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3-1-web-Recht-auf-Stadt---Foto-by-Jerome-GerullRecht-auf-Stadt-Konferenz in Duisburg

Vergangenes Wochenende trafen sich in Duisburg VertreterInnen aus Politik, Kultur und Stadtentwicklung, um an drei Tagen gemeinsam darüber zu diskutieren, wie es um die kulturelle Zukunft der Ruhrgebietsstädte bestellt ist. Der Diskussionsschwerpunkt wurde dabei bewusst auf Duisburg gelegt, da die Stadt durch die Folgen der Loveparade-Katastrophe, die miserable städtische Finanzlage und mangelhaftes Kulturmanagement regelrecht brach liegt. Zahlreiche strukturelle Probleme, mit denen  die Duisburger Kulturszene zu kämpfen hat, lassen sich aber auch in den übrigen Ruhrgebietsstädten entdecken. Explosionsartige Mietanhebungen, Wohnraummangel, privatisierte Sozialbauten, teure Hochkultur. Das sind Probleme, mit denen die BewohnerInnen von Metropolen wie Berlin oder Hamburg zu kämpfen haben. Trotz zwei 400-Euro-Jobs neben dem unbezahlten Praktikum reicht das Geld dort häufig nicht aus, um nach dem Abzug der Mietkosten auch nur ein Mal im Monat auswärts zu essen. „Und trotz der Mietpreise sind die Zimmer in der Vierer-WG oft nur zwölf Quadratmeter groß“, sagt der Hamburger Jonas Füllner, der in der Recht-auf-Stadt-Bewegung aktiv ist und in seiner Heimatstadt gegen steigende Mieten kämpft. „Und für ein solches Zimmer gibt es dann trotzdem zehn Bewerber. Das ist unglaublich.“

 

Duisburg ist nicht Hamburg

Ganz anders hingegen in Duisburg. In zahlreichen Stadtteilen gibt es dort mehr leerstehende Wohnungen als Mieter. Straßenzüge wirken wie ausgestorben, ganze Stadtteile verlassen. Hippe Cafés und Programmkinos findet man hier eher selten, Callshops und unbewohnte Gebäude umso häufiger. Stadtteilbibliotheken und Schwimmbäder werden geschlossen, weil der Stadt Geld fehlt, und kommerzielle Betreiber finden sich für derartige Immobilien in der Regel nicht.
„Im Vergleich zum Ruhrgebiet hat Hamburg echte Luxusprobleme“, sagt Martin Elbl, der aus der großen Hansestadt nach Castrop-Rauxel gezogen ist und sich seit Jahren in der Recht-auf-Stadt-Bewegung engagiert. „Vieles hier im Ruhrgebiet ist bodenständiger. Anders als in den Metropolen hat das Ruhrgebiet mit schrumpfenden Städten zu kämpfen. Und ich finde es gut, dass das hier auch verhandelt wird. Man muss das Recht-auf-Stadt hier anders diskutieren.“

Recht auf Stadt

Die Recht-auf-Stadt-Idee geht zurück auf den französischen Soziologen Henri Lefebrve, der in seinem 1968 erschienenen Buch „Le droit à la ville“ (dt. „Das Recht auf Stadt“) auf die Stadtentwicklung der Nachkriegszeit reagierte, welche vor allem durch den zweckorientierten Massenwohnungsbau geprägt ist. Ein Kritikpunkt Lefebrves ist, dass die Lebensqualität einer Stadt durch die industriellen Verwertungslogik gefährdet oder gar zerstört wird. Moderne Urbanisierungsprozesse unterlaufen die Stadt als kulturellen Raum und Ort für kreative Projekte, indem Tausch- und Vermarktungswert der wichtigste Indikator für Stadtplanung wird.
Dass zur Förderung der Lebensqualität in einer Stadt die Kultur maßgeblich beiträgt, darüber sind sich alle TeilnehmerInnen der Konferenz einig. Und die verschiedenen Kurzreferate aus Oberhausen, Dortmund, Essen, aber auch Helsinki und eben Hamburg machten deutlich, dass man es, wenn man sich in einer Stadt unabhängig von jeder Insitution um Kunst und Kultur bemüht, immer wieder auf  die gleichen Probleme stößt. Und dass die kulturelle Arbeit, die viele ehrenamtlich oder durch unzureichende Finanzierung unter schwierigen Bedingungen leisten, von der Stadt weder geleistet noch gewollt wird.

Entwicklungsplan

Und so entwickelten sich aus den Diskussionen und Arbeitskreisen zahlreiche Forderungen, welche nun weiter präzisiert und der Stadtverwaltung und der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen.  So solle es in Zukunft etwa einen Kulturrat geben, der sich zum größten Teil aus KünstlerInnen und Kulturverständigen zusammensetzt und unabhängig von jeder Institution oder politischen Organen handelt. Darüber hinaus müsse die Kommunikation der unabhängigen Kulturschaffenden mit den Verantwortlichen der Stadt verbessert werden. Voraussetz­ung hierfür sei, dass in der Stadt ein Kunst- und Kultursachverständiger eingesetzt wird, der „anders als der aktuelle Duisburger Kulturdezernent auch etwas von der Materie versteht“, wie es beim Abschlussplenum heißt.  Und es ist offensichtlich, dass niemand der Anwesenden dem aktuellen Kulturdezernenten Karl Janssen eine dieser geforderten Kompetenzen auch nur im Ansatz zutraut.
Darüber hinaus soll ein Kulturentwicklungsplan erstellt werden, der aus der breiten Kulturszene erwachsen und der Stadt eine kulturelle Linie geben soll, welche sich abgrenzt vom städtischen Plan einer florierenden Hafencity mit Systemgastronomie und Massenkompatibilität. Die Kleinstadt Minden hat einen solchen Plan kürzlich vorgelegt und verbindlich verabschiedet, mit großer Zustimmung.
Viel wurde an diesem Wochenende diskutiert, und vielleicht war die Konferenz ein Anstoß, dass sich in Duisburg, aber auch ruhrgebietsweit endlich ein überfälliger Stadtdiskurs entwickelt, der sich vom Erbe des Kulturhauptstadtjahres und der fixen Idee einer Metropole Ruhr emanzipiert.