Der Pornostar der Hochkultur

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3-2-Koons-Jackson-artgrad-CC-BY-NC-ND-2Die große Jeff Koons-Schau zu Frankfurt

Alles ist prall und glänzt. Für die einen ist es Kitsch, für die anderen die zeitgemäße Fortschreibung zentraler Topoi aus Barock und Antike. Mit gleich zwei Ausstellungen wird gegenwärtig das Werk von Jeff Koons in Frankfurt gewürdigt. Kritik und Publikum sind sich einig: Es knallt noch immer. „Jeff Koons hatte sich gerade von seinem Sitz erhoben und voller Begeisterung die Arme ausgestreckt.“ Mit diesem Satz beginnt Michel Houellebecqs grandioser Künstlerroman „Karte und Gebiet“. Beschrieben wird das Gemälde „Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf“, an dem der Protagonist Jed Martin gerade scheitert. Über Koons erfährt der Leser, dass er „etwas Doppeldeutiges an sich zu haben [schien], eine Art unlösbaren Widerspruch zwischen der üblichen Gerissenheit eines Vertriebsleiters aus der Technikbranche und der Überspanntheit eines Asketen.“ Aber Jed Martin ist mit seinem Bild unzufrieden, denn „so wie [Koons] hier abgebildet war, in seinem Nadelstreifenanzug und mit seinem Handelsvertreterlächeln, ließ er ein wenig an Silvio Berlusconi denken.“ Womit ein selten daneben liegender Houellebecq auf subtile Weise sein Urteil über Jeff Koons gefällt hat.

Dauerzitat der 90er

Doch bei aller Häme, unbestritten bleibt, dass Koons einer der wichtigsten GegenwartskünstlerInnen ist. Seinen Durchbruch feierte er in den selbstverliebten 90er Jahren, als er sich mit seiner späteren Ehefrau, der Pornodarstellerin Ilona Staller, in der Made-in-Heaven-Serie in einschlägigen Posen ablichten ließ und die Pornographie somit in die Hochkultur überführte. „Endlich“, wie viele KritikerInnen seinerzeit dachten. Affirmation wurde zum Zauberwort und Koons zum Dauerzitat. Rainald Goetz widmete ihm sogar ein Theaterstück. Selten war Pop-Art so zugespitzt auf die Oberfläche getrieben worden. Bald sollten Koons Werke auf dem Kunstmarkt zweistellige Millionenbeträge erzielen. Doch sein Porno-Image wurde der Künstler nie wieder los. Was bedauernswert ist, denn mit Pornographie hat Koons nun wirklich nichts zu tun.
Bis Ende September präsentieren gleich zwei Frankfurter Ausstellungen neue und alte Werke des berüchtigten Amerikaners. In Schirn ist „Jeff Koons The Painter“ zu sehen. All diesen dort ausgestellten 45 Gemälden ist eins gemein: Sie strahlen ein starkes Verlangen aus, angeschaut zu werden.

Von Priapos zu Popeye

So auch die Tableaus der neuen „Antiquity“-Serie. Riesige Collagen, auf denen sich etwa antike Darstellungen mit 50er-Pin-ups und Vagina-Krickelkrakel überlagern. Aphrodite reitet auf einem aufblasbaren Gummi-Delphin: Pop, Klassik, Antike, Archaik - „Ich glaube an Archetypen“, erklärte Koons in einem Interview mit der Zeitschrift „Monopol“ dazu. „Antiquity“ solle darstellen, „dass die einzige wahre Erklärung, die die Menschheit besitzt, die der Biologie ist, die Erzählung unserer Gene und unserer DNS.“ Jede andere Erzählung sei falsch, so schlussfolgert der Künstler. Für Koons erzählen die Formen, die die BetrachterInnen ansprechen, immer wieder die gleiche biologische Geschichte von Mann und Frau. Noch deutlicher wird dieser Ansatz im Liebieghaus, wo „Jeff Koons The Sculptor“ zu begutachten ist. Geschickt wurden hier 44 Koons-Skulpturen zwischen Figuren aus den vergangenen Jahrtausenden der Kunstgeschichte platziert.
Popeye sei doch antik inspiriert, erklärte Koons unlängst im Interview mit „Titel, Thesen, Temperamente“. Dieser vom Spinat geschwollene Bizeps erinnere doch an das Phallische eines Priapos. Zumindest im Liebieghaus gehen diese Analogien kuratorisch auf. So wirkt der weiß-goldene Porzellan-Michael-Jackson mit seinem Affen Bubbles in der ägyptischen Abteilung keineswegs wie ein Fremdkörper. Und auch die sexuell aufgeladene „Woman in Tub“ von 1988 steht neben Andrea della Robbas Majolika-Altarfries der Himmelfahrt Mariens genau richtig. Ähnliches lässt sich über Koons „Pink Panther“ und Johann Heinrich Danneckers „Ariadne auf dem Panther“ behaupten. Es ist mehr die Evidenz als die vordergründige Respektlosigkeit, die die BetrachterInnen überzeugen kann.
Den Höhepunkt der Ausstellung bildet die magentarote „Ballon Venus“ aus verchromtem Edelstahl mit Farbglasur. In Anlehnung an die „Venus von Willendorf“ (25.000 v. Chr.) imitierte Koons einen gigantischen, verformten Modellier-Ballon, mit dem Effekt, dass ein zusammenhängender Körper mit mehreren Kammern entstanden ist. Ein Wunder des Kunsthandwerks. Allein für dieses Werk lohnt sich der Ausflug nach Frankfurt.

Jeff Koons. Liebieghaus und Schirn, Frankfurt, bis zum 23.September. Der Katalog (Hatje) kostet 49,80 €.