#742- Literaturcafe: Studienliteratur

Geschrieben von FF am . Veröffentlicht in Kultur

Literaturcafé
Heute: Studienliteratur

An dieser Stelle findet sich sonst üblicherweise eine Rezension aus dem Bereich der aktuellen Literatur. Heute wollen wir die Perspektive mal ändern und uns mit Studienliteratur auseinandersetzen, genauer mit Literatur über Literatur.

Unser heutiges Werk ist das Metzler Lexikon Literatur, das in keinem studentischen Bücherregal fehlen sollte, sofern der Besitzer oder die Besitzerin Germanistik oder Komparatistik studiert. Besagtes Werk ist inzwischen in der dritten Auflage erschienen und hat sich über die Jahre als ein Standardwerk für Germanistikstudierende, DeutschlehrerInnen und KomparatistInnen etabliert.
In der neuesten Auflage wurden 600 Artikel neu aufgenommen und einige aktualisiert, sodass zu insgesamt über 4000 Stichwörten in den Bereichen Metrik, Poetik und Rhetorik sowie der Buch-, Verlags- und Sprachgeschichte und der Geschichte der Philologie und Literatur eine schnelle Orientierung ermöglicht wird. Abgedeckt wird die Literaturgeschichte von der Antike bis heute. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der europäischen und besonders der deutschen Literatur.
Die knappen Artikel informieren präzise über relevante Begriffe, während hilfreiche Querverweise innerhalb sinnvoller Zusammenhänge und vielfältige, aktuelle Literaturhinweise eine Unterstützung bei der kompetenten Orientierung zum Thema bieten.
Der Umfang der Einträge orientiert sich an der Wichtigkeit der Begriffe und ist dementsprechend kürzer gefasst, wenn es um die Erläuterung randständiger Begriffe geht. Bei wichtigen und allgemeineren Begriffen wird das Lexikon ausführlicher.
Da der Schwerpunkt zwar auf der deutschen Literatur liegt, aber die gesamte Literaturgeschichte Europas überblickt und in den Bereichen Metrik, Poetik und Rhetorik die gleichen AutorInnen herangezogen werden, lohnt sich dieses Werk auch als Anschaffung für die KomparatistInnen unter uns. Oftmals steht man der deutschen Literatur ja aus Schulzeiten noch nah und kann durch die Verweise auf die restliche europäische Literatur sehr gute Querbezüge darstellen.
Als Fazit kann man sagen, dass sich die Anschaffung als Studienliteratur auf jeden Fall lohnt und preislich auch für Studierende noch erschwinglich ist, wo sonst vielbändige Lexika außerhalb jedes Gedankens verbleiben.

Metzler Lexikon Literatur
Begriffe und Definitionen
Begründet von Günther Schweikle und Irmgard Schweikle
Dieter Burdorf/Christoph Fasbender/Burkhard Moennighoff (Hrsg.)
3., völlig neu bearbeitete Auflage
IX, 845 S., Gebunden
Preis: EUR 29,95
ISBN: 978-3-476-01612-6
FF

#742- Sanfte Revolution auf der Bühne

Geschrieben von USch am . Veröffentlicht in Kultur

RUB-Studierende als TheatermacherInnen
Sanfte Revolution
auf der Bühne
Eine kleine Sternstunde des (studentischen) Theaters konntet Ihr Ende März sowie am vorvergangenen Wochenende bereits fünfmal im Ringlokschuppen Mülheim erleben: In einer Inszenierung von Alexander Kerlin, Fabian Lettow und Mirjam Schmuck (Regiemitarbeit: Jasmin Stommel, Lisa Overmann) wurde dort Einar Schleefs 1986 uraufgeführtes, hochpolitisches Bühnenstück "Die Schauspieler" gezeigt, das soziale Zerfallsprozesse in Zeiten ökonomischer Prekarisierung unter die Lupe nimmt. Ein Thema, das nicht zuletzt aus der Perspektive der ,Generation Praktikum‘ aktueller denn je erscheint!

"Kann man einen richtigen Penner mit einem richtigen Schauspieler verwechseln?" Diese zentrale Replik des Stückes legt den Finger in die klaffende Wunde gegenwärtiger gesellschaftlicher Verwerfungen: Zunehmende ökonomische Ausgrenzung hat eine Prekarisierung immer größerer Teile der Bevölkerung zur Folge, die bei Schleef im Versuch der Aufführung eines Theaterstücks über Wohnungslose in einem Obdachlosenasyl (in Gestalt der Gruppen »Schauspieler« versus »Penner«) wechselweise miteinander interagieren und dann wieder schroff aufeinanderprallen. Das Experiment des Stücks im Stück kommt daher einer beinahe übermenschlichen Zerreißprobe gleich: Kaum erträgliche Spannungen prägen die Interaktion der »SchauspielerInnen« (Burkhard Forstreuter, Hans-Christian Mühlmann, Mi-Sah Rehnolt, Julia Dillmann) mit den »AsylbewohnerInnen« (Kolja Schmidt, Detlev Seitz, Patrick Dollas, Bianca Künzel, Mirjam Schmuck). Um in die "Gemeinschaft der sozial Degradierten" aufgenommen zu werden, müssen sich die AkteurInnen Initiationsriten unterziehen, die immer wieder die Grenze menschlicher Würde antasten. Ein solidarisches Miteinander wird durch Hierarchiebildung und Ausgrenzung innerhalb der Prekarisierten unmöglich gemacht. Als die Hoffnungslosigkeit am größten scheint, tritt – ähnlich wie in Gerhard Hauptmanns "Die Weber" – der Chor (Frauke Daum, Kathrin Ebmeier, Marina Eichler, Kama Frankl, Petra Hollstein, Caroline Martiny, Kirsten Möller, Rasmus Nordholt, Sebastian Radermacher, Feeke Rascher, Gregor Runge, Sebastian Schröer, Lisa Schwalb, Jascha Sommer, Dobrina Trifonova, Nadine Voß, Julia Warnemünde, Klaas Werner, Manuel Zauner) auf den Plan...

Von der (gesellschaftlichen) Pest kündet der Sprechgesang des sich aus dem Bühnenhintergrund heraus rasch formierenden Chores, aber auch von Straßenkampf und der Notwendigkeit revolutionären Wandels, motiviert durch existenzbedrohenden Mangel an elementaren Gütern: "Gebt zu essen. Gebt zu wohnen. Gebt zu trinken. [...] Wohnung und Nahrung." Im gleichen Atemzug jedoch wird – in Zeiten der Prekarisierung künstlich verknappte – "Arbeit" sowie "Wissen" als – gegenwärtig zunehmend der Ökonomisierung unterworfenes – Gut eingefordert, das für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit bereitzustellen ist. Die Rezitative des Chores wechseln sich ab mit bekannten Gesängen der Arbeiterbewegung wie dem "Einheitsfrontlied" sowie dem "Solidaritätslied" von Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Die Aufforderung zu einem solidarischen Miteinander erreicht die RezipientInnen wie ein mahnendes Echo aus dem Off: Nachdem der Chor mit dem zur Endlosschleife reduzierten "Vorwärts – und nicht vergessen" auf den Lippen den Bühnenraum verlassen hat, erklingt das Schlüsselwort "Solidarität" erst als leiser Nachklang aus dem Foyer, wo sich der Chorgesang gleichsam als Kommentar zur weiteren Bühnenhandlung fortsetzt. Jeder weitere Versuch einer egoistischen Existenz des Individuums außerhalb des Kollektivs erscheint vor diesem (akustischen) Hintergrund in zunehmend fragwürdigem Licht. Durch den innovativen Einsatz des Chores wird die somit sehr unaufdringlich daherkommende politische Dimension der "Schauspieler" in künstlerisch sehr überzeugender Weise akzentuiert.
In einer sicherlich über Einar Schleefs ursprüngliche Konzeption hinausgehenden postmodernen Brechung der harten politischen und zwischenmenschlichen Konflikte des Stückes wird zudem die Möglichkeit einer wunderbaren Auflösung in Gestalt einer ‚sanften Revolution‘ spürbar. Eine Adaption des Refrains des Tocotronic-Songs "Pure Vernunft darf niemals siegen" versetzt die Bühne zeitweise in harmonische Schwingungen: "Wir sind so leicht, dass wir fliegen." Die hierin anklingenden harmonischen Zwischentöne ergänzen kontrapunktisch die im Publikumsgespräch nach der jüngsten Aufführung in Mülheim konstatierte "gelungene Radikalität des Körperlichen". Zugleich konterkarieren sie die dort geäußerte Kritik, die Aufführung habe "unter der Wucht der Bilder gelitten". Kritische Distanz zur "bedeutungsschweren Performance" der Inszenierung, wie sie in einer WDR-5-Rezension im Kulturmagazin "Scala" (31.3.08) geäußert wurde, erscheint somit eher unangemessen. Die sanft-revolutionäre Botschaft der als Kollektiv brillant ins Spiel kommenden »Schauspieler« jedenfalls wird von den AkteurInnen derart professionell umgesetzt, dass zwischen etatmäßigen Bühnenprofis und diesem freien, zu einem großen Teil studentischen Ensemble keinerlei Qualitätsunterschied spürbar ist. Das u. a. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Teaterwissenschaft der RUB aufgeführte Stück ist am 3. und 4. Mai ab 19.30 Uhr noch zweimal im Schloßtheater Moers zu sehen. (Tickets könnt Ihr direkt unter www.schlosstheater-moers.de bestellen.) Ihr solltet es Euch nicht entgehen lassen!

Bilder: Andreas Backhaus
USch

#741- Nach Moskau

Geschrieben von sjn am . Veröffentlicht in Kultur

Tschechow, Badenweiler, Die NOKIA-Bahn und eine gelungene Inszenierung.
Nach Moskau!
Nach ausverkauften Vorstellungen werden im Bochumer Künstlerprojekt "Rottstraße 5" vier weitere Vorstellungen von Tschechows "Drei Schwestern" gegeben. Was Tschechow dazu gesagt hätte? Wir wissen es nicht.

Die Schwestern Olga, Mascha und Irina sitzen im Haus ihres Bruders und wünschen sich ein besseres Leben. Die Erfüllung im Beruf und in der Liebe können sie in der russischen Provinz nicht finden und wollen deshalb zurück "nach Moskau", in ihre geliebte Heimatstadt, wo sie sich mehr Aufregung und Selbstverwirklichung erhoffen. Daraus wird nichts: Alle drei stecken in ungeliebten Berufen, Ehen und Liebschaften fest und werden unglücklich. Dass die "Rottstraße 5", in der das Stück aufgeführt wird, unter den Gleisen der NOKIA-Bahn liegt und die Szenerie dann und wann von kleinen Erschütterungen aufgrund der darüber hinweg fahrenden Züge heimgesucht wird, finden die über die Aufführung berichtenden Journalisten dabei höchst erwähnenswert. Verzweiflung bei den Schwestern UND bei den bald arbeitslosen Arbeitern, raffiniert!

Nun hatte Anton Tschechow beim Schreiben seines Stückes sicher vieles im Sinn, aber einen raffgierigen finnischen Hersteller von Mobiltelefonen vermutlich nicht (aber: wir wissen es nicht). So ist der Bezug auf die Arbeitslosigkeit im Deutschland des 21. Jahrhunderts ein eigenwilliger, aber offenbar doch wenig origineller Gedanke, denn mindestens drei Redakteure hatten denselben. Tschechow sagte "In dreißig Jahren wird jeder Mensch arbeiten! Jeder!", aber Arbeitskämpfe und Tarifverträge waren nie der Mittelpunkt seines literarischen Schaffens. Nun kann ihm natürlich mangelndes revolutionäres Bewusstsein vorgeworfen werden. In vielen seiner Werke beschreibt er das kleinbürgerliche, zaristische Russland, in dem Individuen auf der Suche nach Selbstverwirklichung regelmäßig an der Realität scheitern. "Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.", meinte er. Und um den Alltag in einer Gesellschaft mit wenigen Perspektiven drehen sich auch seine Stücke. Nun war Tschechow sicher kein Feind der Arbeiter – einer der Liebhaber in den "Drei Schwestern" gibt etwa seinen Posten als Offizier auf, um seine berufliche Erfüllung fortan in einer (oha!) Ziegelei zu suchen – aber auch kein politischer Aktivist, der sich zu jeder Zeit und Unzeit an die Seite der Unterdrückten stellte, um lauthals Parolen zu krakehlen, mit Fahnen zu schwenken oder auch nur betroffen dreinzuschauen (siehe auch: Oskar Lafontaine, Hannelore Kraft). Tschechow hat den Menschen dann geholfen, wenn er es konnte. Als Arzt behandelte er arme Patienten umsonst, und er ließ den Schriftsteller Maxim Gorki in seinem Haus nahe der Stadt Jalta übernachten, als der zu einem Schlafverbot in Städten verurteilt wurde. In seiner Arbeit als Künstler pflegte er eher den eleganten Ton und übte trotzdem Kritik an der russischen Gesellschaft während der Zarenzeit. "Der Kluge lernt, der Dummkopf erteilt Belehrungen", lautet eines seiner Zitate, und daran hat er sich gehalten.

Wer Tschechow unbedingt mit Kausalitäten in der BRD in Zusammenhang bringen will (NOKIA!), der wird in seiner Biografie trotzdem fündig. Seine letzte Reise führte den schlauen Fuchs ins südbadische Badenweiler. Tschechow, seit seinem 24. Lebensjahr lungenkrank, reiste im Jahr 1904 auf Anraten seines Arztes in den Kurort, den er absonderlich fand. "Badenweiler ist ein sehr origineller Kurort, aber worin seine Originalität besteht, ist mir noch nicht klar geworden.", schrieb er nach Russland. Lange musste er dort nicht ausharren, denn bald nach seiner Ankunft war er tot. Badenweiler – bis heute fast in dem Zustand konserviert, den der Schrifsteller damals gesehen haben muss – hatte ihn auch nicht mit offenen Armen empfangen. Aus dem großbürgerlichen "Hotel Römerbad" wurde er weggeschickt: dort wünschte man keine Lungenkranken. Als "...reich, aber sehr unbegabt." beschrieb Tschechow seiner Schwester die Musik im Kurpark, "Man verspürt keinen Funken Talent, in nichts, keinen Funken Geschmack, aber dafür Ordnung und Ehrlichkeit im Überfluss." Eine Statue haben ihm die Bewohner der Stadt trotzdem gebaut, kurz vor dem Ende des ersten Weltkriegs wurde sie allerdings zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Zu einem Gedenkstein zwischen "einer Morinda-Fichte und einer Sumpfzypresse" hat es Mitte der Sechziger gereicht, eine neue Statue für den verlassenen Sockel gab es erst 1989 wieder. Vier übernächtigte Russen brachten sie in einem Militärlastwagen von der ehemaligen Verbannungsinsel Sachalin in Ostsibirien. So steht also heute ein bronzener Riesentschechow in einer Stadt, die er nicht mochte, und drei junge Schauspielerinnen auf der Bühne unter der NOKIA-Bahn. Kathrin Ebmeier, Studentin der Theaterwissenschaften, hat sich das Ergebnis angeschaut:

"Martin Fendrich hat einen nichtnaturalistischen Stil gefunden, um die Frage hinter dem Zerbrechen auf der Bühne zu stellen. Warum gehen sie nicht? Musik, Licht und Bühnenbild sind von ihm geschickt komponiert. Fendrich lässt die Schauspieler auf der Bühne rauchen, essen und trinken. Genau da liegt eine große Qualität der Inszenierung. Essen, Alkohol trinken und auch Rauchen sind Bedürfnisse. Und können süchtig machen. Er inszeniert Bedürfnisse und Sucht. Sehnsucht. Ein menschliches Bedürfnis? Ein Traum der nicht wahr wird, den man immer wieder träumen kann, motiviert so sehr, wie er kaputt macht. Ein Ziel, das man sich setzt, aber nie erreicht, hält einen in Bewegung, genauso sehr, wie man kurz vorm Aufgeben ist. Dieses Spannungsfeld lässt sich in einer kleinen Galerie mitten in Bochum in einer Off-Theater Inszenierung miterleben. So sehr wie jeder es auch irgendwie von sich selber kennt." Die zusätzlichen Vorstellungen finden am 19. und 20. April und am 11. und 24. Mai jeweils um 20 Uhr statt. Mehr Infos: www.rottstr.5.de
sjn