", gepaart mit immerwährenden Klassikern wie "Freak on a Leash" oder "Follow the leader".
Davies und seine Mitstreiter begeisterten dabei vor allem mit viel Körperlichkeit. Wenn schon bei den Fans "Schwitzen" ein Grundmotiv des Konzertbesuchs ist, auf der Bühne war es dies um so mehr. Wie das Batteriemännchen hüpfte der Frontmann auf und ab, nur unterbrochen von den kurzen Songpausen. Auch die Riff-Künstler James "Munky" Shaffer und Brian "Head" fuhren quietschende und ächzende Panzergitarren an die Soundfront - und wechselten dabei ständig den Standort, tauschten Seiten, Saiten und schließlich sogar ihre Instrumente.
Die Eskapaden der letzten Jahre - Frontmann Davies litt und andere an Alkohol- und Tablettensucht - scheinen jedenfalls hinter der Band zu liegen. Die Heroen des "NuMetal" klangen wie zu ihren Hochzeiten und hüllten sich und ihre Hörer in eine nur vom fluoreszierenden Laserlicht ab und an illuminierte Finsternis. Ihr Ur-Thema in Texten und Videos - das vernachlässigte Mittelstandskind, allein gelassen mit seinen Ängsten - dürfte genau wie der Korn-Sound so schnell kaum an Aktualität verlieren.

bp

#739- Welten Folge eins:

Geschrieben von Super User am . Veröffentlicht in Kultur

Welten Folge eins:
World of Warcraft

Was könnte schöner sein als die Innenstadt von Bochum? Manche würden sagen: Die Innenstadt von Wattenscheid. Andere würden vielleicht antworten: Ich. Wieder andere entgegnen: World of Warcraft.

Viele Menschen (Zahlen: siehe wikipedia.org) spielen heutzutage sogenannte Online Rollenspiele, wie eben auch besagtes World of Warcraft. Zunächst mag es verwundern, dass das stundenlange Sitzen vor einem Bildschirm derart faszinierend wirkt, dass die Spieler alles andere um sich herum vergessen, inklusive und nicht zuletzt auch ihren eigenen Körper, der mit zunehmender Spieldauer immer mehr der Verwahrlosung anheim fällt. Rasiert wird nicht mehr (das gilt für beide Geschlechter!). Der Trainingsanzug wird auch nicht mehr gewechselt. Die Ernährung wird typischerweise auf schnell Zuzubereitendes reduziert (Nudeln, Telepizza, Schokolade). So kann die Spielzeit optimiert, das heißt maximiert werden.
Auch ein erster Blick auf das Geschehen auf dem Bildschirm bringt keine Klärung: In regelmäßiger Folge werden Bestien und Monstrositäten dahingemetzelt. Die Bestienkadaver müssen dann noch nach Gold, Geschmeide und anderen Kostbarkeiten des Abenteurerlebens durchsucht werden. Gerade dieser zentrale Aspekt des Leichenfledderns wird vom Programm allerdings nicht besonders detailliert dargestellt. Wer einmal nachts ein smirgolartiges menschliches Wesen beim Durchstöbern eines gelben Sacks nach Einwegpfandflaschen im Schein einer Straßenlaterne aufgestört hat, weiß, wovon die Rede ist. Das viehhafte des Fledderns und Grabbelns bleibt also außen vor (man kann es aber in der sogenannten Realität durchaus noch im Winterschlussverkauf der Esprit-Läden beobachten).
Das Sammeln von Ausrüstungsgegenständen hat überhaupt eine zentrale Position im Spiel. Es scheint keinen der Spieler zu stören, dass die Suche nach passenden Gegenständen aus einem Set irgendwie an die Leidenschaft gemahnt, mit der zu anderen Zeiten (aber nicht: in anderen Schichten?) die Nippfigürchen aus den Überraschungseiern gesammelt wurden. Die immer weitere Optimierung (und auch hier das Mengenprinzip; siehe die Bemerkung über die Spielzeit weiter oben) des Charakters (beispielsweise Oger), das heißt seiner Werte, mittels der Akkumulation von Boni, die von den getragenen Gegenständen verliehen werden, scheint dabei der einzige Zweck der ganzen Schlachtorgie zu sein.
Endlich Oger sein
Bleibt der kommunikative Aspekt. Das Spiel bietet die Möglichkeit, sich Textbotschaften zu senden. Diese beschränken sich aber nach einer gewissen Spieldauer auf hastig getippte Abkürzungen von einzusetzenden Fähigkeiten und Zaubertricks, die, man ahnt es schon, die Angriffswerte des Helden im Zusammenspiel optimieren sollen, das heißt in schwindelerregende Höhen treiben.
Legen wir unsere Suchparameter also tiefer: Die Art, wie der Computer Bilder erzeugt ist eigentümlich direkt. Man weiß im Grunde, wie die Bilder sich prozessieren und das auch noch im Zusammenspiel mit den eigenen Handlungen, die man mittels der Bedienelemente des Computers ausführt, und die in dieser Ausführung als kontingent erscheinen müssen ("oh hätte ich doch lieber den Feuerball geschleudert anstatt des Blitzes, dann läge das Viech nun tot da, anstatt Ich"). Man kann sehen, dass das Geschehen auf dem Bildschirm also abhängig von den Entscheidungen des Spielers ist. Und mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad verlängern sich die Ketten von Entscheidungen, die zum Ziel führen (dies meint die Niederstreckung immer mächtigerer Gegner und Gegenspieler und keineswegs die Beendigung des Spiels an sich).
Das Immerweiter scheint somit das Prinzip zu sein, nach dem das Spiel funktioniert. Es scheint, als habe sich die moderne Gesellschaft damit einen Simulator für ihre eigene Funktionsweise errichtet. Auch Geld muss man schließlich immer wieder neu ausgeben, ohne dass man einen Gegenstand angeben könnte, der tatsächlich den letzten Kauf darstellen wird. Spitzfindige Naturen werden merken, dass es diesen letzten Kauf eines Individuums aber doch empirisch gebe, nämlich in dem Gegenstand, den ein Mensch zuletzt vor seinem Tod kauft. Und genau in diesem Punkt wird die lebensphilosophische Botschaft von World of Warcraft deutlich: Der Einzelspieler kann austreten und aufhören zu spielen, aber das Spiel wird auch ohne ihn weitergehen, so wie auch das gesellschaftliche Geschehen "Geldausgeben" immer weitergeht, unabhängig wer gerade lebt und in der Lage ist, einen Nutzen aus den für das Geld ausgehändigten Gegenständen zu ziehen.
Denn auch wenn es ärgerlich ist: Auch ein aufgemotzter Pixeloger haucht irgendwann sein Leben aus, und dann geht alles wieder von vorne los. Und genau hier liegt der entscheidende Bezug zur Realität: Der Oger steht immer wieder da, Wiederbelebung macht es möglich. Ist heutzutage nicht auch jeder Mensch dazu aufgerufen sich selbst zu erfinden, möglicherweise gleich mehrmals, sich für eine Karriere zu entscheiden, oder zumindest in der Lage zu sein, sein Verhalten als Karriereentscheidung darzustellen? Und man kann schon jetzt jeden Personalchef dazu beglückwünschen, dass er sich in nicht allzu ferner Zukunft die Erklärungen für die fehlenden zwei Jahre im Lebenslauf manch eines wiederauferstandenen World of Warcraft-Junkies anhören darf ("Von 2007 bis 2009 bin ich als Oger durch ein Wolkenkuckucksheim gelaufen und habe mit einer magisch verzauberten Keule Monstrositäten niedergestreckt, um daraufhin ihre Kadaver nach Gold und Geschmeide zu durchsuchen!").Â
Auch und gerade wenn Menschen so leben, als gäbe es kein Ende: was bleibt ihnen Anderes übrig? Das Ende werden sie wohl kaum erleben. Denn das Ende ist etwas ganz anderes, als das, was jetzt ist.
-Ende-
Benz

#743- Politically Incorrect

Geschrieben von jk am . Veröffentlicht in Kultur

Politically Incorrect
Deutschlands ultrarechte "Mitte" im Internet
Zum Regieren brauche ich nur BILD, Bams und Glotze." – Zu Beginn seiner Kanzlerschaft im Februar 1999 – als Gerhard Schröder diese Bemerkung geäußert haben soll – schien die Medienlandschaft für den heutigen Altkanzler noch recht überschaubar. Etwa neun Jahre später hat es seine Nachfolgerin Angela Merkel weniger leicht. Im Zeitalter des sogenannten "Web 2.0" existiert eine unüberschaubare Vielzahl an Blogs, Foren und Netzwerken mit politischen Inhalten.

#743- Newcomerfestival 2008

Geschrieben von haje am . Veröffentlicht in Kultur

Newcomerfestival 2008
Die vier Finalisten stehen fest
Am vergangenen Freitag wurden im KulturCafé bei der zweiten Vorrunde des diesjährigen Bochumer Newcomerfestivals der dritte und vierte Teilnehmer des Finales ermittelt.